Eine Datenanalyse über Sport-Deutschland aus dem Vor-Corona-Zeitalter enthüllt, was sich hinter den dominierenden Fußballern noch so alles tut

Eine Datenanalyse über Sport-Deutschland aus dem Vor-Corona-Zeitalter enthüllt, was sich hinter den dominierenden Fußballern noch so alles tut. Und zeigt, welche Sportart wo besonders populär ist. | Von Rudi Bartlitz

Schließen wir einmal die Augen und träumen vom Sport in virenfreien Zeiten. Was sehen wir? Fußball – und sonst nichts? Könnte man meinen, wenn man die Sportberichterstattung der bundesdeutschen Tageszeitungen an „normalen“ Tagen durchforstet. Von der dänischen Grenze bis zu den Alpen, überall dominiert das runde Spielgerät, stürzen sich die Reporter in Schrift und Bild geradezu auf des Deutschen liebstes Kind. Bei Einschaltquoten, Fans und Gehältern: Fußball scheint hierzulande jede andere Sportart zu schlagen. Da macht der Osten beileibe keine Ausnahme.
Und doch, bei etwas genauerem Hinschauen fallen sie schon ins Auge, die bunten Kleckse auf der schwarz-rot-goldenen Sportlandkarte. Wer es dennoch nicht glauben möchte, eine vom Magazin „Spiegel“ vorgelegte umfangreiche Datenanalyse belegt es mit Zahlen, dass es sogar einzelne Landstriche gibt, in denen die Kicker tatsächlich nicht die Nummer eins sind. Die Werte, die sich weitestgehend auf Angaben der Landes- und Kreissportbünde stützen, belegen zudem, dass „Sport-Deutschland in der zweiten Reihe bunt und regional vielfältig ist“. Das zeigt schon ein kurzer abschweifender Blick auf die Offerte des Kreissportbundes Magdeburg. Hier kann der Interessierte tatsächlich zwischen mehr als 90 Sportarten (beziehungsweise mit ihnen in Verwandtschaft stehenden Disziplinen) wählen. Da werden selbst ausgefallene Wünsche bedient. Bergsteigen, Baseball, American Football, Cricket, Frisbee oder orientalischer Tanz – alles da. Wem das noch immer nicht reicht: Auch BBP wird angeboten. Was? Dahinter verbirgt sich die WSG Reform mit ihrer Sparte „Bauch, Beine, Po“.

Doch zurück zur gesamten Republik. Die Analysen zeigen, welche Sportarten wo besonders populär sind. Und da gibt es schon einige Überraschungen. Beim Blick auf die Mitgliederzahlen ist Sport-Deutschland jedoch zunächst zweigeteilt: Entweder wird gegen den Ball getreten oder geturnt. Wobei: In einigen Regionen der großen westlichen Flächenstaaten wie Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern, und das ist auf den ersten Blick schon eine Überraschung, übertreffen die Angehörigen der Turn-Vereine sogar noch die Fußballer. Das ist andererseits wiederum weniger verwunderlich, denn der Turner-Bund vertritt nicht nur klassische Disziplinen wie Reck, Boden oder Barren, sondern auch Spiele wie Völkerball und Faustball. Zudem fallen sehr viele Breitensportangebote wie Kinderturnen in das Aufgabengebiet des Verbandes. Auch in Sachsen-Anhalt stellen die Turner mit 11,3 Prozent nach den Kickern (28,8 Prozent) die meisten Vereinsmitglieder.

Ansonsten gilt im Osten aber die Faustregel: Fußball first. Eine Ausnahme bilden da nur Landstriche in Sachsen, in denen der Behinderten- und Rehasport ganz vorn rangiert. Dass in Leipzig, Gera, aber auch Cottbus der Behinderten- und Rehasport die meisten Meldungen habe, merkt der „Spiegel“ an, liege unter anderem daran, dass dort „größere Vereine ihren Sitz haben, die als Zentren für komplette Regionen fungieren. Auch das Angebot einzelner Bundesländer fördert die Mitgliederzahlen: In Brandenburg werden Reha-Maßnahmen vorwiegend von gemeinnützigen Vereinen angeboten, während es in anderen Bundesländern vermehrt kommerzielle Anbieter gibt.“

Die heutige regionale Verteilung einiger Sportarten hat, so heißt es im „Spiegel“-Bericht, sehr viel zu tun mit dem unseligen SED-Leistungssportbeschluss von 1969. Er legte fest, welche Sportarten in der DDR gefördert und welche aus der Förderung herausfallen. So sind die damals geförderten Sportarten Handball und Volleyball, letztere insbesondere bei den Frauen, auch heute noch in östlichen Bundesländern besonders stark. Bei Handball kommt, möchte man ergänzen, die Tradition dieser urdeutschen Sportart in diesen Regionen hinzu. So war der SC Magdeburg nicht nur zehnfacher DDR-Meister und Europapokal-Gewinner, er ist das einzige Ostteam, dass von Anfang an ohne Unterbrechung in der Bundesliga spielt. Mit 13.837 Mitgliedern in 113 Vereinen steht der Handballverband in Sachsen-Anhalt an sechster Position.

Die stärksten regionalen Unterschiede aller Ballsportarten, das fördert die Datenanalyse zutage, finden sich beim Volleyball und Tennis. Tennis wurde dagegen aus der Förderung entfernt und ist auch heute eine klar westdeutsche Sportart. Während Boris Becker und Steffi Graf für einen riesigen Aufschwung im westdeutschen Tennis sorgten, durfte der 48-malige DDR-Meister Thomas Emmerich aus Magdeburg zu keinen Turnieren im westlichen Ausland reisen. „Spiegel“: „Tennis war nicht als Leistungssport anerkannt und Emmerich trotz seines Könnens damit kein Profi.“ Dem Leistungssportbeschluss der DDR getrotzt hat das Kegeln. Als nichtolympische Sportart wurde auch hier Ende der Sechzigerjahre die Förderung gestrichen. Dabei zählte die DDR damals zur absoluten Weltspitze. Bis 1972 holte sie insgesamt 36 WM-Medaillen. Nach 1972 war allerdings Schluss. Der Erfolg des Kegelns wurde so zwar gedämpft – die Sportart überlebte aber. Und wie! wird man jetzt in Zerbst ausrufen. Dieses kleine Städtchen im Anhaltischen ist heute sozusagen der Nabel der Kegelwelt. 15 Mal in Folge wurde nach der Wende der deutsche Meistertitel geholt, dazu kommen drei Siege in der Champions League und neun beim Weltpokal. Eine atemberaubende Bilanz.

Die wohl ungewöhnlichste Nummer eins hat der friesische Landkreis Wittmund zu bieten: Klootschießen und Boßeln. Beim Klootschießen springen die Sportler von einer Rampe ab und versuchen im Sprung eine kleine Kugel so weit wie möglich zu werfen. Früher fanden die Klootschießen-Wettkämpfe ausschließlich bei Frost statt und die Teilnehmer traten lediglich mit Unterhemd und langer Unterhose bekleidet an – warmgehalten durch viel Schnaps. Es soll zu teils blutigen Auseinandersetzungen betrunkener Klootschießer gekommen sein – Deutschlands Sportwelt ist eben nicht nur bunt.

Vielleicht gefällt dir auch