Mittwoch, November 23, 2022
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Ellings Abenteuer in das „wirkliche“ Leben

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Was ist eigentlich das wirkliche Leben? Was ist normal und was nicht? Wie lebt es sich jenseits sogenannter „Normalität”? Das Leben einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, ermöglicht die Geschichte von „Elling“, einem Mann, der sich aus einer behüteten Sicherheit auf den Weg macht ins „wirkliche“ Leben. Der Bestseller von Ingvar Ambjornsen wird von den Kammerspielen Magdeburg auf die Bühne gebracht. Ein Stück über Mut und Kraft, mit viel Einfühlungsvermögen und Humor.

Es kommt einfach über mich, dieses Gefühl, aus allem herauszufallen.” Zitternd sitzt Elling auf seinem Platz, ein Mann Anfang 40, der erstmals (fast) allein den Weg in ein Restaurant gegangen ist, sich zurechtfinden muss mit all den Dingen, die für „Normalbürger“ selbstverständlich sind. Was geht in ihm vor? Warum ist das so? Und wie, bitteschön, stellt man das als Schauspieler möglichst realistisch dar? Ohne klischeehaft zu werden und unterhaltsam zugleich, so dass sich das Publikum angesprochen und bestenfalls mitgenommen fühlt. Das Theaterstück von Axel Hellstenius entstand auf Grundlage des Roman-Bestsellers „Blutsbrüder“ von Ingvar Ambjornsen, der verfilmt 2002 für den Oscar nominiert wurde.

Elling ist ein 41-jähriges „Muttersöhnchen“. Nach dem Tod seiner Mutter wird er in einem Schrank gefunden, ist verstört und nicht allein lebensfähig. Er wird in die Psychiatrie eingewiesen. Dort freundet er sich mit seinem Zimmergenossen Kjell Bjarne an. Nach zwei Jahren werden die beiden im Rahmen eines Modellversuchs entlassen und beziehen in Oslo eine gemeinsame WG. Zur Seite steht ihnen dort der Sozialarbeiter Frank, der sie „resozialisieren“ soll. Doch das erweist sich als kompliziert. Für Menschen wie Elling ist der Toilettengang durch ein vollbesetztes Restaurant so schwierig wie für andere die Besteigung des Mount Everest.

Also: Wie macht man das? Wie kann man Angst überwinden? Das müssen die beiden Männer auf dem Weg, scheinbar selbstverständliche Dinge zu lernen wie telefonieren, einkaufen oder in ein Restaurant gehen. „Eine große Aufgabe für sie“, erklärt Oliver Breite. Der Regisseur achtet bis ins Kleinste darauf, Selbstverständlichkeiten zu vermeiden. Wie in der Restaurantszene, die wir bei den Proben miterleben durften. Hinsetzen, zur Menükarte greifen, bestellen – so einfach ist das nicht. Elling sucht nach einem passenden Platz, unsicher, nervös, auf seinen Freund Kjell wartend. Dann irritiert ihn, was auf dem Tisch steht. Das ist alles nicht richtig, nicht normal, nicht wie zu Hause. Er sortiert um, bis es passt. Schließlich der große Moment: Die Männer freuen sich auf ein besonderes Essen. Speck mit Stippe soll es sein. Nur dafür haben sie sich getraut, das Haus zu verlassen, über die Straße zu gehen, das Restaurant zu betreten. Sie wollen es bestellen – und finden es nicht auf der Karte. Was nun? Verzweiflung macht sich breit. Ein anderes Gericht auswählen, wie wir es wohltäten, kommt nicht in Frage. Eine Welt scheint zusammenzubrechen. Die Erlösung kommt mit einer jungen Frau, der Kellnerin Johanne, selbst verzweifelt, weil das „normale“ Leben eben auch Kummer bringt. Die scheinbare Unbekümmertheit der beiden „Jungs“ bringt ihr Freude, heitert sie auf. Sie helfen sich gegenseitig. Ungewollt und charmant schön.

Frauen! Noch so ein neues Thema. Spätestens als die beiden auf Reidun treffen, in die sich Kjell verliebt. Elling geht seinen Weg allein weiter … Wohin wird er ihn führen? Michael Magel ist in dieser Rolle zu erleben. Auf die Frage, was dabei am schwierigsten für den Schauspieler ist, antwortet er: „Die ganze Person ist eine Herausforderung.“ Er begibt sich dabei auf ein neues, unbekanntes Terrain. Bei Rollen wie dem jungen Werther, den er am Theater Stendal gab, sei ihm das leichter gefallen. Liebeskummer kenne man schließlich aus eigener Erfahrung, sagt er lächelnd. Doch sich in die Figur des Elling zu finden, sei eine besondere Aufgabe. Allein den Text zu lernen, genügt nicht. Auf das Wie kommt es an, und da können persönliche Empfindungen täuschen.

„Zum Glück haben wir mit Oliver Breite einen wunderbaren Regisseur, der uns genau in die passende Gefühlswelt bringt.“ Eine Verwandlung geht in ihm vor, erklärt Michael Magel. Mit jeder Faser, mit jedem Gedanken müsse er sich in die Rolle hineinfinden und alles „normale“ abschütteln. Doch was ist schon normal?, fragt er dann, lächelt wieder und bringt genau die Hauptfrage auf den Punkt. Haben wir nicht alle unsere Eigenheiten?
Mit „Elling“ haben sich die Kammerspiele Magdeburg ein eigentlich ernstes Thema vorgenommen. Und doch – natürlich – gibt es auch in dieser Inszenierung viel zu lachen. Aus der Situation heraus oder gewollt darauf hingearbeitet. Ohne sich lustig zu machen. „Das liegt uns fern“, betont Michael Magel und erklärt, dass die handelnden Figuren, das Thema an sich sehr ernstgenommen werden müssen. „Nur dann entsteht Komik.“
Das zeigt sich bereits deutlich bei den Proben.

Sie machen neugierig auf das, was ab 28. Februar auf der Bühne der Feuerwache zu erleben sein wird. Elling, Kjell und die große Reise aus dem be- hüteten Umfeld in das wirkliche Leben. Ein Abenteuer mit vielen schönen Momenten. An dessen (Theater)Ende sich das Publikum mitgenommen fühlen soll, angesprochen und vielleicht sogar glücklich, wenn es Elling am Ende gelingt zu telefonieren.

Elling. Nach dem Bestseller-Roman von Ingvar Ambjornsen. Premiere: 28. Februar 2020, 19.30 Uhr, Kulturzentrum Feuerwache Süd. Mit Michael Magel (Elling), Michael Günther (Kjell Bjarne), Eckhard Doblies (Frank) und Friederike Walter (u. a. Johanne, Reidun). Regie: Oliver Breite. Ausstattung: Meyke Schirmer. Tickets online bei Kammerspiele Magdeburg

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