Samstag, Oktober 16, 2021
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Ein Leben für die Malkunst

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Eine Skizze zu Recherchen über das Leben und Wirken der Quedlinburger Malerin
Dorothea Milde (1887 – 1964)

Erschreckend war das Erscheinungsbild der Malerin und Grafikerin Dorothea Milde im Stadtbild von Quedlinburg in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die durch ihren „verwahrlosten“ Anblick Hohn und Spott von Kinderscharen auf sich zog, und uns heute, wo wir mehr um ihr Schicksal wissen, nur zu hoffen bleibt, dass ihre Taubheit damals die Wahrnehmung der verletzenden Zurufe beeinträchtigte. Nach ihrem Tode wurde ihr künstlerischer Nachlass, dem ein Aderlass durch die Unbilden der Zeit, wie Diebstahl und schlechte Wohnverhältnisse vorausging, ihrem Wunsche entsprechend dem Gleimhaus in Halberstadt, einem Museum der Deutschen Aufklärung überantwortet. Sporadische Publikationen, wie z. B. im „Neuer familienkundlicher Abend“ des Förderkreises des Gleimhauses über ihre Arbeiten, weckten immer wieder ein öffentliches Interesse an ihren Werken.

In den grafischen Sammlungen des Schlossmuseums Quedlinburg befinden sich 36 Werke von Dorothea Milde, die im Jahre 2000 in einer Sonderausstellung präsentiert wurden. Anlässlich ihres 40. Todestages erschien 2004 ein Kalender mit Grafiken und Auszügen aus ihren Tagebüchern, die im Gleimhaus verblieben waren. Der Herausgeber war ein ehemaliger Quedlinburger Bürger, der die Künstlerin noch persönlich kannte und dessen Mutter einer der „Wandervögel“ war, mit denen Dorothea Milde in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts deutschlandweit unterwegs war. Diese Grafiken und insbesondere ihre handschriftlichen Tagebuchnotizen berührten derart, dass ich den Kalender bis zum Ende meiner beruflichen Tätigkeit im Dezember 2012 in meinem Dienstzimmer hütete und die Quedlinburger Malerin auch zu Hause immer wieder Gesprächsthema wurde.

In der Konsequenz beschlossen meine Frau und ich, gezielt zu recherchieren. Wir begaben uns also auf die Suche nach verbliebenen Zeichen des Wirkens dieser deutschen Künstlerin. Spuren hat sie viele hinterlassen mit ihren akribischen Federzeichnungen, Drucken, Holzschnitten Lithographien und Gouachen. Bald mussten wir feststellen, dass jede neue Erkenntnis mit vielen neuen Fragen verbunden war.

Noch heute ist über die Homepage des Gleimhauses zu lesen, dass die Quedlinburger Malerin Dorothea Milde gelegentlich als zweite Käthe Kollwitz bezeichnet wurde. Außerdem hätte sie in einem regen Kontakt zu den Künstlern der Worpsweder Künstlerkolonie gestanden. An anderer Stelle wird sogar auf die engen freundschaftlichen Bande zu Paula Modersohn-Becker verwiesen. Aber wie kann das sein? Dorothea Milde hat weder in ihren Werken, deren Motive überwiegend Landschaft und Architektur beinhalten, Figürliches und schon gar keine sozialkritischen Themen behandelt. Auch in ihren im Gleimhaus verbliebenen Tagebüchern sowie retrospektiven Aufzeichnungen findet sich dazu nichts. Dort dominiert anfangs die „Kameradschaft“ als Leitbild der Wandervogelbewegung mit der Motivation „…anderen Freude geben aus eigener Kraft…“, später eher ihr Wunsch nach Einsamkeit. Als Paula Modersohn-Becker im November 1907 wenige Wochen nach der Entbindung von ihrer Tochter stirbt, befindet sich Dorothea Milde noch mitten in ihrem Studium an der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau.

