Ein Stückchen Normalität im Museum Magdeburg

Einsam steht sie in ihrer Vitrine im Kulturhistorischen Museum Magdeburg – die Lekythos. Eine weißgrundige Vase aus Griechenland, verwendet als Salbölgefäß, hergestellt im Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus. Und fast hätte sie von der Öffentlichkeit unbeachtet Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt wieder verlassen. Weil für einige Wochen das Museum für Besucher geschlossen war. Corona … Sie wissen schon. Doch seit 5. Mai dürfen das Kulturhistorische Museum und das Museum für Naturkunde Magdeburg wieder interessierte Gäste empfangen – das Dommuseum Ottonianum seit 12. Mai. So besteht auch die Möglichkeit, einen Blick auf die Lekythos zu erhaschen, bevor diese wieder an die Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin zurückgegeben wird.

Dort wird sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vermisst. Bis in die dreißiger Jahre war die Vase im Alten Museum ausgestellt. Bei Kriegsbeginn war sie zu ihrem Schutz verpackt und in einer Kiste im Keller des Pergamonmuseums aufbewahrt worden. Was danach geschah, ist nicht bekannt. Erst im Zuge der Neueinrichtung der Kunstsammlungen in Magdeburg hatte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums entdeckt, dass eine der Vasen aus dem Nachlass Riecke, der 2001 an das Kulturhistorische Museum Magdeburg ging, mit der verlorenen Berliner Lekythos identisch sein könnte. Langwierige Recherchen bestätigten schließlich diese Vermutung und die Landeshauptstadt Magdeburg als Träger des Museums entschloss sich daher zur Rückgabe des Objektes. Künftig wird das attische Salbölgefäß also im Hauptgeschoss des Alten Museums auf der Museumsinsel Berlin präsentiert.

In Magdeburg wird die Lekythos nur noch bis zum 17. Mai zu sehen sein. Natürlich mit gewissen Auflagen in Bezug auf den Museumsbesuch. Auf einer Fläche von zehn Quadratmetern darf sich nur eine Person aufhalten. Die Kontaktdaten müssen gemäß Datenschutzgrundverordnung erfasst werden. Die Sanitärräume sind mit Desinfektionsmitteln ausgestattet und werden – ebenso wie die Schauräume – regelmäßig gereinigt. Hinzu kommt, dass es in nächster Zeit keine Führungen, Veranstaltungen oder Vorträge geben wird, um eine Gruppenbildung zu vermeiden. „Wir haben das Glück, dass die Schauräume im Kulturhistorischen Museum und im Museum für Naturkunde so groß sind, dass wir auf eine Wegeführung verzichten können und die Besucherzahl nicht begrenzen müssen“, erklärt Dr. Gabriele Köster, Direktorin der Magdeburger Museen. „Lediglich im Kassenbereich und in einer Ausstellung gelten strengere Regeln.“ Im Schauraum „Ötzi – der Mann aus dem Eis“ dürfen sich aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nur 14 Personen gleichzeitig aufhalten. Zudem gibt es in der Ausstellung, die den steinzeitlichen Mumienfund näher beleuchtet, einen separaten Ein- und Ausgang.

Das seien zwar nicht die einzigen Einschränkungen, „aber wir haben Glück im Unglück“, so die Leiterin der Magdeburger Museen. „Das Wichtigste ist, dass all unsere Mitarbeiter gesund sind. Es war zwar ein komisches Gefühl, während der Schließzeit durch das Museum zu gehen und keine Besucher anzutreffen, aber es gab zahlreiche Arbeiten zu tun, die wir im Normalbetrieb vermutlich nicht ohne weiteres hätten erledigen können.“ Es wurde Inventur gemacht, das Warenlager wurde überprüft, die Vitrinen wurden geputzt. Katalogtexte für die nächsten Ausstellungen mussten geschrieben und Konzepte mussten erarbeitet werden. „Hinzu kommt, dass derzeit die Fassaden in den Innenhöfen restauriert und die Dächer teilweise neu eingedeckt werden. Außerdem finden Bauarbeiten statt, um auch künftig den Brandschutz gewährleisten zu können“, schildert Gabriele Köster. „Aus diesen Gründen bleibt die Dauerausstellung Stadtgeschichte bis zum Jahresende geschlossen. Die Dauerausstellung Schulgeschichte ist davon jedoch nicht betroffen.“

Anders als das historische Spiel „Megedeborch“, das in diesem Jahr nicht stattfinden kann. Ein schmerzhafter Ausfall – wie die Museumsleiterin findet. „Auch mit Blick auf andere Veranstaltungen, die wir absagen mussten, ist das sehr schade. Dennoch sind wir froh, dass wir all unsere Ausstellungen wie geplant zeigen können.“ Nur eben ohne Vernissage, Matinee, Gesprächsrunden mit Künstlern oder anderen Feierlichkeiten. Am 17. Mai öffnet beispielsweise die Ausstellung „Aus der Nähe betrachtet“, die 3D-Drucke und Zeichnungen der Künstlerinnen Juliane Laitzsch und Bärbel Schlüter zeigt. Diese sollen den Blick fürs Detail schärfen und vielfältige Bezüge zu ausgewählten Objekten der Kunstsammlungen aufbauen. Die künstlerischen Interventionen werden in der Dauerausstellung „Kunstverführung“ gezeigt. Der 17. Mai ist zudem Internationaler Museumstag. „Wie in jedem Jahr können Interessierte das Haus kostenfrei besuchen, es finden jedoch keine Veranstaltungen statt. Allerdings gibt es im Internet spezielle digitale Angebote zu entdecken“, ergänzt Gabriele Köster.

Im Kaiser-Otto-Saal werden noch bis September ausgewählte Werke des in Magdeburg geborenen Karikaturisten Achim Jordan gezeigt. Am 13. Juni wird im Naturkundemuseum die Ausstellung „Art und Vielfalt“ eröffnet, im Kulturhistorischen Museum folgen im Herbst zwei weitere Ausstellungen: Ab 10. September 2020 „Mit Bibel und Spaten – 900 Jahre Prämonstratenser-Orden“ sowie ab 29. Oktober 2020 „Magdeburger Gesichter des 19. Jahrhunderts“. Tina Heinz

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