Erinnerungen: Magdeburg zur Wendezeit

Politisches oder auch gesellschaftliches Engagement ist oder erscheint manchmal spontan, ist jedoch meistens mit einem Reifeprozess verbunden. Dieser Prozess war bei mir in der zunehmenden Umweltbelastung begründet, sodass ich mich Ende 1987 der Umweltbewegung der evangelischen Kirche anschloss. Produktionssicherung meist nur auf Kosten der Umwelt war nicht mehr hinnehmbar.

Diese Verfahrensweise war jedoch damals in vielen Bereichen üblich. So waren beispielsweise im Kohleindus-triekomplex Borna/Espenhain die Filteranlagen seit dem Bau 1936 nicht erneuert worden. Dafür wurden Schilder aufgestellt – mit dem Hinweis „Achtung Industrienebel“. Im Schlachthof Magdeburg fehlte für die Erneuerung der Fettabscheider das Geld, also wurde die Fleischbrühe ungefiltert in die Schrote geleitet. Die Asbestabraumhalde in Magdeburg-Rothensee war weder zugangsgesichert noch abgedeckt. Und bei fast allen Mülldeponien fehlte die Basisabdichtung mit der Folge der Grundwasserverseuchung – um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie die Gründung der SPD war das erste Gebet für Frieden und gesellschaftliche Erneuerung am 18. September 1989 im Dom ein weiterer Schritt zur notwendigen Veränderung, auch wenn wir nur 140 Personen waren und die Stasi uns „eng begleitet“ hat. Bei den ersten freien Kommunalwahlen wurde ich in die Stadtverordnetenversammlung und aus dieser heraus am 31. Mai 1990 zum Zweiten Bürgermeister mit Verantwortung für den Bereich „Kommunale und Ordnungsangelegenheiten“ gewählt. Hierzu zählte u. a. der Bereich Inneres mit einer großen Anzahl von Mitarbeitern, aber keiner definierten Aufgabenbeschreibung. Zusätzlich wurde eine ganze Reihe des Personals schnell noch in andere Bereiche versetzt, sodass Prüfung und Neustrukturierung bewusst erschwert wurden.

Mein Amtssitz sollte die Jean-Burger-Straße 8 sein, in der die Bezirksbürgermeisterin des Stadtbezirkes Süd ihren Sitz hatte. Diese weigerte sich zunächst jedoch die Räume zu verlassen und zu übergeben, da sie ihre Funktion durch die Kommunalwahl nicht aufgehoben sah.
Mit fortschreitender Prüfung der Mitarbeiter auf Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit kündigten viele Angestellte freiwillig. Es entstanden aber gleichzeitig private Sicherheitsdienste, Fuhrbetriebe und andere Kleinunternehmen, deren Ausstattung und Startkapital irgendwie gesichert war. Unter diesem Aspekt war zum Beispiel der Aufbau eines neuen und unbelasteten Ordnungsamtes und des Einwohnermeldeamtes besonders schwierig, aber unabdingbar.

Eine weitere Aufgabe war die Neuordnung der städtischen Liegenschaften. Tausende Grundstücke mussten auf rechtmäßige kommunale Zuordnung oder private beziehungsweise landesbezogene Ansprüche überprüft werden. Hinzu kam die Übernahme der Liegenschaften der sowjetischen Besatzung. Das heutige Hegelgymnasium sollte in jedem Fall wieder städtisches Gymnasium werden, trotz des Zustandes und der zu erwartenden enormen Investitionen. Hier war beispielsweise das Dach des Kuppelsaales geöffnet worden, um Fernsehantennen durchzustecken. Und kurz vor dem Übergabetermin wurden noch sämtliche Stromleitungen aus den Wänden gerissen.

Das heutige Stadtbild macht mich stolz auf unsere Arbeit und die Mühen der Anfangsjahre. Die Erinnerung an zwei Diktaturen und deren Folgen verliert sich zu schnell und viele Menschen empfinden die kleinen Probleme des Alltags schon als Zumutung.

Bis zum Jahr 2014 war ich Mitglied des Stadtrates, aber bis heute liegt auf dem Schutz unserer Umwelt und der Erinnerung an Unfreiheit und Diktatur meine größte Aufmerksamkeit. Dazu gehören das Projekt „Zeitstrahl“ zwischen Mauersegment und Denkmal der deutschen Einheit am Dom, Magdeburg zwischen 1961 und 1989, aber auch Initiativen und Anträge über den Stadtrat für Radschnellwege und Verkehrsberuhigung und hoffentlich auch bald eine urbane Umgestaltung der Innenstadt.

Hans-Dieter Bromberg war von 1990 bis 1992 Leiter des Dezernats für Kommunale- und Ordnungsangelegenheiten, von 1990 bis 1994 und von 1999 bis 2014 Stadtrat, sowie von 2009 bis 2014 Fraktionsvorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion. Seit 2015 ist er Ehrenstadtrat der Landeshauptstadt Magdeburg. | Von Hans-Dieter Bromberg

Vielleicht gefällt dir auch