Ein Gewebe aus Glauben und Wissen

Dr. med Paul R. Franke erinnert an den vielseitigen Künstler Christof Grüger (1926 – 2014).

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Es gibt immer einen guten Grund, um unseren wundervollen Dom zu besuchen. Aber diesmal gibt es noch einen besonderen Grund, nämlich eine Ausstellung über den bedeutenden Künstler Christof Grüger. Eine solche Ausstellung ist nicht einfach, da Grüger vor allem baugebundene Kunst entworfen und gestaltet hat, d. h. seine Werke sind selten transportabel und viel zu groß um im Original ausgestellt werden zu können. Und doch hat Wilfried Kiel das Kunststück fertiggebracht eine solche Ausstellung zu konzipieren und aufzubauen. Als Ausstellungsgestalter ist Wilfried Kiel ja kein Unbekannter, vor vielen Jahren waren seine Ausstellungen im Hegel Gymnasium mit namhaften Künstlern Höhepunkte im Magdeburger Ausstellungswesen.

Christof Grüger hat vor allem für Kirchen Bleiglasfenster und Betonglaswände gestaltet, aber auch Metallarbeiten entworfen und großformatige mehrfarbige Wachsbatiken angefertigt. In Deutschland finden sich über 50 Standorte seiner Werke von Freiburg im Breisgau bis Stralsund im Norden.

Geboren wurde er am 28. Dezember 1926 in Namslau in Schlesien. Drei Verhältnisse in seiner Kindheit waren sicher prägend für seinen Lebensweg und seinen Charakter. Erstens: Die Ehe seiner Eltern war eine sogenannte „Mischehe“ – also eine katholisch-evangelische Ehe. Das trug vielleicht zu seinem toleranten Verhältnis gegenüber jedweder religiösen Betätigung bei. Zweitens: Der sehr verehrte Vater war künstlerischer Malermeister, zu dessen Ausbildung auch das Ausmalen von Kirchen und Schlössern gehörte. Sehr früh hatte Christof Grüger so Begegnung mit Farben und dem Malen, da er so viel wie möglich die Gesellschaft des über alles geliebten Vaters suchte. Nicht ohne Bedeutung dürfte drittens aber auch sein, dass er als siebentes und jüngstes Kind außer einem Bruder nur ältere Schwestern hatte. Es ist vorstellbar, dass in dieser Atmosphäre das oft typisch jungenhaft Kriegerische und Aggressive kaum Platz hatte. Nach dem Abitur als Klassenprimus 1944 wurde er zu den Panzerpionieren über Görlitz nach Weimar eingezogen – eine Zeit von der er sagte, dass es die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen wäre. Grüger wurde das Ziel von lebensgefährlichen Schikanen der Vorgesetzten und sogenannter Kameraden, so dass man fast von Tötungsanschlägen sprechen könnte. So unbegabt war der vielfach Begabte zu jedem militärischen Handwerk, dass er krank und kränker wurde und man ihm sogar wegen vermeintlichen Simulierens mit Buchenwald drohte. Aber er hatte ärztliche Schutzengel in deutscher Uniform, so dass er in das Lazarett kam. Die Amerikaner kamen näher, seine Einheit setzte sich aus Weimar ab und ließ ihn mit drei anderen Kranken zurück. So übergab er am 12. April 1945 in gepflegtem Englisch seine Kaserne den Amerikanern und entließ sich dann selbst in die ersehnte zivile Freiheit.

Bald danach begann er seine künstlerische Ausbildung an der Hochschule für Architektur und bildende Kunst in Weimar, die er aber nicht abschließen konnte, da 1949 die Anordnung des Kulturkommissars Dymschitz der sowjetischen Militäradministration erging, nachdem der sozialistische Realismus die einzige Kunstform zu sein habe. Ehemalige Bauhauslehrer und Dozenten wurden von der Kunsthochschule entlassen und nach Studentenprotesten im Weimarer Nationaltheater verließ auch Grüger die Hochschule. Leider ist von seinen malerischen Arbeiten aus der Weimarer Zeit nichts erhalten geblieben.

