Dienstag, September 21, 2021
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Ein uralter zehnter Meter: Der Taufstein – Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

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Von Anita Schmidt
und Michael Ronshausen

Wie der Leser in der letzten Erzählung erfahren durfte, befindet sich heute reichlich gute, aber durchaus auch ungute Domliteratur auf dem Markt. Es gibt wohl kaum einen Stein oder eine Ecke in der Kathedrale, welche noch nicht „literarisch“ erforscht oder beschrieben wurde. Eines der ältesten, bemerkenswertesten und auch optisch recht anspruchsvollen Kunstwerke, die sich dieser langjährigen Zuwendung erfreuen dürfen, ist der Taufstein. Das große Porphyrbecken ist in Magdeburg seit mindestens 1065 Jahren „in Betrieb“ und ganz sicher haben zehntausende Menschen ihr Christsein neben oder über dieser Schale begonnen. Vielleicht nicht ebenso bedeutsam wie dieses letzte Jahrtausend war aber wohl bereits das Vorleben des Taufbeckens – stammt es doch in seiner heutigen Form von vor der Zeitenwende.
Wie das Taufbecken – zusammen mit vielen anderen römischen Spolien – um das Jahr 955 herum den Weg aus Norditalien nach Magdeburg gefunden hat, ist nicht bekannt. Möglich ist beispielsweise der komplizierte Weg über die Alpen. Nicht auszuschließen ist auch der lange Weg über das Mittelmeer, den Atlantik, den Ärmelkanal sowie die Nordsee und schließlich über die Elbe. Vermutlich haben die damaligen Experten für den Transport schwergewichtiger antiker Steinmöbel König Otto den Rat gegeben, den Transport teils zu Lande und teils zu Wasser durchzuführen. Hierfür kämen die Flüsse Rhone und Rhein infrage. Bekannt ist, dass sich die Schale bereits im alten Kaiserdom Ottos des Großen als Taufbecken in Benutzung befand.

Betrachtet man die große Porphyrschale genau, kommt man recht einfach auf die Idee, dass sie früher einem ganz anderen Zweck gedient haben muss. Zu sehen ist ein heute zubetonierter Wasserablauf, der allerdings im Nichts endet. Tatsächlich wurde das Becken im alten Italien als Springbrunnen, zeitweise vielleicht auch als schnöder Blumenkübel benutzt. Bekannt ist hingegen, dass auch Italien nicht der ursprüngliche Herkunftsort der Schale ist, sondern dass zumindest das Material aus der Gegend von Hurghada in Ägypten stammt und vermutlich vor rund 2000 Jahren nach Ravenna gebracht wurde.

Am Beckenrand zeigt das Taufbecken heute einen deutlichen Schaden in Form einer Fehlstelle. Einige Menschen vermuten, dass der Ausbruch schon beim Transport aus Italien entstanden ist. Andere glauben, dass die beschädigte Stelle aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammt. Die Sage überliefert im Nebensatz: „Feldherr Johann von Tilly, Anführer der katholisch kaiserlichen Truppen vernichtete Magdeburg 1631 und wütete mehrere Tage in der Stadt Magdeburg. Bis zu 4000 Bürger suchten am 10./20. Mai 1631 im Dom Schutz, und dank des Kniefalls des evangelischen Dompredigers Reinhard Bake vor Tilly wurden die Menschen verschont. Als Trophäe schlug sich Tilly jedoch ein Stück vom Taufbecken ab und nahm es mit.“
Auch heute dient die Schale der Evangelischen Domgemeinde noch als Taufbecken. Sie wird aus konservatorischen Gründen nur anlässlich einer Taufe mit Wasser gefüllt. Bei der Taufhandlung wird der Kopf des Täuflings über dem Becken dreimal mit Wasser beträufelt. Währenddessen spricht der Domprediger nach Nennung des Taufnamens folgenden Text: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Mit der Taufe tritt der Täufling schließlich in die christliche Gemeinschaft der Kirche ein.

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