Ein Jahr Gekrönte Zeit

Es wird ein ganz besonderes Jahr, dachten sich Tabea und Tobias Wollner im Januar mit Blick auf den großen Wandkalender 2020. Er zeigte die bereits vereinbarten Auftrittstermine bis zum Jahresende. Die Übersicht ließ das Herz der Künstler höher schlagen. Es waren so viele wie noch nie.

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Ein besonderes Jahr wurde es – wenn auch ganz anders. Kaum waren die ersten Vorhänge der Saison 2020 gefallen, forderte Corona ihren ersten Tribut. „Wir bleiben zu Hause“ war das große Motto geworden. Auch wenn es zunächst kein Veranstaltungsverbot gab, stellte sich die große Frage: Wie weiter? Die Beschlüsse zu den Corona-Kontaktbeschränkungen kamen zögerlich und immer andere. „Das Schlimmste“, so resümiert Tabea Wollner, „war die Ungewissheit“. Dieses Nein-Ja-Nein-Hin-und-Her hat ihr zwischen Hoffnung und Verzweiflung Herzrasen bereitet. Schließlich ist sie in ein „tiefes Loch“ gefallen, in dem sie Angst hatte zu versinken. Wieder herauszukommen, hat Kraft gekostet. Sich selbst zu überzeugen und einen neuen Weg zu finden. „Was kann ich denn sonst noch?“, fragte sie sich.

Als Tabea Wollner zu Hause in ihrer Sudenburger Wohnung vor sich hin sinnte, fielen ihr die Kreidestifte wieder ein, die ihr vor 25 Jahren Bruder Tobias geschenkt hatte. „Du solltest wieder malen“, hatte er damals gemeint. Doch es war nicht die Zeit dafür gewesen. Jetzt hingegen war genau die richtige Zeit, wieder zurück zu den Wurzeln zu gehen. Tabea Wollner hat schon immer gern gemalt und gezeichnet, wollte einst Kunst studieren. Sie bewarb sich, doch angeblich war ihre Bewerbungsmappe zu spät an der Hochschule angekommen. Auch wenn sie später erfuhr, dass wohl vielmehr ihre Herkunft aus dem elterlichen Pfarrhaus der Grund für diese Ausrede gewesen sei. Da nutzte sie ihre Stimme und studierte – nach einer Ausbildung zum C-Kantor – Gesang an der Hochschule Magdeburg, schloss 1997 mit Diplom ab.

Seit über 20 Jahren ist sie freiberuflich als Künstlerin tätig, tritt mit ihrem Bruder Tobias als T&T Wollner auf. Sie kreieren grandiose Bühnenprogramme. Wo auch immer sie auftreten, sind die Eintrittskarten schnell ausverkauft. Ihre ganz spezielle Mischung aus Musik und Geschichten zeigen Können und Wissen, bewegt die Zuschauer, lässt sie träumen, schwärmen, gibt ihnen Hoffnung, Kraft und Energie, macht einfach glücklich. Ein Glück, dass auf die Bühne zurückkehrt. Applaus als Lohn des Künstlers. Doch vom Applaus allein kann man nicht leben. Und so trifft es die Kunst jetzt besonders hart – ohne Auftritte, ohne Applaus, ohne Einkommen. Sie will nicht jammern, sagt Tabea Wollner und lässt ihr zauberhaftes Lächeln ans Licht. Sie habe wenigstens etwas Geld aus dem Hilfsprogramm für freischaffende Künstler bekommen. 1.000 Euro für sieben Monate. Jeder kann sich selbst einen Reim darauf machen, wie lange das wohl reicht. Aber besser als gar nichts.