Der einzige legitime Ort, wo er modern arbeiten konnte, war die Kirche. Eine Holzbildhauerin, Frau Nahmacher aus Greiz, brachte ihn etwa 1951 dazu, sich mit der Wachsbatik zu beschäftigen. Der Altarbildteppich „Auferstehungsgang“ für die Kirche in Schwarzheide war erste öffentliche kirchliche Arbeit, der viele weitere folgen sollten. Er zog nach Schönebeck, wohin es seine Familie nach der Vertreibung aus Schlesien verschlagen hatte. Die Familie wohnte auf dem Dachboden in dem Haus von Katharina Heise, wo er auch sein Atelier hatte. Mit ihr pflegte er über viele Jahre künstlerischen Austausch. Mitte der fünfziger Jahre entstanden seine ersten Bleiglasfenster für die Kirchen in Nachterstedt und Schönebeck-Frohse. Sobald es in der DDR möglich war benutzte er auch Betonglas, da hier auch die Struktur und die Lichtbrechungen an den Kanten der Glasblöcke besondere Effekte hervorbringen, was bei der Bleiverglasung nicht der Fall ist. So wurden die Marien-Kirche in Meiningen (1972) und die Bonifatius-Kirche in Leinefelde (1989-2009) gewissermaßen zu Grügerschen Gesamtkunstwerken mit riesigen Betonglaswänden einschließlich der Gestaltung der Nebenräume. In der St. Mechthild-Kirche in Magdeburg kann man ebenfalls solche Wände bewundern.

Zu der Meininger Kirche gibt es noch eine nette Anekdote. Die dortige katholische Gemeinde bekam 1967 von den staatlichen Stellen eine alte, baufällige Kirche zur Nutzung übereignet. Bei der Renovierung fiel – reiner Zufall! – eine Wand in sich zusammen und es wurde durch westliche Hilfe der jetzige Prachtbau daraus. Bei der Einweihung bemerkte der damalige SED-Kreisbaudirektor vorwurfsvoll: „So sind die Katholiken. Sie beantragen die Genehmigung für ein Scheißhaus – und dann wird ein Dom daraus.” „Na, ist doch besser als umgekehrt”, antwortete der Pfarrer. In dieser Kirche befindet sich als Kreuzweg noch ein weiteres bemerkenswertes Kunstwerk von ihm, eine zehn Meter lange mehrfarbige Wachsbatik, vermutlich die längste der Welt. Er fertigte viele große Wachsbatiken an. Eine, der „Feuervogel“, hängt auch im Schönebecker Rathaus. Man stelle sich die Mühsal vor: Alles was nicht mit der ersten Farbe gefärbt werden sollte, wird mit Wachs abgedeckt. Dann kam der Stoff in das Färbebad – seine Badewanne! Nach dem Trocknen zur chemischen Reinigung nach Magdeburg, um das Wachs zu entfernen. Dann die gleiche Prozedur für die nächste Farbe und so weiter, in vier bis fünf Farbgängen.

