Englisches Schweißfieber

Am Ende des 15. Jahrhunderts verbreitete sich von England aus eine verheerende Seuche über Europa aus mit Nachwellen bis 1551. Dr. Peter Staudacher erinnert an das längst vergessene „englische Schweißfieber“.

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Der 22. August 1485 war ein warmer Sommertag. Auf den Schlachtfeldern von Bosworth tobt die letzte Schlacht der Rosenkriege. Jahrzehntelang stritten die Adelshäuser York, mit einer weißen, und Lancaster, mit einer roten Rose im Wappen, um die Vorherrschaft auf der britischen Insel. Richard III. verlor Krone, Land und Leben. Heinrich, mütterlicherseits aus dem Hause Lancaster stammend, war väterlicherseits ein Tudor. Als Heinrich VII. Tudor begründete er dann eine 120 Jahre währende Dynastie. Die spätgotischen Elemente in der Architektur dieser Zeit sind bis heute stilbildend für England geworden. Praktischerweise heiratete er Elisabeth von York, was für Aussöhnung und Frieden sorgte.

Richards Desaster auf den Bosworth Field konnten sich Zeitgenossen nicht so recht erklären. Möglicherweise sah man mangelhaften Mut der Kombattanten sowie Tote ohne Verwundungen. In einer Chronik des Klosters Croyland aus jenen Tagen ist das Ungewöhnliche der damaligen Ereignisse festgehalten worden. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel brach vier Wochen später am 19. September 1485 über London eine Katastrophe herein. Nach kurzzeitigen unspezifischen Prodromi überfiel die Menschen extrem hohes Fieber, Schwindel, Gliederschmerzen und das alles beherrschende Symptom des übelriechenden, nie dagewesenen Schweißes; Herzrasen und nicht stillbarer Durst, Erbrechen und Hautrötungen komplettierten das Krankheitsbild. Foudroyante (blitzartig entstehend, schnell und heftig verlaufend) Verläufe sollten die Regel gewesen sein, wie der Arzt Thomas Forrestier aus der Normandie, der zufällig anwesend war, berichtete. Wörtlich schilderte er: „Wir sahen zwei Priester, die zusammenstanden und miteinander redeten. Plötzlich starben alle beide. Ebenso sahen wir die Frau eines Schneiders, die von der Krankheit befallen wurde und unversehens starb. Ein junger Mann, der die Straße entlang ging, fiel einfach tot zu Boden.“ Was war dagegen zu machen? Dass es etwas Ansteckendes sein müsste, dämmerte auch den damaligen Ärzten. Den Empfehlungen der jahrhundertealten ‘Vier-Säfte-Regel‘ folgend war die therapeutische Strategie: Raus mit den schlechten Säften! Abführen, Brechmittel verabreichen und die oft praktizierten Aderlässe waren die probaten Therapien der Zeit. Die Empfehlung, hochfiebrige Patienten sofort, am besten noch in Straßensachen, in einen Berg von Decken einzuhüllen, dürfte die Malaise (Missstimmung) noch beschleunigt haben. In Wellen schwappte das unheimliche Krankheitsgeschehen über die ganze Insel, die bevölkerungsreichen Städte bevorzugend. 1508 überrollte Britannien eine zweite, 1517 eine Dritte Welle. Den Ärmelkanal übersprang sie bis dato nicht.

Die medizinische Epikrise ließ sich wie folgt zusammenfassen: Die ersten 24 Stunden entscheiden über den Verlauf und somit über Leben und Tod. Man empfahl den Kranken strikte Bettruhe und trotz des hohen Fiebers warme Decken.

