Dienstag, September 21, 2021
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Endlos und allein

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Eine Betrachtung zum Wandern | Von Viktor Otte

In einem kürzlich erschienenen Artikel in einer sachsen-anhaltischen Tageszeitung wurden sechs Wandertypen vorgestellt: Naturwanderer, Sportwanderer, Kulturwanderer, Pilgerwanderer, Nachtwanderer und zu allem Überfluss auch sogenannte Nacktwanderer. Wozu ich gehöre, konnte ich so einfach nicht feststellen, aber gewiss nicht zur vorletzten und letzten Gruppe. Wenn man die Klassifizierungen noch etwas weiter treiben möchte, könnte man sicher noch Kurz-, Mittel- und Langstreckenwanderer unterscheiden. Wandern ist mit Sicherheit eine anachronistische Fortbewegungsmethode. Der Müllerbursche wandert nicht mehr. Heute fliegt man, nimmt die Bahn, das Auto oder auch das Fahrrad. Fahrradfahren ist dem Wandern noch am ähnlichsten, Wind, Sonne oder Regen werden unmittelbar erlebt und man muss sich anstrengen. Natürlich auch hier wieder nicht jeder Fahrradfahrer, dem E-Rad sei Dank. Die meisten Leute wandern in Gruppen, in der Regel die Männer vorn, die Frauen in wenigen Schritten Abstand dahinter. Das empfindet niemand als Diskriminierung, es scheint eher naturgegeben zu sein. Man erzählt, endlich befreit von anderen läs-tigen Zwängen, oft sehr engagiert und lautstark, über alles Mögliche, im fortgeschrittenen Alter überwiegen allerdings die Gesundheitsthemen. Beliebt sind auch Gespräche über Enkelkinder. Politik kommt weniger vor, es handelt sich offensichtlich um ein Tabuthema. Will man das alles meiden aber trotzdem wandern, gibt es nur eine Möglichkeit: Man geht allein. Das ist für das Nachdenken auf jeden Fall das Beste.

In meiner Familie gibt es gute Erfahrungen mit dem Jakobsweg in Spanien. Nun bedarf Wandern auf dem Jakobsweg immer einer sehr gründlichen Vorbereitung und auch einer stabilen Konstitution. Die Schuhe sollten eingelaufen sein, der Rucksack nicht zu schwer und man benötigt vor allem viel Zeit, mindestens mehrere Wochen. Für spontane Wanderungen kommt der Jakobsweg nicht in Frage.

Doch wozu benötigt man religiös-zertifizierte Wanderwege mit klingenden Namen, der Feldweg von einem Dorf zum anderen macht es doch auch. Ich kaufte mir also eine Wanderkarte (Radwander- und Wanderkarte Nr. 242 für die Gegend Burg, Jerichow und Tangermünde) und beschloss spontan, mich auf den Elbe-Radweg von Magdeburg nach Tangermünde zu begeben. Eine kurze Betrachtung der Entfernung sagte mir allerdings sofort, dass ich dazu mehrere Tage benötigen würde. Wieviel läuft man im fortgeschrittenen Alter pro Tag bei sengender Hitze (es waren gerade Tage mit 30 Grad Celsius angesagt) und einem Rucksack mit einem Gewicht von ca. sechs 1-Liter-Wasserflaschen, der trotzdem nur das Nötigste enthält? Nun, mehr als 15 bis 20 Tageskilometer sollten es nicht sein. Die Wander-Tagesdistanz war also schnell abgesteckt. Nach einigen Anrufen waren auch die entsprechenden Übernachtungen gebucht. Nun konnte es losgehen. Nachdem der Rucksack gepackt war, die Wanderschuhe angezogen und mir meine Frau einen letzten leicht zweifelnden Blick zugeworfen hatte, gab es kein Zurück mehr. Mein ganz kleiner privater „Jakobsweg“ nahm seinen Anfang.