Dorothea Milde wird am 18. Oktober 1887 als jüngstes von vier Kindern einer Kaufmanns- und Kürschnersfamilie in Breslau geboren. Früh stirbt ihr Vater. Mit Fahrrad und Skizzenbuch ist sie auf Motivsuche für ihre Zeichnungen im Riesengebirge unterwegs. Die Mutter fördert trotz aller Widrigkeiten die offensichtliche künstlerische Begabung der Tochter. Nach Vorbereitungskursen bei Professor Arnold Busch ermöglicht sie ihr ein Studium an der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau, allerdings hinterlassen der frühe Tod ihres besonders geliebten Bruders und eine schwere psychiatrische Erkrankung der Mutter Schwermut auf ihrer jungen Seele, die sich immer wieder auch in ihren Werken widerspiegelt.

Nach einem einjährigen Aufenthalt in Gelsenkirchen findet Dorothea Milde eine feste Anstellung als Zeichen- und Turnlehrerin an der Höheren Töchterschule in Quedlinburg. Neben ihrer Lehramtstätigkeit arbeitete sie konsequent an ihrer künstlerischen Weiterbildung. So führten sie ihre Studien mit dem Münchner Professor Peter-Paul Müller in den Ferien in das Salzkammergut, nach Mecklenburg und an die Ostsee. Allerdings waren die Schulferien zu kurz, um ein Ölbild in der notwendigen Perfektion vollenden zu können, und zunehmende Verpflichtungen im Lehramt für Dorothea Milde zu kräftezehrend, so dass sie sich immer mehr grafischen Techniken zuwandte.

Diese Vorliebe für grafische Arbeiten veranlasst sie, den Schuldienst zu unterbrechen und sie nimmt Studienurlaub. Ihre Vertretung muss sie allerdings selbst bezahlen. Sie eignet sich bei Oskar Georg Erler an der damaligen „Königlichen Kunstgewerbeschule“ in Dresden, der die Techniken der Radierungen meis-terhaft beherrschte, solides fachliches Rüstzeug an. Wiederholt kämpft sie gegen die Schwermut, die ihre bisherigen Werke kennzeichneten. Erst der Dresdener Maler Ernst Hanusch ermutigt sie, ihrem eigenen Stil zu folgen und sich in ihren Werken dazu zu bekennen. „Immer weniger Blätter verschwanden im Papierkorb…“, schreibt sie in ihr Tagebuch. So erscheint ihre Federzeichnung „Stille Gasse“ in der Zeitschrift „Der Kunstwart“. Herausgeber ist Ferdinand Avenarius. Die zeichnerische Vorlage für die Blei- und Farbdrucke existiert heute noch.

Ein großer Teil ihres Gesamtwerkes ist heute im Gleimhaus über museum-digital.de in sehr informativer und ansprechender Weise einsehbar. Von Dorothea Milde bevorzugte Studienziele für ihre Motivsuche waren die Harzregion, die Lüneburger Heide, die Nordseeinsel Baltrum und das Seebad Ording bei St. Peter. Ihre Studien setzt sie zu Hause in Lithographien, Kupferdrucke und vor allem in Holzschnitte um.

Eine zweite Quelle für unsere Nachforschungen fand sich im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf der Burg Ludwigstein. Viele Aufbruch- und Reformbewegungen des 20. Jahrhunderts waren mit der Jugendbewegung eng verbunden. Nachdem während der Zeit des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges sämtliche Bestände verloren gingen, erfolgte 1945 ein Neuaufbau. An ihm sind Wandervogelkameraden von Dorothea Milde wie Hans Heeren, ein leidenschaftlicher Kunstsammler, Hans Wolf und Peter Harlan federführend beteiligt. Letzterer begründete das Archiv der Jugendmusikbewegung. Ihre Aufforderungen zu Beginn der 60er Jahre an die Quedlinburger Malerin zur Mithilfe beim Aufbau des Archivs und zur Überlassung ihres umfangreichen Bildmaterials, das sie vormals maßgeblichen Zeitschriften der Wandervogelbewegung quasi unentgeltlich überließ, blieben von ihr unerwidert. In ihren Aufzeichnungen aus dem Jahre 1914 erschließt sich uns eine dritte Quelle.

