Sonntag, Juli 3, 2022
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Eine Frage der Relevanz

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Systemrelevant ist das Wort der Zeit. Von ihm hängt ab, ob derzeit jemand arbeiten darf (soll/muss) oder nicht. Das Gesundheitswesen gehört dazu, Lebensmittelver- und Müllentsorgung, Handwerker. Systemrelevant sein bedeutet auch, Zukunft zu haben. Nur was/wer systemrelevant ist, bekommt finanzielle Unterstützung, um die Corona-Krise zu überstehen. Ist Kultur systemrelevant? | Von Birgit Ahlert

Was ist wichtig im Leben? Diese Frage wird jeder für sich im Detail vielleicht anders beantworten. Doch für alle gilt: Luft zum Atmen ist wichtig. Arbeit gehört dazu, die bestenfalls Freude bereitet, aber auch finanzielle Grundlage für ein entsprechendes Leben bietet. Nie wurde uns so deutlich wie jetzt vor Augen geführt, wie wichtig Gesundheit ist. Natürlich. Freunde. Menschen, die uns gut tun. Umarmungen, Nähe, geliebt sein. Einiges davon kommt derzeit zu kurz, weil wir Abstand halten sollen. Zu unserem Besten, heißt es. Durch die Kontaktbeschränkungen tritt an die Stelle vom Beisammensein die Einsamkeit, Kinder wie Senioren fühlen sich eingesperrt, suchen Trost … beispielsweise bei der Kunst, im weitesten Sinne.

Es gibt derzeit Wichtigeres als Kultur, hörte ich sagen. „Mir reicht es, den Fernseher anzustellen.“ Fernsehen ist Kultur. Vielleicht nicht alles, aber sie bildet die Grundlage. Es lässt sich trefflich darüber streiten, was früher persönlich, heute häufig im Internet getan wird, regelmäßig beispielsweise nach der Ausstrahlung des sonntäglichen Tatorts. Tausende, wenn nicht Millionen Menschen haben ihn gesehen. Andere schauen Rosamunde Pilcher, schon wegen der Landschaften. Oder Dokumentationen. Das alles ist entstanden durch kreative Menschen. Hergestellt oftmals von kleinen Produktionsfirmen oder mit freien Autoren und Filmteams. Deren Exis-tenz jetzt ebenso bedroht ist wie die des Akkordeonspielers an der Straßenecke.

Künstler werden durch behördliche Auflagen am Auftreten gehindert, sogar Straßenmusik untersagt. Dabei freuen sich Spaziergänger gerade jetzt darüber, die Klänge des Cellisten Matthias Markgraf an der Sternbrücke zu hören oder das Akkordeon von Martin Müller. Der geforderte Mindestabstand lässt sich problemfrei einhalten. Mehr als in einem Baumarkt. Doch Veranstaltungen gehören zum „no go“, unabhängig davon, ob sie in einem beengten Raum stattfinden würden oder unter freiem Himmel – dort, wo Abstand organisiert werden kann. Ähnlich wie bei der Pauschalisierung des Gastronomieverbots unabhängig von der Möglichkeit, im Freien weit voneinander entfernt zu sitzen. Die Gastronomie kämpft um ihre Existenz, versammelt sich, demonstriert auf dem Domplatz gegen den Niedergang der Branche. Auch die Künstler kämpfen. Zunächst jeder für sich, in der Hoffnung auf die angekündigte Sofort-Hilfe für Solo-Selbstständige, auch für Künstler, hieß es in der Ankündigung. Die allerdings erwies sich als Seifenblase. Zumindest in Sachsen-Anhalt. In Berlin andererseits bekommen die Künstler sehr wohl finanzielle Unterstützung. Eine Ausnahme? In Sachsen-Anhalt gilt der Lebenserhalt der Künstler als nicht systemrelevant. Wenn dann ein Staatsoberhaupt wie die Kanzlerin fragt, was denn unsere europäischen Nachbarn denken sollen, wenn kein Geld für Eurobonds gezahlt wird, aber für Künstler, kann das schon sprachlos machen. Darf es aber nicht. Denn es geht ums Überleben. Das der Künstler und damit auch unseres.

Kommen wir also zurück zur Frage: Ist Kultur systemrelevant? Was heißt das überhaupt? Per Definition werden als systemrelevant „Unternehmen oder Berufe bezeichnet, die eine derart bedeutende volkswirtschaftliche oder infrastrukturelle Rolle in einem Staat spielen, dass ihre Insolvenz nicht hingenommen werden kann oder ihre Dienstleistung besonders geschützt werden muss“. Ein Nachweis der Systemrelevanz führt gerade zur entscheidenden Frage, ob jemand arbeiten darf bzw. auch muss, Anrecht auf einen Kita-Platz hat usw. In den Tagesthemen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hieß es: Spargelstecher sind systemrelevant. Ist Spargel in unserer Gesellschaft also wichtiger als Kultur?

