Freitag, September 17, 2021
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Einem Fuchs das Kommando über den Hühnerstall geben?

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In Afghanistan sind viele Fragen offen. Vor allem bleibt das Verhältnis von Taliban und Al-Qaida undurchsichtig. | Von James M. Dorsey

Abu Omar Khorasani wurde aus dem Pul-i-Charkhi-Gefängnis in Kabul entführt und kurzerhand erschossen. Khorasani ist die erste und einzige Person, die hingerichtet wurde, seit die Taliban die volle Kontrolle über Afghanistan erlangt haben. Er war das Oberhaupt des Islamischen Staates in Südasien, bis er letztes Jahr von den Regierungstruppen festgenommen wurde. Die genauen Umstände seiner Hinrichtung sind nicht bekannt. Seine Ermordung diente jedoch zumindest teilweise dazu, eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft und insbesondere an die Nachbarn Afghanistans, darunter China und Iran, sowie an Russland, den sicherheitspolitischen Übervater Zentralasiens, zu senden.

Die Botschaft lautete, dass die Taliban hart gegen ausländische Dschihadisten und Kämpfer in Afghanistan vorgehen würden. Khorasani war ein einfaches Symbol. Die Taliban und der Islamische Staat, in dessen Reihen sich vor allem Pakistaner und einige Zentralasiaten, Uiguren, Russen, Türken, Iraner, Indonesier, Inder und Franzosen tummeln, sind seit langem verfeindet. Der Islamische Staat hat den Taliban kürzlich vorgeworfen, bei ihren Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten mehr nationalistisch als fromm zu sein.

Die Botschaft der Taliban ist bestenfalls eine Teilwahrheit. Was für den Islamischen Staat zutrifft, gilt nicht für Al-Qaida und andere Gruppierungen wie die Islamische Partei der Uiguren in Turkestan (TIP) und die Islamische Bewegung von Usbekistan. Die Taliban scheinen zu glauben, dass sie mit dieser Unterscheidung durchkommen, weil sie den Eindruck haben, dass es für die Vereinigten Staaten bei den Abzugsverhandlungen wichtiger ist sicherzustellen, dass der Islamische Staat, Al-Qaida und andere Kämpfer Afghanistan nicht als Basis für internationale Operationen nutzen können, als diese Terroristen aus dem Land zu vertreiben.

Der Fokus der USA könnte auf der Sorge beruhen, dass die Taliban, wenn sie in Zugzwang geraten, diese Kämpfer aus dem Land entkommen lassen und sie nicht den Behörden ausliefern würden. Das würde es schwierig machen, ihre Bewegungen zu kontrollieren oder sicherzustellen, dass sie entweder an Deradikalisierungsprogrammen teilnehmen oder, falls dies gerechtfertigt ist, vor Gericht gestellt werden. „Es ist eine Zwickmühle. Wenn die Taliban akzeptieren, dass Al-Qaida weiterhin existiert und handlungsfähig bleibt, besteht die Gefahr, dass ein Fuchs den Hühnerstall regiert. Wie viel besser das ist, als Füchse frei herumlaufen zu lassen, bleibt abzuwarten“ sagte ein pensionierter Beamter der US-amerikanischen Terrorismusbekämpfung.

Beamte der Trump-Administration, die das Abkommen ausgehandelt haben, sind der Meinung, dass die fortgesetzte Präsenz von Al-Qaida und anderen fundamentalistischen Kämpfern in Afghanistan gegen das Abkommen mit den Taliban verstoßen würde. Der ehemalige Vizepräsident Mike Pence sowie der Koordinator für Terrorismusbekämpfung im Außenministerium der Ära Trump, Nathan Sales, argumentierten, dass das Abkommen „von den Taliban … verlange, dass sie Terroristen keinen sicheren Hafen bieten.“

Russland und China sind in ihren öffentlichen Äußerungen zwar zurückhaltender, teilen aber wahrscheinlich die Bedenken des Westens. Russland hat Anfang des Monats mit tadschikischen und usbekischen Truppen in Tadschikistan, 20 Kilometer von der Grenze zu Afghanistan entfernt, Militärübungen abgehalten. Al-Qaida könnte in den letzten Wochen durch mehrere Gefängnisausbrüche Auftrieb erhalten haben, bei denen die Taliban Mitglieder von Al-Qaida und anderen militanten Gruppen befreit haben. Es bleibt jedoch unklar, inwieweit diese Ausbrüche der Gruppierung helfen werden, ihre Präsenz in Afghanistan zu stärken. General Mark Milley, Vorsitzender der US-Generalstabschefs, warnte diese Woche, dass Al-Qaida und der Islamische Staat ihre Netzwerke in Afghanistan schnell wieder aufbauen könnten.
Die Vereinten Nationen berichteten kürzlich, dass Al-Qaida „in mindestens 15 afghanischen Provinzen präsent ist“ und dass ihr Ableger auf dem indischen Subkontinent unter dem Schutz der Taliban in den Provinzen Kandahar, Helmand und Nimruz operiert“. „Ohne Informationen da-rüber, wer genau geflohen ist, ist es schwierig festzustellen, ob historisch bedeutsame Figuren im Netzwerk von Al-Qaida verbleiben oder ob es sich heutzutage hauptsächlich aus neueren Figuren zusammensetzt, seien es lokale oder regionale ausländische Kämpfer“, warnte der Wissenschaftler für politische Gewalt Aaron Y. Zelin. Zelin bezog sich dabei auf das afghanisch-pakistanische Netzwerk von Al-Qaida. Unklar ist auch, ob es Al-Qaida-Aktivisten im Iran erlaubt sein wird, nach Afghanistan umzusiedeln.

