Mittwoch, Juli 28, 2021
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Eine coole Socke

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Der Magdeburger Schwimmer Florian Wellbrock ist das Aushängeschild für Sachsen-Anhalts olympischen Sport. In Tokio gilt er als einer der Top-Favoriten auf den Langstrecken im Becken und im Freiwasser. Von Rudi Bartlitz

In einem virtuellen Magdeburger Olympia-Buch müsste wahrscheinlich Jahrzehnte zurückgeblättert werden, um einen Sportler zu finden, der als Top-Favorit zu den Spielen reiste – wenn es ihn denn überhaupt je gegeben hat. Diesmal ist das ein wenig anders. Mit Florian Wellbrock macht sich ein Schwimmer auf den Weg nach Tokio, den viele Experten als ersten Anwärter auf Gold sehen. Über 1.500 Meter Freistil allemal, zusätzlich eventuell noch im Freiwasser-Wettbewerb über 10 Kilometer. In beiden Disziplinen ist er Weltmeister. Wer ist nun dieser Wellbrock, mit dem Sachsen-Anhalt wieder unzweifelhaft einen Superstar des internationalen Sports in seinen Reihen weiß?

Als Wellbrock einst in seiner Geburtsstadt Bremen bei einem Kurs im Tenever-Bad mit dem Schwimmen begann, war an eine Spitzenkarriere nicht zu denken – und auch gar nicht beabsichtigt. Aber die Liebe zum nassen Element war gelegt. Es ging stetig bergauf. 2015 wechselte er zum SC Magdeburg, in die Trainingsgruppe von Erfolgscoach Bernd Berkhahn. Die nächsten Stationen: Sportinternat, Abitur, Ausbildung zum Immobilienkaufmann. Inzwischen ist der 1,92-Meter-Mann Deutschlands aktuell erfolgreichster Schwimmer. Der weltweite Durchbruch glückte dem 23-Jährigen 2019: Bei der WM im südkoreanischen Gwangju gelang ihm ein einzigartiger Coup: Er gewann im Freiwasser und im Becken Gold. Damit schrieb er Sporthis-torie. Er war der erste überhaupt, dem dies gelang.

Auf der Suche nach den Wellbrockschen Erfolgsstorys stößt man gleich auf mehrere Faktoren. Da ist zum einen Erfolgscoach Berkhahn, der in der Magdeburger Elbeschwimmhalle in den zurückliegenden Jahren eine der erfolgreichsten Schwimm-Trainingsgruppen der Welt zusammenbastelte. Der nicht nur deutsche Welt- und Europameister angehören, sondern seit einiger Zeit auch die niederländische Freiwasser-Olympiasiegerin von Rio, Sharon van Rouwendaal. Moti­va­ti­on zieht Well­brock dabei auch aus der Trai­nings­grup­pe selbst, in der er nicht nur Frei­was­ser­kon­kur­rent Rob Muffels im Nacken hat, sondern mitt­ler­wei­le auch den 19 Jahre alten Lukas Märtens, der ebenfalls für Tokio qualifiziert ist. „Wenn Rob mal müde ist, dann habe ich Lukas neben mir, wenn Lukas mal müde ist, ist da Rob. Besser geht es eigent­lich nicht.“

Jeder Tag ein Wett­kampf also, genau das, was dem ehrgei­zi­gen Well­brock entgegenkommt. Ganz wichtig, um seine Erfolgsstory zu verstehen: Er ist, wie die Sportler sagen, eine richtig coole Socke, den so schnell nichts aus dem Gleichgewicht bringt. „Flori ist ein Typ“, beschreibt ihn seine Trainingskameradin Finnia Wunram (gleichfalls in Tokio dabei), „der mental einfach superstark ist. Er kann mit Druck gut umgehen und lässt sich nicht so leicht von irgendetwas beirren.“ Sein Trainer charakterisierte ihn einmal so: „Er ist meist gut gelaunt, ein Wettkampftyp, der sehr ungern verliert und zielstrebig in Dingen ist, die er wirklich will.“

Ein weiterer Faktor trägt den Namen Sarah. Denn eine Geschichte über Florian Wellbrock wäre unvollständig erzählt, käme in ihr nicht in irgendeiner Weise der Name Sarah Köhler und das Wort „Traumpaar“ vor. Das bezieht sich auf seine Beziehung zu der aus Frankfurt/Main stammenden Spitzenschwimmerin (800-Meter-Kurzbahneuropameisterin, 1.500-Meter-Vizeweltmeisterin und Weltmeisterin im Freiwasserschwimmen mit der Staffel), die 2018 nach Magdeburg kam und mit der er heute zusammenlebt. Aus dieser Gemeinsamkeit erwächst Stärke.

