Montag, September 26, 2022
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Etikettenschwindel bei „Bio“ und „Ohne Gentechnik“

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Von Prof. Dr. Reinhard Szibor

Zum Landeserntedankfest im Elbauenpark am 17. und 18. September werden bis zu 40.000 Besucher erwartet. Man freut sich darauf, in eine schöne heile Welt einzutauchen. Die wird den Besuchern versprochen. Landwirte aller Couleur, von konventionell über Bio bis hin zu Demeter werden vor Ort sein und die Lebensmittelproduzenten, die landwirtschaftliche Produkte verarbeiten, sowieso. Leckere Speisen und Getränke wird es geben und natürlich auch Informationen dazu. Alles wird „voll Öko“ sein, wie man heute so schön sagt. Dazu, dass sie die Pflanzen mit Agrochemikalien vor Schädlingen schützen, werden sich wohl nur die konventionellen Landwirte freimütig bekennen. Die Biobauern werden lieber nicht darüber reden wollen, und wenn sie doch einräumen, dass auch sie Pestizide versprühen, werden sie darauf verweisen, dass ihre Mittel natürlichen Ursprungs und deshalb nicht schlimm seien. „Biopestizide“ sozusagen. Überhaupt sei alles natürlich! Natürliche Pflanzen, artgerecht gehaltene Tiere, die nur mit eben diesen Pflanzen gefüttert werden und alles „Ohne Gentechnik“. Unterstützt wird dieses Narrativ von den Umweltverbänden BUND, dem NABU, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e. V., dem Verband Lebensmittel ohne Gentechnik u. a. m. Es könnte also alles so schön sein auf dem Landeserntedankfest! „Ohne Gentechnik“ gilt als Qualitätsmerkmal. Die Besucher könnten sich in der Illusion wiegen, ihre Speisen und Getränke kämen direkt aus dem Garten Eden oder zumindest aus einem irdischen Äquivalent. Aber da ist dann noch der Informationspavillon des Vereins „Forum Grüne Vernunft“ (FGV) mit seinem Team. Das beabsichtigt, Essig in den Wein der Illusionen zu gießen. Und weiterhin bildlich gesprochen, ist es nicht milder Weinessig, sondern scharfe Essigessenz. Der satzungsgemäße Zweck des Vereins ist es, über Grüne Gentechnik (GGT) aufzuklären, wie sie funktioniert und wo sie überall drinsteckt. Unsere Bevölkerung ist beim Thema Gentechnik von Vorurteilen und Ängsten besessen. Kein Wunder, denn Fehlinformationen werden in regelrechten Desinformationskampagnen gestreut. Insofern ist der Informationspunkt des FGV auf dem Landeserntedankfest wichtig.

Was ist Grüne Gentechnik?

Nach dem Gesetz gelten Pflanzen als gentechnisch verändert (gv), wenn der Mensch in deren Genome in einer Weise eingegriffen hat, wie es in der Natur nicht vorkommt. Es gibt verschiedene Verfahren in der Pflanzenzucht, deren Produkte als gv-Organismen (GVOs) einzustufen sind.

Bei GVOs der Kategorie „Rekombinante Gentechnik“ hat man den Pflanzen in deren Genome synthetisierte DNA-Konstrukte oder Gene anderer Organismen eingefügt. Entstammen die übertragenen Gene Pflanzen der gleichen Art (etwa bei der Übertragung von Resistenzgenen von Wildkartoffeln in Kulturkartoffeln), erhält man „cisgene“ Pflanzen. Überträgt man Gene über die Artgrenze hinweg (etwa von Bakterien auf Pflanzen), erhält man „transgene“ GVOs. Diese beiden Arten der GVOs darf man in Deutschland nicht anbauen, aber sie werden importiert.

