Eine Frau und der Fußball

Die Magdeburger Sozialbeigeordnete Simone Borris befindet sich als FCM-Präsidiumsmitglied in einer Männerdomäne. Über 20 Jahre kickte sie selbst.
Erst mit 56 stellte sie die Töppen in die Ecke. Von Rudi Bartlitz

folgt uns für weitere News

Personalentscheidungen beim 1. FC Magdeburg haftet in der Regel ein relativ hoher Nachrichtenwert an. In den ers-ten Märztagen war das ausnahmsweise anders – und wohl zuallererst der alles überschattenden Corona-Pandemie geschuldet. Denn der Meldung, die die FCM-Presseabteilung da verschickte, war ein gewisser Aha-Effekt nicht abzusprechen. Simone Borris werde ab sofort das Präsidium des Vereins „personell erweitern“, hieß es ein wenig gestelzt. Als Aufgabengebiete der Magdeburger Sozialbeigeordneten – also so etwas wie eine Ministerin im Kabinett der Landeshauptstadt – wurden Nachwuchsentwicklung und Mitgliederbetreuung genannt.

Dass es sich bei beiden Feldern sicher nicht gerade um sogenannte Traumressorts handelt, spielt in diesem Fall eine eher untergeordnete Rolle. Bemerkenswert ist etwas anderes: Mit der 57-Jährigen gehört beim FCM erstmals seit der Wende eine Frau (außerhalb der Schatzmeisterei) dem höchs-ten Gremium des Traditionsklubs an; zu DDR-Zeiten, jener angeblich so emanzipierten Epoche, sah es übrigens keineswegs besser aus. Das Gendersternchen konnte man sich bisher also immer gleich sparen. Es handelte sich sowieso nur um Männer.

Als im Gespräch mit der KOMPAKT ZEITUNG die Rede darauf kommt, fragt Simone Borris ein wenig überrascht: „Ist das wirklich so? Darüber habe ich noch gar nicht intensiver nachgedacht.“ Wie kommt also eine Frau in solch eine Führungsposition, könnten jetzt, vielleicht sogar leicht entrüstet, eingefleischte Traditionalisten fragen. Die Antwort hat zwei Aspekte: zum einen hohe berufliche Kompetenz. Als Beigeordnete ist sie immerhin verantwortlich für die Arbeit von über 800 Angestellten. Und zum anderen (für einige sogar noch bedeutender): Sie verfügt über den in Fußballkreisen so enorm wichtigen Stallgeruch. Soll heißen, sie hat über 20 Jahre selbst die Töppen geschnürt, weiß nach hunderten Partien durchaus, wovon die Rede ist, weiß, wie es auf dem Feld zugeht, wie der Ball rollt – oder zumindest rollen sollte.

Es begann alles mit einem Anruf von Präsident Peter Fechner. Ob sie sich vorstellen könne, wurde Borris gefragt, im FCM-Präsidium mitzuarbeiten. Fechners Argumente: „Sie versteht etwas vom Fußball. Sie besitzt Sozialkompetenz. Sie vertritt die Stadt im Verein. Und eine Frau tut dem Gremium sowieso gut.“ Borris konnte es sich vorstellen. Da wurde nicht lange lamentiert. „Die Aufgabe reizt mich einfach“, sagt sie im Rückblick. Zumal der Bereich Jugend neben dem Sozialen und der Gesundheit zu ihren beruflichen Kernaufgaben gehört. Noch etwas kommt hinzu: Sie ist gut vernetzt in der Stadt. Wie gut, dass zeigte sich gleich, als es galt, kurzfristig ein umfassendes Hygienekonzept zu erstellen, um überhaupt Geisterspiele in der MDCC-Arena austragen zu können. Am Herzen liegt ihr im Club aber vor allem die Nachwuchsarbeit. „Wir streben eine engere Verzahnung zwischen dem NLZ, also dem Nachwuchsleistungszentrum, und den Profis an“, betont sie. „Ich denke, mit der Verpflichtung des ehemaligen NLZ-Leiters Thomas Hoßmang zum neuen Cheftrainer sind da jetzt gute Voraussetzungen gegeben. Es sollte uns gelingen, mehr eigene Talente ins Profiteam zu integrieren.“

