Mittwoch, September 28, 2022
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Ein zeitlich kurzer 21. Meter: Das SA-Ehrenmal neben dem Dom Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

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Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt

In den ersten Jahrhunderten seines Bestehens war der Dom weder Magnet noch Sammelbecken für beliebige Alltagskunst. Die Werke, die von den Bildhauern und Malern im Mittelalter geschaffen wurden, dienten der Lobpreisung Gottes, dem Ruhm der Heiligen – und vor diesem Hintergrund manchmal auch der Unterhaltung der Gläubigen. Erst im 20. Jahrhundert setzte eine Veränderung ein, die bis heute von dem Gedanken getragen wird, den Dom zu einer Spielwiese abstrakter und weltlicher Denkmalkunst zu machen. Traditionelle christliche Ikonografie wird dabei gern vernachlässigt oder völlig ad absurdum geführt. Für den Dom war das bekannteste dieser „Denkmäler“ zu groß. Es stand daher seit Ende 1935 wenige Schritte vom Nordturm entfernt auf einer Bodenplatte: das sogenannte SA-Ehrenmal der Gruppe Mitte. Gewidmet war es den braun uniformierten Kämpfern der Sturmzeit, die in Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern und dem Staat ihr Blut oder das Leben verloren hatten. Mitgetragen wurde die Wahl des Standortes allerdings noch von einem anderen Kunstwerk, nämlich von dem nur gut ein Jahr zuvor entfernten Magdeburger Mal von Ernst Barlach (siehe Meter 20).


Barlachs Kunstwerk sah sich bereits vor seiner Aufstellung Ende 1929 harscher Kritik ausgesetzt. Seit der nationalsozialistischen Machtübernahme waren die Tage des Holzbildwerkes praktisch gezählt. 1934 verschwand es, so wie auch Barlach selbst aus dem Kunstbetrieb. Vom ursprünglich aus Magdeburg stammenden Bildhauer und Professor Hans Wissel (von dem später selbst einige seiner Arbeiten auf der Liste der entarteten Kunstwerke landeten) geschaffen und von niemand geringerem als vom späteren Röhm-Nachfolger Viktor Lutze seiner Bestimmung übergeben, sollte das turmartige und immerhin 18 Meter hohe Ehrenmal auch deutlich machen, welche Sprache die Kunst fortan zu sprechen hatte.
Zehn Jahre nach der als Massenveranstaltung zelebrierten Einweihung wurde das Ehrenmal aus den bekannten Gründen selbst zu einem Stück der Domgeschichte. Bereits beim großen Bombenangriff am 16. Januar 1945 erhielt das Ehrenmal einige Schäden. Bald nach Kriegsende wurden ehemalige SA-Angehörige verpflichtet, die Trümmer des zwischenzeitlich durch Sprengung zu Fall gebrachten Bauwerks zu beseitigen. Dabei kam es allerdings zu einem Vorkommnis, das man heute als spektakulär, vielleicht sogar als unglaublich bezeichnen kann. Der Krieg hatte auch dem Dom zahlreiche größere und viele kleine Wunden geschlagen. So war es naheliegend, einige der erhalten gebliebenen Sandsteinquader für Reparaturarbeiten zu verwenden. Hierbei fand auch ein Steinblock Anwendung, der zweifellos vorsätzlich an einer beschädigten Stelle am Nordturm zur Ausbesserung verwendet wurde. Was diesen Stein so besonders macht, ist genauso einfach zu erklären, wie es schwer zu verstehen ist. Er trägt schauseitig den aufwändig in Stein gemeißelten Schriftzug „NSDAP“, versehen mit dem Hinweis 1935, dem Baujahr des Denkmals.
Am Ende stellt sich die Frage, wie man heute mit diesem „Gruß“ eines gestrigen Dombauhüttenmitarbeiters umgehen soll. Der Schriftzug selbst ist zwar gewissermaßen öffentlich, aber er ist öffentlich nicht zugänglich – und somit für die Allgemeinheit nicht zu sehen. Den – wenn man so will – zweifelhaften Spaß, oder eben die Freiheit und Frechheit, die sich dort vor einem Dreivierteljahrhundert jemand geleistet hat, könnte man nach bauhandwerklichem Ermessen mit einigen Meißelschlägen entfernen – oder zumindest unkenntlich machen.
Die andere Seite der Medaille ist die Frage, ob man dieser vermutlich 1946 an den Dom gekommenen Inschrift in ihrer Originalität und Authentizität nicht etwas ähnliches wie einen Bestandsschutz zubilligen sollte. Trotz der Eindeutigkeit der Aussage der fünf Buchstaben ist mit einem propagandistischen Effekt zum Glück nicht zu rechnen. Bei allem diskussionswürdigen Drumherum dokumentiert der Vorgang des Zustandekommens und der langen Existenz der Inschrift auch einen wichtigen zeitgeschichtlichen Faktor, nämlich den des „Es war einmal“.
Barlachs 1934 weggeräumtes Mal hingegen steht seit 63 Jahren wieder an seiner angestammten Stelle. Dort, wo es hingehört – mitten im Dom.

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