Seit kurzem kann man Genome ganz gezielt verändern, indem man Enzyme einsetzt, die so programmiert sind, dass sie DNA an gewünschten Orten mutieren. Weil man mit dieser Methode nahezu unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten hat, spricht man von „Genomeditierung“. Diese unterscheidet sich grundlegend von der traditionellen Mutationszucht. Weil die Genomeditierung ganz gezielt und kontrolliert durchgeführt wird, hofften Pflanzenzüchter in ganz Europa, dass die Methode aus der strengen Reglementierung, die für Gentechnik gilt, herausgenommen wird. Das ist aber nicht geschehen. In der traditionellen Mutationszucht, die es schon seit über 80 Jahren gibt, löst man die Mutationen ungezielt durch Behandlung der Pflanzen mit ionisierenden Strahlen oder alternativ mit genverändernden Giften aus. Es entstehen dabei 20.000 bis 50.000 Mutationen pro Genom, deren Wirkung man kaum überprüfen kann. Etwa 70 bis 80 Prozent unserer Kulturpflanzen stammen aus der traditionellen Mutationszüchtung, Das betrifft Mais, nahezu alle Getreidesorten, Braugerste, Hartweizen (Basis aller Nudelprodukte), Ölsaaten und ca. 80 Prozent unseres Gemüses.

Parteien und Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen (NGO), die gegen die Grüne Gentechnik kämpfen, haben verlangt, dass die Genomeditierung als Gentechnik eingestuft und streng reguliert wird. Das ist dann de facto ein Verbot, denn die Auflagen zur Regulierung der Gentechnik sind so schwer zu erfüllen, dass Pflanzen aus dieser Kategorie kaum eine Aussicht auf eine Zulassung haben. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am 25. Juli 2018 wie gewünscht entschieden, dass Pflanzen, die aus dieser Züchtungsform stammen, GVOs sind. Aber nach diesem Urteil sind auch alle Pflanzen, die aus Verfahren der traditionellen Mutationszüchtung hervorgegangen sind, Produkte der Gentechnik, also GVOs. Letztere sind aber von der strengen Regelung ausgenommen, weil sie eine lange Tradition haben. Somit trifft die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ von Lebensmitteln, die aus diesen Pflanzen stammen, nicht zu!

Müssen wir vor Grüner
Gentechnik Angst haben?

Die Angst vor Gentechnik in der Bevölkerung beruht auf Desinformation. Vereine, Verbände, und Parteien, die für ihre Spezifizierung gern das Wort „Umwelt“ benutzen, warnen vor der Gentechnik und schüren Ängste. Auch die SPD, die Linke und die AfD. Sie alle feiern es als ihren Erfolg, dass GGT in Deutschland verboten ist. Aber trotz aller Ängste: Obwohl seit über 40 Jahren GVOs von Menschen und Haustieren konsumiert werden, ist kein einziger Fall bekannt, dass Menschen oder Wirbeltiere dadurch zu Schaden gekommen wären. Noch nie hat ein Mensch durch den Genuss solcher Lebensmittel auch nur einen Pickel bekommen, geschweige denn Krebs oder eine andere Krankheit. Weltweit werden GVOs auf ca. 190 Millionen Hektar angebaut. Das entspricht etwa dem Zwölffachen der gesamten Ackerfläche Deutschlands. Und natürlich werden sie, soweit es sich um Lebensmittel- bzw. Futterpflanzen handelt, als Nahrung genutzt. Es wäre Zeit, dass auch die Politik anerkennt, was wissenschaftliche Studien ergeben haben: Gentechnik birgt keine besonderen Risiken. Umweltprobleme gibt es am ehesten dort, wo der Anbau von gv-Pflanzen, die sich selbst vor Schädlingen schützen, gemieden wird und stattdessen Pestizide gespritzt werden!