In diesem Jahr studiert sie an der Kunstakademie in Weimar bei Walther Klemm Holzschnitt und bei dem ehemaligen Worpsweder Fritz Mackensen Akt, der ihr ausdrücklich zur „Freischule“ verhelfen wollte. Der Beginn des ersten Weltkrieges zerstörte all diese Vorhaben. Mit ihren Tagebuchnotizen über den ihr besonders nahestehenden Kommilitonen an der Großherzoglichen Sächsischen Hochschule Weimar für Bildende Kunst Franz Dettler im Frühjahr 1914, mit dem sie die glücklichsten Tage ihres bisherigen Lebens verbringt, führt uns die weitere Suche in das Hauptstaatsarchiv Weimar und berührt den ersten großen Stellungskrieg um die Lorettohöhen im ers-ten Weltkrieg noch vor Verdun. Dank ihrer Anmerkungen erscheint sein Name heute im Gedenkbuch des deutschen Soldatenfriedhofes Lens-Sallaumines, Départment Pas-de-Calais, 15 Kilometer nördlich von Arras.

Das vollständig erhalten gebliebene Archiv des kleinen Kunstverlages aus Berlin-Zehlendorf des Verlegers Fritz Heyder ist die vierte und unseres Erachtens nach besonders kostbare Quelle für die Recherchen gewesen, weil es neben den Anstrengungen und Bemühungen der Quedinburger Malerin um Reputation in der Öffentlichkeit Berührungspunkte mit anderen Künstlern vor einem konkreten Zeitgeschehen offenbart. Kostbar insofern, weil die Kor- respondenzen die Briefe und Ansichtssendungen der Künstler an den Verleger wie auch die Durchschläge der Briefe des Verlegers an die Künstler enthalten. Das Lebenswerk von Fritz Heyder ist der Kalender „Kunst und Leben“. In diesem Abrisskalender hat der Verleger für jeden Sonntag ein Blatt grafischer SCHWARZ-WEISS-KUNST unter Vorbehalt des Erstveröffentlichungsrechtes und für den Wochenverlauf lyrische, philosophische, sozialpolitische und kunstkritische Texte ausgewählt. Die Auflage erreicht 15.000 bis 20.000 Exemplare im Jahr.

Am Sonntag, dem 19. Dezember 1915, erscheinen hier Dorothea Mildes „Weiden am Bache“ nach dem Originalholzschnitt. Wohlweislich räumt der Verleger bei der Auswahl der Kalenderblätter deutschen Landschaften mit der ihnen eigenen Idylle den Vorzug ein und nimmt bewusst Abstand von Kriegsmotiven. Neben Max Liebermann und Käthe Kollwitz publiziert Fritz Heyder u. a. auch Werke von Heinrich Vogeler, Walther Klemm, Max Klinger, Alfred Kubin, Max Slevogt, Reinhold Hoberg, Hugo Reinhold Höppner (Fidus), George Grosz, Willbald Krain, Tony Hallbauer, Martha Schrag und Margarete Havemann.

Die mageren Honorare, die Dorothea Milde mit der Veröffentlichung ihrer Werke über die Verlage erhält, reichen letztlich zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes nicht aus. Daher investiert sie in die Schaffung eines Selbstverlages, um ihre Drucke, Kunstmappen und Postkarten einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und ihre Existenz sichern zu können. Ihre äußerlich ansprechenden und an den ausklingenden Jugendstil erinnernden Kunstmappen „Burg Falkenstein“, „Das Schloß zu Quedlinburg“, „Heimat“ und „Blasiikirche“ gibt sie in verschiedenen Varianten heraus. Eine Reihe ihrer Werke wird auch über die Strukturen ihres Berliner Verlegers Fritz Heyder vertrieben, ohne in den eigentlichen Verlagswerken publiziert worden zu sein. Die Abrechnungsmodalitäten sind vielfältig. Noch in einer Korrespondenz mit ihrem Berliner Verleger Fritz Heyder kündigt Dorothea Milde am 12. März 1926 ein Gesamtverzeichnis ihrer Werke an und bittet daher, ihr die Möglichkeit einer temporären Rückgabe einiger Originalarbeiten einzuräumen. Dieses Werksverzeichnis selbst anzulegen war ihr auf Grund widriger Umstände, wie existentielle Nöte in der Weltwirtschaftskrise und gesundheitliche Beeinträchtigung, leider nicht vergönnt. Ihre große Liebe zur Natur aber ließ Werke entstehen, die gleichermaßen das Wesen der Landschaft und die Schwermut ihrer Seele in eindrucksvoller Weise offenbaren. Am 19. August 1928 erscheint ihre Federzeichnung „Moorbrücke“ im Kalender „Kunst und Leben“, reproduziert als Strichätzung. Eine zunehmende Schwerhörigkeit ist ein großes Hindernis bei der Ausübung ihres Berufes als Lehrerin, die sie bereits 1929 zur Aufgabe ihres Berufes zwingt.