Apropos Profiteam. Natürlich hat Borris, die seit mehr als zwei Jahrzehnten bei Heimspielen aus dem nahen Prester oft ins Stadion marschiert ist, die jüngste Entwicklung nicht ohne Sorge gesehen. „Aus dieser Talsohle müssen wir unbedingt wieder raus“, sagt sie. „Möglichst schnell.“ Sie begeht nicht den Fehler, genau skizzieren zu wollen, auf welchem Weg das geschehen soll: „Dafür gibt es die sportliche Leitung.“ Wünsche verhehlt sie aber trotzdem nicht: „Die Jungs sollen mit Herzblut dabei sein. Ein bisschen offensiver darf es meinetwegen auch sein. Und gegen die 2. Liga hätte ich gleichfalls nichts.“ Die Offensive, das Spiel nach vorn, herzerfrischende Angriffe – das sind Dinge, die sie generell gern beim Fußball sieht. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsklub (außer dem FCM natürlich) schüttelt sie resolut den Kopf: „Ich habe wirklich keinen. Aber Sie können ruhig schreiben: Ein Bayern-Fan bin ich nicht, trotz des jüngsten Triumphs.“ Anders sieht es da schon bei Lieblingsspielern aus. Die Namen Michael Ballack und Cristiano Ronaldo kommen wie aus der Pistole geschossen. „Mich beeindruckt ihre Spielweise, ihre Rolle auf dem Feld. Außerdem sehen sie gut aus. Bei Ronaldo kommt noch hinzu, dass er die Nummer sieben trägt. Die hatte ich einst auch.“

Einst klingt gut. Dieses einst liegt gerademal ein Jahr zurück. „Im Sommer 2019 habe ich beim BSV 79 die Fußballschuhe endgültig in die Ecke gestellt.“ Mittlere Irritation beim Journalisten: „Wie jetzt? Sie haben mit 56 noch gespielt?“ Borris lächelt mild als sei dies die normalste Sache der Welt: „Ja, aber irgendwann muss nach über 20 Jahren ja Schluss sein.“ Erneutes Fragezeichen, stilles Rechnen: „Das heißt, sie haben erst mit Mitte 30 begonnen?“ Genau, sagt das neue FCM-Präsidiumsmitglied – und erzählt. Wie oft bei solchen Geschichten, am Anfang stand der Zufall. Ihr Sohn spielte selbst, und andere Eltern meinten eines Tages, das Irxleber Frauenteam suche Aktive, sie sollte doch einmal zum Probetraining vorbei schauen. Gesagt, getan. Da sie sich offenbar ziemlich geschickt anstellte und im defensiven Mittelfeld vieles wegräumte, meinten die Verantwortlichen, sie könne bleiben, zumal sie als Mittzwanzigerin ja noch einige Jahre vor sich habe. „Ich war 35!“ Borris muss noch heute lachen …

Ein langer Atem, das kennzeichnet genauso den beruflichen Weg der Frau mit dem langen blonden Haar. Inmitten der Nach-Wende-Wirren begann die einstige Ökonomiestudentin im Dezember 1990 beim Magdeburger Sozialamt. „Als Sachbearbeiterin war ich sozusagen eine Seiteneinsteigerin.“ Dann ging es in schnellen Schritten weiter: 1992 Abteilungsleiterin, 2003 amtierende und 2009 Amtsleiterin im Sozialamt. „Führungslose Pflegeheime oder kopfloses Jugendamt – wo immer es im Dezernat brannte“, notierte damals die „Volksstimme“, „musste die Frau als ,Wunderwaffe‘ herhalten und kommissarisch die Löschmeisterin spielen. Die nötige Durchsetzungskraft hat sie unter Beweis gestellt.“ Fast logisch, dass sie mit überwältigender Mehrheit 2014 zur Beigeordneten gewählt wurde. Obwohl sie keiner Partei angehört.

Stichwort Wahl. Ein Gedanke, der unweigerlich zu einer Frage führt: Könnte die Borris-Berufung bereits mit (natürlich verstecktem) Blick auf eine Neubesetzung des Präsidentenamtes in nicht allzu ferner Zukunft zu sehen sein? Der FCM dann als erster der 56 deutschen Profiklubs mit einer Frau an der Spitze? Es hätte Charme und wäre nicht das schlechteste Image für Blau-Weiß. Borris schweigt und lächelt. „ Erst einmal gilt es“, sagt sie, „die jetzigen Dinge ordentlich zu lösen.“ Um dann hinzuzufügen: „Unabhängig von Personen, eine reizvolle Aufgabe ist das Präsidentenamt beim FCM ganz sicher.“

Vielleicht gefällt dir auch