Eingeweide als Paten von Sprichwörtern

In der frühen Menschheitsgeschichte wurden den Eingeweiden Eigenschaften zugeschrieben, die sie zum Gegenstand von Sprichwörtern, Zitaten oder Orakeln gemacht haben. Heute ist im hochindustrialisierten Japan der Glaube weit verbreitet, dass die Blutgruppen das Lebensglück bestimmen. | Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

Ihnen ist sicher auch schon aufgefallen, dass unsere Organe häufig für Befindlichkeiten, Sprichwörter oder Ratschläge herhalten müssen. Bei einigen, wie „die Sache liegt mir im Magen“ oder „aus den Augen aus dem Sinn“, ist der Zusammenhang naheliegend. Bei anderen ist der Ursprung tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt. So glaubte man bis zum späten Mittelalter, dass im Herzen die Seele beheimatet ist. Aus diesem Grund wurde auch das Herz separat bestattet, wenn ein König oder eine hochgestellte Persönlichkeit in der Ferne verstarb und ein schneller Heimtransport der Leiche unmöglich war. So war es auch bei dem sächsischen Kurfürs-ten August dem Starken. Langjährig an der Zuckerkrankheit und dem Fettstoffwechsel leidend, starb er 1733 in Warschau. Sein Körper wurde in der Königskrypta der Wawelkathedrale in Krakau beigesetzt, aber sein Herz fand den Weg in die Heimat zurück und befindet sich heute, eingeschlossen in eine Kapsel, in einer Mauernische der Katholischen Hofkirche von Dresden. Obwohl für uns das Herz nur noch eine simple Pumpe zum Transport des Blutes ist, scheint auch heute noch ein bisschen von seiner früheren Bedeutung fortzuleben. Denn wie lassen sich sonst die Ratschläge, „man solle etwas beherzigen“ oder „etwas nicht zu Herzen zu nehmen“, verstehen? Auch Antoine de Saint-Exupéry, der Franzose und schriftstellernde Berufspilot hat davon Gebrauch gemacht, wenn er im „Kleinen Prinzen“ sagen lässt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Milz, Niere und Leber

„Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden“ schrieb einst Friedrich Nietzsche und wollte wohl damit ausdrücken, dass deren Ursprung nicht rational erklärt werden kann. Nach dem Verständnis der griechischen Antike war die Milz die Behausung bestimmter Gefühle, wie „schlechter Laune, Ärger oder Verdruss“. Auf altgriechisch hieß die Milz „splen“, woraus die Engländer später „spleen“ machten. Und wenn heute einem „eine kleine Verrücktheit, Schrulle, sonderbare Idee, eine Marotte“ nachsagt wird, dann hat man „einen Spleen“. Ähnlich verhält es sich mit der Niere. Die alten Griechen wussten bereits von der sehr schmerzhaften Verletzbarkeit der Niere. Daraus wurde dann ein „es geht mir an die Nieren“. Auch die Leber galt in der Antike als ein Gefühlszentrum. Das wiederum erklärt, warum man „von der über die Leber gelaufenen Laus“ spricht und damit meint, „nicht gut drauf zu sein“, was mit einer „Laus“ ins Bild gesetzt wird. Mit „der beleidigten oder gekränkten Leberwurst“ wird dagegen ausgedrückt, dass jemand über eine Nichtigkeit verärgert ist. Im Gegensatz dazu bedeutet die Aufforderung „frei von der Leber weg zu reden“, dass der Redner eine mögliche Belastung der Leber durch eine „Laus“ ignorieren soll.