Angeblich „Ohne Gentechnik“

Trotz dieser Tatsachen wird uns allen eingeredet, dass Gentechnik etwas ganz Schlimmes sei. Alle Versorger, egal, ob es der Bio-Laden oder der Discounter ist, behaupten, dass ihre Lebensmittel frei von Gentechnik wären. Das ist gelogen. Aber es ermöglicht ein gutes Geschäft! Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik, der das Siegel „Ohne Gentechnik“ vergibt, prahlt, dass der Jahresumsatz seiner Produkte mehr als 13 Mrd. Euro betrüge. Dass die angeblich gentechnikfreien Produkte zum größten Teil gar nicht gentechnikfrei, sondern häufig als GVOs einzustufen sind, ergibt sich aus einem Urteil des EuGH vom 25. Juli 2018. Es stuft Pflanzen aus der traditionellen Mutagenesezüchtung als GVOs ein. Somit wurden auch die Tiere, deren Produkte mit „Ohne Gentechnik“ gekennzeichnet sind, mit GVOs ernährt.
Zu der Frage, ob GVOs aus der traditionellen Mutagenesezüchtung unter dem Label „Ohne Gentechnik“ verkauft werden dürfen, gibt es ein Rechtsgutachten des renommierten Juristen Prof. Dr. Reimund Schmidt-De Caluve von der Martin-Luther-Universität Halle. Er kommt zu dem Schluss, dass das rechtswidrig ist. Nur kümmert sich niemand drum und die Bevölkerung wird systematisch belogen.

Weiterhin: Zu den wichtigsten Vergabekriterien für die Siegel „Bio“ und „Demeter“ gehört der Verzicht auf gv-Pflanzen in der Produktion. Das alles ist aber nach dem zitierten EuGH Urteil für die Biobetriebe nicht gegeben, denn auch in deren Produktpalette dominieren Pflanzen aus der traditionellen Mutationszüchtung, also GVOs. Die Siegel „Ohne Gentechnik“, „Bio“ und „Demeter“ sind also in ihren meisten Zuordnungen Lügensiegel! Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass auch die Evangelische Kirche am Thema Gentechnik ihre Glaubwürdigkeit und moralische Integrität verspielt. Die Beschlüsse ihrer Synoden, sowohl der EKD als auch der Landeskirchen, lauten „Keine Gentechnik auf Kirchenland“ und sie wollen uns glauben machen, dass es auch so sei. Aber auch auf Kirchenland findet man die in Deutschland üblichen Feldkulturen, die nach dem zitierten EuGH-Urteil zu etwa 80 Prozent GVOs sind. Makulatur sind spätestens mit dem EuGH-Urteil auch die Beschlüsse, bestimmte Regionen zu „Gentechnikfreien Anbauzonen“ zu erklären. Auch in Sachsen-Anhalt haben sich mehrere Regionen auf diesen Unsinn festgelegt.

„Bio“ neu denken!