Bei der vierten Welle 1528 trat ein, was kommen musste. Die Seuche übersprang die Straße von Dover und erfasste das kontinentale Calais. Nun gab es kein Halten mehr. Nach einem kurzen Abflauen in den Wintermonaten ergriff sie Antwerpen, 1529 gelangte sie über den Seeweg nach Hamburg, wo ihr Wüten, dank völlig fehlender Herdenimmunität – woher auch, noch aggressiver gewesen sein soll. Von dort war das Ausfallstor in alle Richtungen offen. Entlang der Handelsrouten der Hanse erreichte sie Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswald und im September 1529 bereits Danzig. Richtung Baltikum, Skandinavien, Polen und Teilen Russlands war es nur noch ein kurzer Schritt. Frankreich blieb merkwürdigerweise verschont, wie auch Italien hinter dem Schutz der abriegelnden Alpen. In Deutschland ergriff sie noch im selben Jahr die küstenferneren Gebiete Niedersachsens sowie Bremen. Der Marburger Medizinprofessor Euricius Cordus (1486-1535) verfasste einen Ratgeber über das Geschehen, das inzwischen als ‘englisches Schweißfieber‘ Furore machte, ab 1500, mit Beginn der Renaissance, dann zunehmend als sudor anglicus bezeichnet. Nach 24-stündiger Bettruhe sei die Todesgefahr angeblich gebannt. Über die üblichen Therapieempfehlungen der Zeit hinaus vermutete er Miasmen, also schlechte Ausdünstungen – heute würde man vielleicht Aerosole sagen – als Wurzel allen Übels, womit er letztlich sicher nicht Unrecht hatte. Der Mindener Kaufmann, Ratsherr und Chronist Heinrich Piel kam mit praktischem Verstand zu der Vermutung, dass mache Familien ihre fiebernden Angehörigen in so schweres Bettzeug packten, dass diese an übermäßiger Hitze sterben würden.

Im August 1529 wurde in Dortmund ein großer Jahrmarkt abgehalten, drei Tage später litten 500 Menschen unter den inzwischen bekannten Symp-tomen. Hier nahm man Anleihe an den Pestzeiterfahrungen und veranstaltete Bittmessen und Prozessionen, vertraute mehr auf die Hilfe und Gnade des Allmächtigen. Dort ging auch der Aberglaube um, dass die Patienten am Einschlafen, im Sinne eines Hinüberschlafens in die Ewigkeit, gehindert werden müssten. Es kam sogar zu quälenden Exzessen mit Nadelstichen und Peitschenhieben, um jedes Schlafen zu verhindern.
Zeitgleich flammte die Seuche auch in Köln auf, wo sie drei Monate wütete und viele Opfer forderte. Entlang des Rheintals erreichte sie bereits im Herbst 1529 das Elsass. Über Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Schlesien erfasste sie schließlich am 27. September 1529 auch Wien, wo die Osmanen erstmalig ante portas (vor den Toren) standen. Belagerer und Belagerte zahlten einen hohen Tribut. Erst 1530 fand diese Welle in Bern und Basel ihr Ende. In Kontinentaleuropa trat sie seither nie wieder auf. Beschränkt auf das insulare Britannien gab es noch Nachwellen überschaubaren Ausmaßes bis 1551. Danach verschwindet die mysteriöse Seuche im Dunkel der Geschichte und trat nie wieder auf. In heutigen Lehrbüchern der Inneren Medizin wird gerade noch in einer Randbemerkung an sie erinnert. Die Zeitspanne vom Ausbruch bis zum Verlaufen der letzten Wellen ist nahezu deckungsgleich mit Martin Luthers Lebensdaten – eine lange Zeit! Über die Ursache ist heute so wenig bekannt wie damals, die Mutante eines viralen Geschehens, welcher Art auch immer, mehr als wahrscheinlich. Hinsichtlich der Spanischen Grippe von 1918-21 ließ sich aus den noch in den Gräbern des Permafrostbodens von Grönland vorhandenen Resten von Lungengewebe viel eruieren. Bezüglich des ‘Englischen Schweißfiebers‘ sind alle Akten geschlossen und alle Fragen offen. Dass es unter heutigen Bedingungen zu einer Pandemie gekommen wäre, steht wohl außer Frage! Die global vernetzte, mobile und extrem verletzliche Gesellschaft der Gegenwart lässt keine anderen Schlussfolgerungen zu. Seien wir froh, dass wir seit den Kuhpockenbeobachtungen des englischen Landarztes Edward Jenner 1796 nebenwirkungsarm derartige Viruserkrankungen causal behandeln, das heißt an der Wurzel packen und beherrschen können und sie ihren apokalyptischen Schrecken verloren haben. Da derzeit die virostatischen Therapien noch nicht verfügbar sind, bleibt nur die Fazit: Impfen, impfen, impfen!