Menschenfreund Prometheus

Die Leber als die größte Drüse des Körpers hatte aber im Bewusstsein unserer Vorfahren noch andere Bedeutungen. Eine davon erzählt der Mythos vom Leben des Prometheus. An einen Felsen im Kaukasus geschmiedet entriss diesem Halbgott ein Adler täglich die (nachwachsende) Leber aus dem Leib. Was hatte aber Prometheus zu diesem Schicksal verdammt? Es war eine Strafe des Göttervaters Zeus. Prometheus hatte nämlich die Menschen mit dem bei Tieropfern anfallenden edlen Fleisch versorgt, wogegen er seinem Chef nur Minderwertiges vom Opfertier zukommen ließ. Der so brüskierte Zeus bestrafte daraufhin die Menschen mit dem Entzug des Feuers. Eine solche Diskriminierung seiner Schützlinge machte Prometheus zum Wiederholungstäter. Er stahl den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen. Dieser Eigensinn des Prometheus versetzte Zeus derart in Wallung, dass er ihn zu dem Martyrium mit dem Adler verdonnerte. Doch zu guter Letzt gab es ein Happyend. Ein Held namens Herakles holt den Adler mit einem Pfeil vom Himmel und ein inzwischen nachsichtig gewordener Zeus begnadigte Prometheus. Als Dank für den Diebstahl des Feuers gilt uns heute Prometheus als Urbild des guten Rebellen und Schöpfers der menschlichen Zivilisation. Aber warum wurde ausgerechnet die Leber zum Gegenstand seiner Qualen und woher wusste man, dass sich die Leber regeneriert? In der Antike galt die Leber nicht nur als ein Ort von Gefühlen, sondern auch als der Sitz der Seele. Da die Seele unsterblich ist, und damit unzerstörbar, muss sich die Leber zwangsläufig regenerieren. Dass der Adler die Leber fraß, war das besonders perfide an der Bestrafung von Prometheus. Denn dadurch wurde Prometheus jeden Tag aufs Neue seines Ichs beraubt. Heute wissen wir von den Chirurgen, dass die Leber als einziges Organ im menschlichen Körper eine Regenerationsfähigkeit besitzt. Diese wächst allerdings nur nach, wenn noch mindesten 25% der ursprünglichen Lebermasse erhalten sind.

Die Leber als Orakel

Unsere Vorfahren waren vom Äußeren der Leber tief beeindruckt. Dieses blutreiche Eingeweide mit der glänzenden Oberfläche ist ja auch ein besonderer Blickfang. Ihre keilförmige Form, die dunkelrote Farbe und die unterschiedlichen Leberlappen scheinen die Leber frühzeitig zum Orakel prädestiniert zu haben. So wurde in grauer Vorzeit im Land zwischen Euphrat und Tigris die Leberschau erfunden und fortan an Priesterschulen gelehrt. Anhand von Modellen der Leber geschlachteter Schafe wurden die zukünftigen Weissager mit deren Gestalt vertraut gemacht. Von der Begutachtung deren Leber erhoffte man sich Antworten auf quälende Zukunftsfragen. Dazu legte der Opferpriester die gewölbte, obere Leberpartie auf die flache Hand und prüfte peinlich genau die untere Leberfläche. Selbst kleinste Abweichungen vom Normalzustand wurden genau registriert und daraus Schlussfolgerungen gezogen. Auch noch zu Zeiten der Römer war die Leber Orakel, das über den Ausgang von bevorstehenden Feldzügen befragt wurde.

Blutgruppe als Heiratsvermittler

und Karriereleiter

Obwohl die Leber für Weissagungen längst ausgedient hat, wird heute das Blut in Japan, Südkorea und Taiwan, genauer gesagt, dessen Blutgruppe bei anstehenden persönlichen Entscheidungen berücksichtigt. Träger der Blutgruppe 0 gelten als zielstrebige, eitle Problemlöser, aber zugleich auch als Romantiker und perfekte Beschützer von Frauen (der Blutgruppe A). Im Gegensatz dazu gelten die Träger der Blutgruppe A als freundlich, sorgfältig, verantwortungsbewusst, geduldig, aber auch als stur und engstirnig. Frauenzeitschriften empfehlen deshalb unisono für eine stabile Partnerschaft eine Paarung von A mit 0. Die Blutgruppe soll auch die Eignung für einen Beruf bestimmen, weshalb auch Politiker im Wahlkampf mit ihrer Blutgruppe pokern. Bedenklich ist allerdings, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Blutgruppe eine Ursache von Mobbing an japanischen Schulen geworden ist. Das Vertrauen auf die „Kraft“ der Blutgruppe ist nicht etwa eine in der japanischen Kultur verwurzelte Besonderheit. Vielmehr ist es die Folge eines wissenschaftlich getarnten Rassenwahns, der mit dem Psychologen Furukawa Takeji 1927 begann.