Die Gefängnisausbrüche geben Anlass zu bedenken, ob man sich darauf verlassen sollte, dass die Taliban Dschihadisten und andere Kämpfer mit Ambitionen jenseits der Grenzen Afghanistans kontrollieren. Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass das Kräfteverhältnis zwischen den Taliban-Führern, die in den letzten Tagen darauf bedacht waren, sich gemäßigter und entgegenkommender zu zeigen und Sicherheitsgarantien für ihre Gegner, Minderheiten und Frauen zu geben, und den weit verstreuten, weniger geschliffenen Reihen der Gruppe noch nicht geklärt ist.

Die Besorgnis über die Fähigkeit und Bereitschaft der Taliban, die Aktivitäten der Kämpfer auf afghanischem Boden zu kontrollieren, wird durch die Sorge über das Fortbestehen von Warlords verstärkt, die die Macht haben, Gewalt zu organisieren, Arbeitsplätze und öffentliche Dienstleistungen bereitzustellen und Verbindungen zu Kämpfern zu knüpfen oder zu verstärken. „Die Warlords werden eine aktive Rolle in der Zukunft Afghanistans spielen. Sie werden Geschäftsleute und politische Führer bleiben, die mit globalen wirtschaftlichen Prozessen und Netzwerken verbunden sind. Sie werden die militärische Macht entwickeln, die sie brauchen, um Gebiete zu kontrollieren und Kriege zu führen. Schliesslich werden sie weiterhin für mehr Autonomie kämpfen und in einigen Fällen vielleicht sogar ihre alten regionalen Gemeinwesen wiederherstellen“ so Romain Malejacq, Autor eines Buches über afghanische Warlords.

„Dass Afghanistan ein Zufluchtsort für Terroristen ist, hängt, gelinde gesagt, mit seinem Status als kriegsgeplagtes Ödland zusammen“ so der Journalist und Autor Graeme Wood. Die Weigerung der Taliban, die Kämpfer auszuweisen, erschwert nicht nur die Bemühungen der Gruppe um Legitimität in der internationalen Gemeinschaft und vor allem in den Nachbarländern, auch wenn Al-Qaida seit dem 11. September erheblich geschwächt ist und sich weniger auf Angriffe gegen die Vereinigten Staaten als vielmehr auf die muslimische Welt konzentriert. Es bestärkt auch diejenigen, die befürchten, dass Afghanistan wieder zu einem Ausgangspunkt für grenzüberschreitende politische Gewalt wird. „Wir werden zu einem Zustand wie vor dem 11. September zurückkehren – ein Nährboden für den Terrorismus“ warnte Michael McCaul, das ranghöchste republikanische Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des US-Repräsentantenhauses. „Sie (die Taliban) werden terroristische Gruppen nicht einschränken, sondern sie nur auffordern, unauffällig zu operieren“ fügte Douglas London, ehemaliger Leiter der CIA-Terrorismusbekämpfung für Süd- und Südwestasien, hinzu.

Die Taliban haben bereits vor 20 Jahren bewiesen, dass sie Loyalität schätzen, als sie sich dem Druck der USA und Saudi-Arabiens widersetzten, Osama bin Laden auszuliefern, koste es, was es wolle. Seitdem haben die Taliban die Kampffähigkeiten von Al-Qaida und ihren Beitrag zur Sache der afghanischen Kämpfer zu schätzen gelernt.

In dieser Woche haben Taliban-Kämpfer unter Verletzung ihres Versprechens der Inklusivität bereits ihre ideologische antischiitische Affinität zu Al-Qaida demonstriert, indem sie eine Statue von Abdul Ali Mazari, einem schiitischen Hazara-Milizenführer, der von den Taliban bei ihrer ersten Machtübernahme 1996 getötet wurde, in die Luft sprengten.
Der Text ist aus dem Englischen übersetzt.

Der Autor: Dr. James M. Dorsey ist ein preisgekrönter Journalist und Wissenschaftler und Senior Fellow am Middle East Institute der National University of Singapore.

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