Böse Zungen zischeln: Augen auf bei der Berufswahl. Kein Geld für die Kunst. Kein Geld für Künstler. Durch Auftrittsverbot kein Einkommen.
Ich erinnere mich an das Land DDR, in der es für Unliebsame hieß: Künstler in die Produktion. Um sie mundtot zu machen, ihnen die künstlerische Freiheit, die Existenz zu nehmen. Wiederholt sich auf andere Weise diese Ausgrenzung? Machen wir selbst kaputt, was sich über Jahre, Jahrzehnte entwickelt hat? Magdeburg ist zu einer Stadt geworden, die den Vergleich zum inoffiziell „Kulturhauptstadt“ genannten Halle längst nicht mehr scheuen muss. Die selbst offizielle Kulturhauptstadt werden will. In der sich eine vielfältige Kulturlandschaft entwickelt hat, die Angebote für unterschiedliche Interessenten bietet, vieler Genres, für unterschiedliche Altersgruppen. Nicht zuletzt präsentiert sich das nicht nur im kleinen, sondern auch auf einer so großen Plattform wie der Magdeburger Kulturnacht, in der überall, in jedem Stadtgebiet Kunst und Kultur hervorquillt, dass es eine Freude ist. Oder denken wir an die großen Festivals vom Puppentheater, das Künstler aus aller Welt nach Magdeburg lockt. Denken wir an die sensationellen Aufführungen vom Theater an der Angel, den Kammerspielen Magdeburg, der Compagnie Magdeburg 09, dem Poetenpack, an Konzerte, Kabarett und und und … Erinnerungen daran lassen das Herz aufgehen, den Serotonin-Spiegel steigen, Glückshormone hervorquellen.

Corona durchschneidet die Kultur. Nicht alles wird zu retten sein. Einige Künstler suchen neue Wege, wagen sich mit neuen Mitteln via Internet ans Publikum, um im Gespräch zu bleiben. Mehr oder weniger erfolgreich. Auf jeden Fall verdienstfrei. Von Luft und Liebe leben geht nur in der Theorie. Der Applaus ist des Künstlers Brot? Der Applaus fehlt. Wie das Geld. Für die Eintrittskarten ebenso wie fürs Brot. Das kann letztlich auch zu großen Selbstzweifeln führen, zu Depressionen, Selbstaufgabe. Soweit darf es nicht kommen!
Wirtschaft ist wichtiger, heißt es. Natürlich ist sie wichtig. Vergessen wir aber nicht, dass glückliche Mitarbeiter bessere Leistungen bringen. Zudem ist Kunst Kreativität. Macht die Gedanken frei. Daraus entsteht Fortschritt. Große Erfinder haben sich so inspirieren lassen.

Wie wichtig Kultur den Deutschen ist, dazu ein kurzer Schwenk zu des deutschen liebsten Sport, dem Fußball. Seit einiger Zeit gibt es Diskussionen um die Wichtigkeit der Fortführung der Bundesliga-Saison, es gibt sogar TV-Sondersendungen dazu. Zum Vergleich: In der Saison 2017/18 (aktuellere Zahlen liegen gerade nicht vor), hatte die 1.Fußball-Bundesliga 13.665.118 Besucher, allein das Deutsche Theater jedoch schon 20.146.221 Besucher. Wer mag, kann das auf alle Kultureinrichtungen deutschlandweit hochrechnen.

Es soll hier kein Gegeneinander-Ausspielen stattfinden, fast jede Branche hat mit den Auswirkungen des Kontaktverbots und anderer Beschränkungsvorschriften zu kämpfen. Andererseits darf man sich doch über die Prioritäten wundern. Wenn der Waffenexport systemrelevant ist, in Zeiten, in denen ein Virus die Welt erschüttert, überall dieselben Probleme hervorruft, genug „kaputt“ gemacht wird – da sind kriegerische Auseinandersetzungen ja wohl das letzte, was systemrelevant sein sollte. Wie generell.

Corona greift vielerorts in das gesellschaftliche Leben ein. Alles ändert sich. Vom Beginn einer neuen Welt ist die Rede. Eine Welt ohne Kultur? Unvorstellbar. Undenkbar. Eine grauenhafte Vorstellung. Ist es nicht gerade die Kunst, die uns trös- tet in schweren Zeiten? Die uns ablenkt von den Problemen, wenigstens etwas? Die uns Hoffnung gibt. Eine Welt ohne Kultur. Ohne Konzerte, ohne Theater, ohne Musik, ohne Bücher. Die besteht aus arbeiten, essen, schlafen. Traurig.

Kultur verbindet, zeigt Gemeinschaft, nicht allein zu sein. Paare haben ein gemeinsames Lied. Freunde gemeinsame Theater- oder Konzerterlebnisse. Künstler drücken aus, wofür uns die Worte fehlen. Mir geht der Song durch den Kopf, geschrieben von den Beatles, berühmt geworden durch Joe Cocker in den 196er Jahren – und noch immer oft gespielt. With a little help from my friends, mit ein wenig Hilfe meiner Freunde.

Does it worry you to be alone?
(Macht es dir Sorgen, allein zu sein?)
Are you sad because you’re on your own?
(Bist du traurig, weil du alleine bist?)
No, I get by with a little help from my friends,
(Nein, ich komme aus mit etwas Hilfe
meiner Freunde)
Do you need anybody?
(Brauchst du jemanden?)
All I need is my buddies
(Alles was ich brauche, sind meine Freunde)

Künstler sind wie Freunde. Sie sind für uns da, wir sollten auch für sie da sein. Weil wir Kultur brauchen wie die Luft zum Atmen, wie die Natur, die Blumen, Wälder und Parks zum Spazieren. Weil all das uns Freude schenkt, Mut und Hoffnung. Sie gibt uns Trost. Und bringt voran.
Das Leben verliert ohne Freunde, ohne Kunst an Bedeutung. Kunst ist sehr wohl systemrelevant.

Letztlich ein Zitat der Unesco: „Kultur- und Naturerbe … gehören zu den Gütern, die nach ihrer Auffassung nach den von ihnen festgelegten Maßstäben von außergewöhnlichem universellem Wert sind“. Punkt.

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