Sonntag, August 14, 2022
Anzeige

„Es wird ein erfrischender Aufbruch“

Anzeige

Folge uns

„Es wird ein erfrischender Aufbruch“ Kammerschauspielerin Iris Albrecht und das Theaterleben in Magdeburg

Kenner der Szene, auch in Magdeburg, wissen, dass es Kammersänger und Kammermusiker gibt, aber eine Kammerschauspielerin? 2021 vergab Oberbürgermeister Lutz Trümper diesen Titel für ihre hervorragenden Leistungen an Iris Albrecht. Eine seltene Ehrung, die seit 1926 am Wiener Burgtheater vergeben wurde, u. a. an Christiane Hörbiger, Gert Voss oder Maria Happel. Jetzt hat auch Magdeburg, neben der Kammersängerin Undine Dreißig, mit Iris Albrecht eine Kammerschauspielerin.

Die Theaterlaufbahn war ihr jedoch, wie man so sagt, nicht von der Wiege an vorhergesagt. Die junge Iris hatte sich dem Leistungssport verschrieben, machte ein gutes Abitur und entschied sich zum Erstaunen aller, Schauspielerin zu werden. „Mein Bauchgefühl wusste, es war das Richtige“. Nach dem Studium ging sie ins thüringische Rudolstadt, dann folgten sechs Jahre Berlin, in denen sie freischaffend arbeitete, an verschiedenen Theatern gastierte und auch als Dozentin an der Kinder- und Jugendkunstschule „Art for fun“ unterrichtete. Nach drei Spielzeiten Rostock ging sie nach Magdeburg. Hier kam sie gerade in die Übergangsphase von Wolf Bunge zu Tobias Wellemayer. Dementsprechend plante die Dreißigjährige erstmal nur für zwei Jahre. Dass daraus zwanzig wurden, beabsichtigte sie keinesfalls. Jetzt ist sie unkündbar. Aber eine wie Iris Albrecht sieht das nicht als Versicherung, sondern nur als möglichen Zeitgewinn, sich, wenn nötig, in Ruhe nach einem anderen Engagement umzusehen. „Ich plane kein Grab auf dem Westfriedhof. Ich bin keine Schauspielerin mit Naturschutzprädikat.“ Freiwillig hat sie sich einem Vorsprechen bei dem neuen Team von Julien Chavaz, das im September übernimmt, gestellt. Sich auf Neues einzulassen war für sie stets selbstverständlich. Sie beschreibt: „Man wechselt sozusagen das Theater ohne die Stadt zu wechseln. Das Publikum begleitet mich und ich begleite das Publikum. Das ist eine tolle Erfahrung.“ Und die ist ihr unterdessen lieb geworden. Inzwischen gibt es für sie ein Gefühl von Zuhause in Magdeburg, auch weil sie seit der Geburt ihrer Tochter Freunde außerhalb des Theaters gefunden hat.

Erfolg misst die Schauspielerin nicht an der Größe des Theaters, nicht einmal an der Größe der Rollen. „Erfolg ist, dass ich mit so vielen guten Leuten richtig gut gearbeitet habe.“ Sie nennt Susanne Lietzow, Sascha Havemann, Jan Jochymski oder Cornelia Crombholz. Oft sind es aber auch Elemente von Aufführungen, an die sie sich gern erinnert und die sie in ihrem persönlichen „Schatzkästchen“ bewahrt: „Zum Beispiel die Gestalt der Mutter in ,Tod eines Handlungsreisenden’ in Lucas Langhoffs Inszenierung um die es im Stück ja gar nicht geht. Viele Frauen haben mich darauf angesprochen! Oder, bei den Vorstellungen der ,Olsenbande’ gab es beim Auftritt mit einem Tablett sofort Szenenapplaus. Andererseits haben sich große Rollen wie die Elisabeth in ,Maria Stuart’ gar nicht eingelöst. Die berühmte Begegnung Maria/Elisabeth lief über Monitor. Es ist, als hätte ich diese Figur niemals gespielt.“

DIE Traumrolle gibt es für Iris Albrecht nicht, aber Mutter Courage, die könnte sie reizen. Sie bedauert nicht, Julia und Gretchen verpasst zu haben. „Aber Viola aus Shakespeares ,Was Ihr wollt’, Irina aus den ,Drei Schwestern’ von Tschechow und ja, Pippi Langstrumpf, es ist schade, dass die an mir vorbeigegangen sind!“

Ein Theaterberuf ist nicht gerade familienfreundlich, denn ohne Abenddienste geht es nicht. Einen Teil der Gage geht oft wegen der Kinder für Babysitter drauf. Manchmal sieht sich eine Schauspielerin sogar gezwungen, den Beruf zu wechseln, weil es ohne große Abstriche einfach nicht zu schaffen ist. Iris Albrecht weiß da Beispiele, aber sie kennt auch Regisseure, die das Problem bezüglich der Proben einkalkulieren und helfen, Kompromisse zu finden. „Man kann nicht ständig propagieren, was man alles für Kinder und Jugendliche tut, und die Mitarbeiter müssen sehen, wie sie klarkommen. Hier muss man größer denken und wie man das Problem angehen kann“, meint sie.

Der neuen Ära sieht die Darstellerin erwartungsvoll und voller Optimismus entgegen. Es sind nicht nur künstlerische Überlegungen, die sie so positiv stimmen. Sie begründet das so: „Das Team zieht nach Magdeburg. Das finde ich ganz wichtig. Theaterleute sollten mit der Stadt leben, für die sie arbeiten wollen. Die Crew hat Vorstellungen besucht, auch mit der Freien Szene das Gespräch gesucht. Die Vorsprechen waren wertschätzend. Bei dieser Mannschaft fühlt man sich sehr gut aufgehoben. Ich denke, es wird ein erfrischender Aufbruch.“ Selbstverständlich erfreut es die Actrice, dass die Neuen Inszenierungen aus der vergangenen Spielzeit übernehmen, darunter „Meisterklasse“, eine Vorstellung, die der Albrecht natürlich besonders am Herzen liegt. Der Abend entspricht dem konzeptuellen Ansatz des Intendanten, spartenübergreifend zu arbeiten, aber es ist auch für die Kammerschauspielerin Albrecht eine „Meisterrolle“. Zwar denkt sie jedes Mal vor der Vorstellung: „Ach, wäre ich doch Englischlehrerin geworden“, aber wenn die Lichter brennen ….

Als Fazit ihres langjährigen Schaffens sagt Iris Alberecht einen Satz, den man am Theater selten hört: „Ich bin eine glückliche Schauspielerin!“. Und das nach 33 Jahren in diesem wunderbaren, schrecklichen Beruf. Gisela Begrich

WEITERE
Magdeburg
Bedeckt
18.9 ° C
19 °
18.9 °
89 %
1.7kmh
96 %
So
31 °
Mo
31 °
Di
31 °
Mi
33 °
Do
28 °

E-Paper