Wesentlich wurde der Blutgruppen-Glaube durch eine Studie über Verteilung der Blutgruppen innerhalb der asiatischen Bevölkerung befördert. Danach hatten 41 Prozent der Taiwaner die Blutgruppe 0, aber nur 21 Prozent der nördlichen Ureinwohner Japans (die Ainu). Nach Sicht der damaligen Studienverantwortlichen konnte ein solcher Unterschied nur bedeuten, dass ein Zusammenhang zwischen der Blutgruppe und dem Charakter besteht. Mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Blutgruppe erklärte man den unterschiedlichen Widerstand von bestimmten Bevölkerungsgruppen gegen die japanische Kolonisationspolitik. Das Militär legte besonders Wert darauf, möglichst Soldaten der Blutgruppe 0 (zielstrebige Problemlöser) für die Eroberungskriege im Pazifik zu rekrutieren. Der Glaube an die Bedeutung der Blutgruppe hat auch dazu geführt, dass die Nachfahren der Ureinwohner durch die japanische Gesellschaft diskriminiert wurden, was auch heute noch so sein soll.

Körpersäfte bestimmen

Gesundheit und Temperament

Körpersäfte haben auch in der europäischen Medizin und Psychologie lange Zeit eine dominierende Rolle gespielt. Redensarten wie der von „die Galle überlaufen“ oder „Gift und Galle spucken“, gehen auf die von Hippokrates aufgestellte Viersäftelehre (Humoralpathologie) zurück. Nach dieser wird Gesundheit vom Mischungsverhältnis von vier Körpersäften – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – bestimmt. Nur wenn diese Säfte im Gleichgewicht sind, ist der Mensch gesund. Der häufig angewandte Aderlass war deshalb die Universaltherapie zur Wiederherstellung der Harmonie unter den Säften. Aderlass und Schröpfen (lokales Blutsaugen durch Unterdruck mittels auf die Haut aufgesetzter Schröpfgläser) waren deshalb ergiebige Geldquellen fahrender Heiler (der Bader) im Mittelalter, was in der Rede „jemanden zur Ader lassen“ fortlebt. Diese Viersäftelehre hatte übrigens Bestand bis ins 18. Jahrhundert hinein. Erst mit der von dem preußischen Arzt und Politiker Rudolph Virchow begründeten Zellularpathologie verschwand endgültig die Viersäftelehre aus der Medizin. Mit seiner Lehre wurde die Zelle in den Mittelpunkt des Krankheitsgeschehens gestellt.

Übrigens, auch die menschlichen Temperamente, cholerisch (gelbe Galle), melancholisch (schwarze Galle), sanguinisch (Blut) und phlegmatisch (Schleim) wurden mit einem Zuviel des einen oder anderen Saftes erklärt. Die vier Apostel, die Sendboten im Neuen Testament, von denen uns Albrecht Dürer in seinem zweiteiligen Gemälde eine Vorstellung gibt, galten als die Verkörperung der vier Temperamente. Johannes verkörpert den phantasievollen Optimisten (Sanguiniker), Petrus ist der schwerfällige Schweiger (Phlegmatiker), Paulus ist der zu Trübsinn und Traurigkeit neigende Melancholiker und Markus (laut Wikipedia war Markus kein Apostel, sondern „nur“ Evangelist) steht für den Jähzornigen (Choleriker).  Bleiben wir noch kurz bei der Galle. Für die Bildung der gelben Galle war die Leber zuständig, was auch heute noch gilt. Nach der Viersäftelehre hatten Menschen mit zügellosem Temperament zu viel gelbe Galle. Deshalb galt die Leber auch als der Sitz des Zorns.

Und was ist mit dem Eingeweide, das uns zu Künstlern, Nobelpreisträgern und unverwechselbar macht? Für den Steinzeitjäger war das Gehirn eine fettige Schmiere, mit der er die Lederhäute geschmeidig und haltbar machen konnte. Der oben erwähnte Hippokrates sah stattdessen im Gehirn eine speichelproduzierende Drüse. Das könnte dann auch der entscheidende Hinweis für den Ursprung vom „schleimigen Reden“ sein.  Schimpansen leben jedenfalls nur in kleinen Gruppen, weil ihnen offenbar die Fähigkeit für die „schleimige Kommunikation“ fehlt. Ihr Gehirn soll ja auch nur ein Drittel des Unsrigen betragen.

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