Ihren Lebensunterhalt bestritt sie seit dem mit ihrer berühmten Deutschen Schäferhundezucht, die sie selbst auf den Zeitraum von 1929 bis 1955 datiert. Ihr Zuchtzwinger genießt deutschlandweit Anerkennung. „Vom Bergnest“ ist sein stolzer Name. Er ist dem Vokabular der Wandervögel entlehnt. In ihrem Lebenslauf beklagt sie die später folgenden Widrigkeiten, die ihre „erstklassigen Leistungstiere“ erdulden mussten und denen sie später erlegen waren.

Ihr Herz schlägt weiter
für die Kunst!
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges versuchte sie anfangs, die ihr verbliebenen Kunstmappen und Drucke ihrer Radierungen aus dem Selbstverlag zu verkaufen. Da sich in dieser Zeit viele Menschen in existenziellen Nöten befanden, verschenkte sie später Restbestände ihrer Werke in Postkartenformat, sogar noch während ihrer immer häufiger sich als notwendig erweisenden Krankenhausaufenthalte an Mitpatienten. Ein kräftezehrender Kampf um ihr Grundstück beeinträchtigte ihre Gesundheit erheblich. Ein Schriftwechsel zwischen einer ehemaligen Schülerin von Dorothea Milde und der Malerin und Grafikerin Lea Grundig, der Schriftstellerin Auguste Lazar und den Schriftstellern Rudolf Hirsch und Willi Bredel, weist auf finanzielle und juristische Hilfe zum Erhalt der Wohnstätte und ihres Wohnrechtes der damals über 70-jährigen Malerin hin. Dorothea Milde verstirbt am 9. September 1964 in Quedlinburg.
Erst nach dem Erscheinen unserer Publikationen „… Das Gute bedarf des Lobens nicht …“ und „…warum will mir das mit den Verlegern nicht gelingen!“, die Titel sind ihren Tagebüchern bzw. ihren Kor- respondenzen mit ihrem Verleger Fritz Heyder entlehnt, tauchte in einem Quedlinburger Antiquariat eine große Kollwitz-Mappe aus dem Kunstwart Verlag auf, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschien und sich ursprünglich im Privatbesitz von Dorothea Milde befand. Forensischer Spürsinn und eine gewisse Detailversessenheit führten uns über Ording bei St. Peter von Dorothea Milde zu Käthe Kollwitz und fanden ihren Niederschlag in unserer letzten Publikation „Fragmente eines Nachlasses der Quedlinburger Malerin Dorothea Milde (1887 – 1964)“. Diese Fragmente machten uns wieder einmal bewusst, dass das Gebiet der Kunst ein himmlisches ist. Da gibt es die Sterne mit großer Strahlkraft und die Sterne mit kleiner Strahlkraft und alle sind sie notwendig, denn erst in ihrer Gesamtheit verleihen sie dem Firmament seinen ihm ganz eigenen Glanz. Zu diesem Glanz hat die Quedlinburger Malerin Dorothea Milde ihren Teil beigetragen.
Dr. med. Michael Kunze

Literatur
Kunze, Beate und Michael
„…Das Gute bedarf des Lobens nicht…
Dorothea Milde – ein Künstlerschicksal“
callidus. Verlag wissenschaftlicher Publikationen,
Wismar 2017, ISBN 978-3 940677-67-9

Kunze, Michael
„…warum will mir das mit den Verlegern nicht gelingen!“ Dorothea Milde und ihre Korrespondenz mit dem Fritz Heyder Verlag
callidus. Verlag wissenschaftlicher Publikationen, Wismar 2018, ISBN 978-3-940677-66-2

Kunze, Beate und Michael „Fragmente eines Nachlasses“ der Quedlinburger Malerin und Grafikerin Dorothea Milde (1887-1964), Ergänzungsheft zur Monographie
„…warum will mir das mit den Verlegern nicht gelingen!“ Dorothea Milde und ihre Korrespondenz mit dem Fritz Heyder Verlag,
callidus. Verlag, Wismar 2021

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