In so einer Zeit, so sagt die Künstlerin, zeigt sich das Wesen der Menschen. Dass selbst jene anders können, die eben noch gejubelt haben beim Auftritt. „Das ist neu“, sinniert sie leise. Da war diese Begegnung mit einer Zuschauerin, die ihr dankte für den wundervollen Abend und dann sagte: „aber systemrelevant ist das ja wohl nicht“. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Tabea Wollner scheint mit den Tränen zu kämpfen, als sie davon erzählt. Leute zu erfreuen ist nicht systemrelevant. Ihnen Mut, Hoffnung, Liebe, Optimismus, Kraft zu geben – ist nicht systemrelevant?

Zu Hause sitzen und grübeln ist auf Dauer nichts für Tabea Wollner. Die Wahlmagdeburgerin holte Stifte und Papier hervor und begann zu zeichnen. Die Stifte flogen übers Papier, machten sich fast selbstständig und ließen aus Gedanken Figuren entstehen. Sie zeichnete und zeichnete und … schuf Bilder, die nun in einer Ausstellung präsentiert werden. Sie trägt den Titel „Gekrönte Zeit“. Gekrönte Zeit? Das kann für 2020 wohl kulturell kaum gelten, da so viele Künstler ums Überleben kämpfen. Doch man kann auch sagen: Tabea Wollner setzt dem Jahr die Krone auf. Künstlerisch. Wie sonst.

87 Kreide- und Bleistiftzeichnungen präsentiert Tabea Wollner in der Galerie „da oben“ im Kulturzentrum Feuerwache. Bis auf zwei Ausnahmen sind alle in diesem besonderen Jahr entstanden. Manche Gedanken vermutet man an den Titeln zu ahnen: „Ich war so lange wütend, jetzt habe ich keine Lust mehr“, „Ich warte auf den nächsten Frühling“, „Erschöpfte Sanftmut“, „Man müsste Hoffnung speichern können“ – aber auch „Sehr zufrieden mit dem Tag“ oder „Es sind die 2 Minuten am Tag, die ich mir alle 2 Minuten gönne“. Während wir über die Titelgebung reden, offenbart die Künstlerin wunderbares Lachen. Die Bildernamen sind bewusst formuliert in Bezug auf das vergangene Jahr, aber sie belegen auch ihren Humor. Bei der Gestaltung der Exposition hatte die Künstlerin Unterstützung von Sandy Gärtner und Hans-Georg Wilk. „Ohne ihre Hilfe hätte ich es nicht geschafft“, sagt sie dankbar.

Die Bilder stehen nicht für sich allein, sondern bilden eine eingerahmte Kombination. Zu jedem ist das Passepartout von Tabea Wollner maßgefertigt worden, zu jedem ein entsprechender Rahmen gefasst. Und wofür sich kein passender finden wollte, hat die Künstlerin ihn selbst gestaltet. Manchmal reichte auch eine leichte farbliche Veränderung. Es ist erstaunlich, mit welcher Akribie sie vorgeht, wie genau sie auf noch so winzige Details achtet, obwohl manche Zeichnungen wirken als verlöre sich das Farbspiel auf dem Untergrund.

Es ist Dezember. Der Monat, in dem Künstler wie Tabea Wollner, die mit ihrem Bruder Tobias unter anderem wunderbare Weihnachtsprogramme präsentiert, durch zahlreiche Auftritte einen Großteil ihrer Einnahmen verdienen. Einnahmen, die das (Über)Leben für die nächsten Monate sichert. In diesem Jahr nicht. Wieder ist die Kulturszene zum Stillstand verurteilt. „Was alles weggebrochen ist, ist nicht zu beschreiben“, sagt die Sängerin mit traurigem Blick. Dann huscht wieder ein Lächeln über ihr Gesicht und mit fester Stimme sagt sie: „Irgendwas wird sich schon ergeben.“

Zunächst die Ausstellung. Auch wenn die Vernissage wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen leider ausfallen musste, sind die Bilder im Kulturzentrum Feuerwache am Ambrosiusplatz zu sehen – und zu erwerben. Besuch ist jedoch ausschließlich mit Voranmeldung möglich: Unter der Telefonnummer (0391) 60 28 09 oder schriftlich an mail@feuerwachemd.de. Birgit Ahlert