Aber ihr Leben, versicherten sie in der „FAZ“, drehe sich nicht nur noch ums Schwimmen. „Natürlich sprechen wir auch mal zu Hause da-rüber, aber wir bekommen es sehr gut hin, dort auch wirklich abzuschalten“, sagt sie. Und er ergänzt: „Ein großer Vorteil ist, dass du dich nicht rechtfertigen musst.“ Weil beide genau wissen, wie es dem anderen geht. Das helfe unglaublich, sagen sie. „Jemanden an der Seite zu haben, der das Gleiche durchmacht und zu 100 Prozent für alles Verständnis hat. Der dich voll unterstützt.“ Die beiden haben also vieles gemein: Sie lieben die brutal langen Strecken, sind extrem ausdauernd, jung, schnell und gehören zu den Hoffnungsträgern auf eine bessere Zukunft der im Mittelmaß verschwundenen einstigen Schwimmnation Deutschland.

Nun also peilen beide Olympia an. Dabei sind die Spiele eh so ein Thema für sie. 2016 in Rio, damals waren Köhler und Wellbrock noch kein Paar, lief es für sie, gelinde gesagt, suboptimal. Wellbrock nahm über die 1500 Meter Freistil teil. Mehr aber auch nicht. Er zahlte sein Lehrgeld. „Dort bin ich ein bisschen unter dem Druck zusammengebrochen“, sagt er, „habe aber dennoch sehr viel Positives mitgenommen. Überall diese olympischen Ringe zu sehen – dafür stehe ich jeden Tag auf und arbeite.“ Köhler schwamm sich in Rio ins Finale, erlebte aber vor dem Endlauf im olympischen Dorf ein Drama, als ein französischer Physiotherapeut zusammenbrach. Köhler rannte los, erzählte sie später Journalisten, suchte vergeblich nach einem Defibrillator und einem Arzt. Der Mann starb. Sie sagt deshalb: „Die größte Lehre aus Rio war, dass es Wichtigeres gibt als den Sport.“

Für Tokio – Startzeit im Finale ist 3.44 Uhr Mitteleuropäischer Zeit! – ist Wellbrock auf einen Namen fixiert: den seines Erzrivalen Gregorio Paltrinieri. Wenn dem Magdeburger jemand einen Strich durch die Rechnung machen kann, dann der Italiener, der im Frühjahr dreifacher Freiwasser-Europameister wurde. Und deutlich vor Wellbrock lag. Im Becken sind Well­brock und Palt­ri­nie­ri seit der WM 2019 nicht mehr gegen­ein­an­der geschwom­men. Und doch haben sie Wege gefun­den, sich aus der Ferne auf Trab zu halten. Im April war es Palt­ri­nie­ri, der über 1.500 Meter die bis dato beste Zeit des Jahres hinge­legt hatte. Zwei Wochen später schwamm Well­brock in Berlin knapp vier Sekun­den schnel­ler. Seine Reak­ti­on direkt danach? „Einen schö­nen Gruß an Palt­ri­nie­ri.“

Ob es bei den Olympischen Spielen in Tokio jedoch tatsächlich zum vielseits erwarteten Giganten-Duell kommt, ist noch offen – der Italiener, Goldmedaillengewinner von Rio über 1.500 Meter, erkrankte vor einem Monat an Pfeifferschem Drüsenfieber. Der Magdeburger wird sich davon nicht ablenken lassen. „Ich habe meine konkreten Ziele im Kopf“, meinte er schon vor einiger Zeit. „Und da bleiben sie auch erst mal.“

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