Es ist in Ordnung, dass unsere Lebensmittel überwiegend aus gv-Pflanzen stammen und auch im Verarbeitungsprozess mit Substanzen in Berührung kommen, die ebenfalls in gentechnischen Prozessen hergestellt worden sind. Ein Problem ist hingegen, dass man Gentechnik schlecht redet und wahrheitswidrig behauptet, unsere Nahrungsmittel seien frei davon. Dabei wäre unsere Bevölkerung, wenn sie richtig informiert würde, voraussichtlich mit den Tatsachen einverstanden, denn nach allen wissenschaftlichen Studien bergen GVOs keine besonderen Gefahren und die Gentechnik ist die Schlüsseltechnologie, die uns hilft, Nahrungsmittel in guter Qualität und ausreichender Menge für die wachsende Menschheit zu produzieren. Und dies umweltfreundlicher, als es die konventionelle Landwirtschaft und der „Biolandbau“ bewerkstelligen! Es ist ein lobenswertes Ziel der sogenannten Biolandwirtschaft, Nahrungsmittel umweltschonend produzieren zu wollen. Nur ist vieles davon, was sie propagiert und umsetzt, kontraproduktiv. Sie verwendet entgegen ihren eigenen Grundsätzen GVOs aus der traditionellen Mutationszüchtung, schließt jedoch Pflanzensorten, die mittels rekombinanter Gentechnik und der Genomeditierung entstanden sind, aus ihrem Anbausortiment aus. Aber es sind gerade diese Pflanzen, die sich selbst gegen Schadinsekten und Pilzkrankheiten schützen können und somit keines Einsatzes von Agrochemie bedürfen. Neueste gv-Weizensorten sind krankheitsresistent und trockenheitstolerant. Sie bringen im Vergleich zu traditionellen Sorten bis zu 30% mehr Ertrag. Würde man solche Pflanzen auch bei uns anbauen, wäre es leicht, die „Green Deal“-Vereinbarung der EU zu erfüllen. Darin wird gefordert, dass ab 2023 vier Prozent der landwirtschaftlichen Fläche nicht mehr bewirtschaftet werden sollen, um die Vielfalt von Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten. Angesichts der Ernährungskrise wegen Dürre und des Ukrainekrieges droht dem Green Deal eine Aussetzung oder gar Absage. Dabei könnte man beim Anbau von Pflanzen aus innovativer Züchtung durchschnittlich 20%ige Ertragssteigerung erreichen und somit sogar ohne Bedenken 8 % der Äcker aus der Produktion nehmen, um diese Fläche ausschließlich für das Überleben bedrohter Arten wie der Feldlerche, dem Rebhuhn, dem Feldhamster u. a. m. zu widmen. Die sogenannte Biolandwirtschaft kann zum „Green Deel“ keinen positiven Beitrag leisten, denn sie liegt im weltweiten Durchschnitt mit ihren Erträgen etwa 20 Prozent unter dem Niveau der konventionellen Landwirtschaft. Eine Neudefinition dafür, was biologische Landwirtschaft sein soll, ist erforderlich. Und eine Wende ist auch schon in Sicht. Führende Protagonisten des Biologischen Landbaus, wie z. B. Prof. Urs Niggli, betonen neuerdings, dass Landwirtschaft nicht ohne die Segnungen der GGT auskommt, wenn sie umweltfreundlich und zugleich ertragreich sein soll. Niggli formulierte sinngemäß, dass es nicht sein kann, dass in einigen Ländern konventionelle Landwirte gv-Kartoffeln anbauen, die gegen die Kraut- und Knollenfäule resistent sind, während in Europa Biobauern gegen die Erreger extrem umweltschädliche Kupferpräparate spritzen.

Auf ein „Genbier“ ins Info-Zelt

Eine Wortzusammensetzung mit der Komponente „Gen“ wird von Greenpeace und anderen NGOs gern benutzt, um die Gentechnik madig zu machen. Vor Insektenfraß geschützten Mais und glyphosatresistentes Soja nennen sie „Genmais“ bzw. „Gensoja“. Eier von Hühnern, die damit gefüttert wurden, heißen „Gen-Eier“. Dabei gibt es außer Kochsalz, Mineralwasser und wenigen anderen Ausnahmen überhaupt keine Lebensmittel, die keine Gene enthalten! Im Info-Zelt des FGV wird ein Mitarbeiter interessierten Besuchern zeigen, wie man DNA, also die materielle Basis der Gene, aus Lebensmitteln isolieren kann. Gene zum Anfassen! Und wer mag, kann Fragen zu all den hier besprochenen Themen an das FGV-Team stellen und dabei ein „Genbier“ trinken (solange der Vorrat reicht). Der Begriff „Genbier“ wird hier positiv besetzt. Es ist eigentlich ein Bier wie jedes andere. Alle in Deutschland vertriebenen Biere werden aus Gersten gebraut, die aus der Mutationszüchtung stammen, also nach dem EuGH-Urteil GVOs sind. Der Unterschied besteht nur darin, dass hier auf den Flaschen der stolze Hinweis steht: „Mit Gentechnik“.

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