1.Tag: Magdeburg – Hohenwarthe (Trogbrücke)
Die Startstimmung war euphorisch. Ich hatte mich durchgerungen und ging jetzt wirklich. Die kleinen Steinchen knirschten unter den Wanderschuhen. Ich trug den nicht ganz leichten Rucksack mit erhobenem Kopf und war mir sicher, dass ich eine gute Entscheidung getroffen hatte. Weit hinter dem Herrenkrugpark machte der Radweg laut Karte einen scharfen Knick nach rechts, dann wieder nach links. Mit dem Fahrrad alles kein Problem, da kommt es auf ein paar Kilometer nicht an, aber zu Fuß? Auf der Karte ist ein kleiner Feldweg eingezeichnet, der eine Abkürzung verspracht. Nur leider kam ich an dessen Ende nicht weiter. Ein Kanal verhindert das Weitergehen nach Alt-Lostau. Also ging ich über ein abgeerntetes Rapsfeld schräg zurück, bis ich den ursprünglichen Fahrradweg und auf ihm dann die Brücke erreichte. Ich freute mich auf die Dusche im Hotel.

2.Tag: Hohenwarthe – Rogätz
Der Abschnitt von Hohenwarthe nach Rogätz fiel mir schwer. Und manche Fehler macht man halt zweimal. Wieder wollte ich eine Abkürzung nehmen, an der Waldschänke vorbei, immer den Elbdeich entlang bis Niegripp. Nur ging das leider nicht. Das hätte ich besser wissen können, die Karte zeigt es deutlich: Den Niegripper-Elbe-Havel-Kanal kann man nur über die Brücke an der Schleuse Niegripp überwinden. Ich bin also um große Teiche herum und durch den Wald wieder viel weiter gelaufen als notwendig. Nachdem ich endlich die Brücke überquert hatte, erschien mir Rogätz mühelos erreichbar. Doch der Weg nach Niegripp auf dem Deich war schier endlos. Entspannen und abkühlen könnte ich mich in der schönen barocken Dorfkirche. Weiter bis Schartau mit einem Abstecher ins Dorf und dann wieder auf dem sonnendurchglühten Deich bis zur Elbfähre in Rogätz. Die Lust zum Meditieren auf dem Weg hielt nicht lange an. Die Schultern schmerzten von der Gepäcklast. Die Hüftknochen signalisierten mir, dass sie die Belastung nicht gewöhnt waren und die Sonne brannte dazu unbarmherzig am blauen Himmel. Ein großes Sonnenblumenfeld am Wegrand erfreute mir vorübergehend das Herz. Zwei große Bier am Abend glichen dann wenigstens meinen Flüssigkeitsverlust aus und hellten meine Stimmung erheblich auf.

3. Tag: Rogätz – Kehnert
Der Weg von Rogätz nach Kehnert war, verglichen mit den bisherigen Strecken, ein Spaziergang. Mein Körper hatte sich an die Dauerbelastung gewöhnt. Die Distanz war relativ kurz und ich feierte innerlich ein „Bergfest“. Der größte Teil des Weges war nun schattig. Ich gestattete mir eine kurze Kaffeepause im Hotel und Feriendorf „La Porte“ direkt am Wegesrand und erreichte schließlich das Ziel der Tageswanderung, den Gutshof „Elbschloss Kehnert“. Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg ließ sich hier 1804 von Langhans dem Älteren (der auch das Brandenburger Tor erbaut hatte), ein prächtiges Landschloss errichten. Wenn man auf der Terrasse sitzt und in die jetzt sicher 200-jährigen Bäume im verwilderten, ehemaligen Schlosspark blickt, kann man etwas vom damaligen Lebensgefühl des Adels erahnen. Es gibt nur Frühstück auf dem Schloss, der Fahrrad- oder Autoreisende kann leicht an einen anderen Ort fahren. Mir blieb nur Überredungskunst, und da man bis zu meinem Fall offenbar noch niemanden getroffen hatte, der von Magdeburg zu Fuß zum Schloss gekommen war, machte man eine Ausnahme und servierte mir zum Abend auf der Terrasse Spiegeleier mit Brot, Butter, Käse und ein großes Glas Rotwein. Erwähnen will ich noch, dass man auf dem Gutshof einen Reiturlaub für Jung und Alt mit vier ganz lieben Pferden verbringen kann. Für Kinder ist das sicher ein großer Spaß.

