Freitag, Juli 1, 2022
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Emotional. Sensibel. Amüsant.

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„Elling“ heißt das neue Theaterstück der Kammerspiele Magdeburg. Der norwegische Autor Ingvar Ambjörnsen schuf mit seiner gleichnamigen Romanfigur die Grundlage dafür. Entstanden ist eine Inszenierung, die ans Herz geht, die sensibel umgesetzt und unterhaltsam ist. Mit starker schauspielerischer Leistung.

Jetzt gehen wir einen Happen essen. Einen Happen? Ein Happen reicht mir nicht, sagt Kjell Bjarne, der für sein Leben gern isst. Gut und viel. Dabei entwickelt er wahre Künste. So kann er seinen Nachtisch regelrecht „einatmen“ – einmal Luft holen, schwupp ist er weg.

Was im ersten Moment lustig klingt – und ja, es auch ist, wenn man es auf der Bühne erlebt – hat einen ernsten Hintergrund. Die Happen-Interpretation ist symbolisch. Es sind Redewendungen, Handlungen, Vor- und Gedankengänge, die für Kjell Bjarne und seinen Kameraden Elling nicht immer nachvollziehbar und erst zu erlernen sind. Wie zwei Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden entdecken sie die Welt ringsum, müssen sich zurechtfinden, durchsetzen, ihren eigenen Weg entdecken und gehen. Nur dass die beiden Protagonisten keine Kinder sind. Nicht äußerlich und nicht im Alter. Erwachsene Männer, die nach „betreutem Wohnen“ ihre erste eigene Wohnung beziehen – ein Versuchsprojekt.

Die Geschichte von „Elling“ wurde von Ingvar Ambjörnsen erfunden. Der erste wurde gleich ein Bestsellerroman, nach dessen Veröffentlichung Elling ein gewisses Eigenleben entwickelt hat. Es gibt vier Romane, einen oscar-nominierten Film und sogar einen Band mit Ellings Gedichten. Wie er zur Lyrik findet, klingt im Theaterstück an. Das alles macht Elling unverwechselbar. Vielleicht wurde in dieser Absicht der Buchtitel „Blutsbrüder“ nicht übernommen, wobei dieser für die Geschichte an sich aussagekräftiger wäre. Mit Elling gibt es nicht nur einen Protagonisten, sondern mit Kjell Bjarne zwei ebenbürtige. Wie Blutsbrüder verhalten sie sich, sind füreinander da, wenn es darauf ankommt, helfen und trösten sich. Natürlich gibt es mal Zoff, aber auch sehr viel zu lachen. Wie kleine Kinder machen sie Quatsch, toben und fabulieren, dass es die reine Freude ist mitzuerleben. Immer wieder gibt es Szenen, die still werden lassen, anmutig sind. Dann wieder Komik, die mit Lachsalven aus dem Pulikum belohnt wird. Erstaunliche Feinheiten, berührende Augenblicke. Auch oder gerade, wenn man sie nicht vermutet. Das Zusammenbauen eines Regals wird zu einem emotionalen Erlebnis.

Sie sind ein wenig seltsam, heißt es im Textbuch. Elling korrigiert: „selten“ gefällt ihm besser. Und genau das trifft es. Typen wie die beiden Protagonisten sind selten. Das macht sie einmalig. Liebenswert. Was wäre die Welt langweilig, wenn alle Menschen gleich wären!

Es ist faszinierend, wie die Magdeburger Schauspieler Michael Magel (Elling) und Michael Günther (Kjell Bjarne) in diese Figuren schlüpfen, sich in sie hineinfinden, zu ihnen werden. Jeder für sich in psychischer und physischer Höchstleistung. Beeindruckend!

Die Äußerungen im Publikum reichen vom mitfühlenden „oh jeh“ bis zum freudigen „ach wie schön“. Eine Besucherin sagte im Anschluss sogar: „Am liebsten wäre ich auf die Bühne gegangen, um die beiden zu umarmen“. Eine weitere erklärte: „So etwas Wunderbares habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.“

Den Protagonisten zur Seite steht auf der Bühne überzeugend Eckhard Doblies als Sozialarbeiter Frank. Und Friederike Walter zeigt in gleich drei Rollen (Reidun, Gunn, Kellnerin) ihre Vielseitigkeit.

Die Kammerspiele Magdeburg sind weitaus mehr als ihre Kult-Komödien-Serie „Olvenstedt probiert’s“. Das zeigen sie mit aktuellen Inszenierungen wie „Abraham“, „Miss Lenya, please“ oder dem bereits ausgezeichneten „Enigma“. Mit „Elling“ haben sie eine weitere Facette offeriert, womit sie jedem großen Theater Konkurrenz machen können. Wir Magdeburger können uns glücklich schätzen, solche Kunst, solche Künstler in der Stadt zu haben. Birgit Ahlert

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