Grüger war ein sanfter Mann mit der Ausstrahlung eines Weisen. Nicht nur in der Kunst, der klassischen Musik und der Religion war er zuhause, auch in den Naturwissenschaften interessierte ihn fast alles. Er verstand es wie der Magister Ludi Joseph Knecht aus Hesses „Glasperlenspiel“ all sein Wissen miteinander zu verweben und die verschiedenen Wissensgebiete untereinander in tiefe und sinnvolle Bezüge zu setzen. Einen großen Teil dieser kostbaren geistigen Gewebe aus Glauben, Wissen und Können finden wir als stoff- und glasgewordenes Glasperlenspiel in seinen Werken als Batiken und Glasgestaltungen wieder – materialisierter und zugleich ernsthaft-fröhlich spielender Geist. Für ihn waren Religionen, insbesondere natürlich das Christentum und Naturwissenschaft kein Widerspruch. So gestaltete er die Glasfenster der Schönebecker katholischen Kirche unter dem Titel „Der Lobgesang der vernunftlosen und der vernunftbegabten Schöpfung“ (1971). Grüger fand sich bei der Konzeption zu diesem Werk in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen des Jesuitenpaters Teilhard de Chardin (1881-1955), dessen Werk „Der Mensch im Kosmos“ von der Kirche abgelehnt und erst nach seinem Tode gedruckt wurde, in der DDR übrigens 1959. Ein ähnliches Thema, nämlich „Das Weltbild des Teilhard de Chardin“ stellte 1964 schon das wunderbare Mosaik in der Apsis der Kapelle des Marienstiftes zu Magdeburg dar. Wobei wir bei einem weiteren Feld der Grügerschen Kunst sind: Nicht nur Glasarbeiten und Batiken schuf er, sondern auch wundervolle thematische Mosaike wurden nach seinen Entwürfen angefertigt. Als viertes kommen noch nach seinen Entwürfen gestaltete Metallplastiken dazu, wovon hier nur zwei genannt werden können: In der Schönebecker Marienkirche „Der wiederkehrende Christus“, der dort hinter und über dem Altar hängt, dort, wo sich sonst in den meisten Kirchen das Abbild des gekreuzigten Christus befindet. Sehr berührend und auch mit religiösem Bezug das Holocaust-Mahnmal (1998) in Schönebeck, wo in zwei große, sich öffnende Hände die Namen der deportierten und ermordeten Schönebecker Juden mit einem Laser eingeschrieben wurden – in Anlehnung an den Spruch aus Jesaja 49, 16: „Ich vergesse Dich nicht – siehe: in meine Hände habe ich Dich eingegraben“.

1976 war Christof Grüger inzwischen so bekannt, dass auch der Verband der bildenden Künstler der DDR nicht mehr umhin konnte, ihn als Mitglied aufzunehmen, nachdem ihm diese Mitgliedschaft lange verwehrt worden war. Nun war auch der Weg offen für Arbeiten in außerkirchlichen Räumen. Auch hier entstanden große beeindruckende Betonglaswände wie die „Tageszeiten“ in der Schönebecker Turnhalle oder das Thema „Krankheit – Eingriff – Genesung” im Foyer des Bettenhauses der Leipziger Universitätsklinik. Aber auch die Bleiglasarbeiten möchte ich hier nicht unerwähnt lassen, z. B. die sich einfühlsam der Architektur und dem Interieur des Raumes anpassenden „5 Jahreszeiten“ im Jugendstilsaal der ehemaligen Magdeburger Bezirksbibliothek, dem früheren Logenhaus der Freimaurer. Ja richtig: 5 Jahreszeiten – auch Kurt Tucholsky beschrieb übrigens die fünfte Jahreszeit. Wir kennen sie als den Altweibersommer – die Kanadier nennen diese fünfte Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst den Indianersommer.

Am 31. März 2014 verstarb er friedlich nach einem schaffensreichen Leben. Kurz vor seinem Tode sagte er zu mir: „Es ist schon recht sinnvoll, dass man im Alter so alle möglichen Leiden hat – da hängt man dann nicht mehr so an seinem Leben.“

Man kann Wilfried Kiel und der Domgemeinde für diese schöne Ausstellung nicht genug dankbar sein, zu deren Eröffnung fast 150 Gäste kamen. Dazu hat W. Kiel auch noch einen vorzüglichen Katalog gestaltet, der für einen Spottpreis von 5 € erhältlich ist. Das einzig Traurige ist, dass der Raum für das Werk Grügers im Dom so beschränkt ist. Eine große Personalausstellung mit großformatigen Abbildungen seiner Werke im Kunstmuseum Magdeburg wäre wünschenswert – aber damit ist wohl nicht zu rechnen.

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