4. Tag: Kehnert – Grieben
Von Kehnert aus brach ich am anderen Morgen nach einem ausgezeichneten Frühstück über Sandfurth, Ringfurth, Polte und Bittkau nach Grieben auf. In Ringfurth sah ich die ersten Störche im Nest. Die Strecke verläuft leider kilometerweit parallel zur Landstraße. Aber es gab viel zu sehen: wunderschöne Blumen am Wegrand (gelber Rainfarn, noch nicht verblühtes gelbes Johanniskraut, blaue Kornrade, roter Klatschmohn), riesige Kornfelder mit den schönen blauen Kornblumen und natürlich die Elbe. Nur die Sonne gab mir wieder das Gefühl, in einer hoch temperierten Sauna zu wandern. Den ganzen Tag lang machte mir die Hitze zu schaffen. Wer glaubt, dass man unter solchen Umständen tiefsinnige Gedanken wälzen kann, der irrt sich. Ich freute mich über jeden Baum, der etwas Schatten spendete und jeden Schluck Wasser, den ich bei mir trug. Doch der Vorrat ging schnell zur Neige. In der „Bauernschänke” in Grieben konnte ich das Flüssigkeitsdefizit kompensieren.

5. Tag: Grieben – Tangermünde
Auf zur letzten Runde nach Tangermünde. Ein Bauer in Schelldorf gab mir, nachdem ich zu seiner Freude die wunderschönen Blumen auf seinem Dreiseitenhof fotografiert hatte, den Tipp, doch gleich rechtsherum vor dem Gerätehaus mit Solardach auf dem Fahrstreifen neben dem Deich zu gehen. Das war ein guter Hinweis. Allerdings gab es, wie auf der Strecke nach Rogätz, über zehn Kilometer lang keinen Baum, keinen Strauch. Ungefähr fünf Kilometer vor Tangermünde traf ich am Naturbeobachtungsturm – den zu erklimmen ich keinerlei Lust verspürte – einen Fahrradfahrer, der mich mit geschobenem Rad bis Tangermünde begleitete. „Wollen Sie Ihren Rucksack nicht auf mein Rad legen“, fragte er. Ich überlegte nur kurz und schüttelte standhaft den Kopf. Das fehlte noch, mir kurz vor dem Ziel die Last abzunehmen. So marschierten wir irgendwann in Tangermünde durch das imposante Stadttor ein. Gleich links gibt es das wunderschöne kleine Café „Engel” mit Gartenbereich und ich trank den heißen Kaffee trotz der Hitze mit großer Zufriedenheit. Ich war gesund und wohlbehalten angekommen. Anschließend zog ich mich hinter einem Bretterverschlag aus, stopfte mein triefendes Unter- und Oberhemd in den Rucksack und zog frische Wäsche auf meinen verschwitzten Körper. Danach rief ich meine Frau an und sagte, dass ich jetzt mit dem Zug über Stendal nach Hause kommen würde. Rund eineinhalb Stunden später war ich wieder in Magdeburg.

Ich hatte auf der rund 85 Kilometer langen Strecke (so sagte jedenfalls mein Kilometerzähler) keinen einzigen Wanderer gesehen. Dafür jedoch viele Fahrradfahrer, die mich, wenn ich irgendwo am Wegesrand saß, oft fragten, wo denn mein Fahrrad wäre. „Ich habe keins dabei“, anwortete ich und erntete sowohl verwundertes Kopfschütteln als auch freundlichen Respekt.

Jeder, der sich auf solch ein Abenteuer einlassen möchte, wird die Wanderung mit anderen, ganz persönlichen Eindrücken erleben. Jeder wird am Ende stolz sein, es geschafft zu haben. Die Wege erscheinen manchmal endlos. Das stundenlange Alleinsein während des Fußmarsches muss man wollen. Ein paar vernünftig erscheinende Gedanken und Erkenntnisse bleiben bestimmt nie aus. Etwas Mut gehört auch dazu, sich mit 80 Jahren und allein auf einen solchen Weg zu begeben. Schnelle Hilfe ist im Notfall auf der gesamten Strecke so gut wie ausgeschlossen. Wenn Sie das mal ausprobieren möchten und riskieren wollen, dann machen Sie es. Wandern Sie in der nahen und ferneren Umgebung ein paar Tage allein. Es muss nämlich nicht der Jakobsweg in Spanien sein, um mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.

Der Autor Prof. Dr.-Ing. Viktor Otte ist Mitglied des Magdeburger Professorenkollegiums „emeritio“, studierte und promovierte an der jetzigen Technischen Universität Ilmenau, arbeitete über zehn Jahre in der Forschung bei Carl Zeiss in Jena, war als Dozent an der Universität Magdeburg tätig und lehrte ab 1991 an der Universität Wuppertal, Fakultät Maschinenbau.

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