Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Europas Freizeit ist Asiens Arbeitszeit

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Leistungsdruck, Arbeit und Stress – in deren Folgen wachsen Diagnosen über Belastungsstörungen und andere psychische Beeinträchtigungen. Fasst eine solche Schlussfolgerung den Kern des Problems in Zeiten zunehmender Freizeitpotenziale?
Oder verlagert die Dekadenz mit Sehnsucht nach mehr Erholung und Unterhaltung in Industriestaaten mehr Arbeit in andere Regionen auf der Erde? | Von Thomas Wischnewski

Leistungsdruck, mehr Aufgaben in kürzerer Zeit bewältigen, Reizüberflutung, wachsende Anforderungen, zunehmende Komplexität – die Vokabeln, mit denen wir das moderne Leben im Zusammenhang der Bewältigungen von Arbeitsaufgaben beschreiben sind vielfältig. Aus dem Verständnis solcher permanent in die Öffentlichkeit getragenen Argumentationen folgt stets dieselbe Geschichte: Vom Menschen in der Arbeitswelt würde häufig zu viel verlangt. Zunehmende psychische Beeinträchtigungen seien eine logische Konsequenz. Mittlerweile zählen psychische Störungen nach Erkrankungen des Herz-Muskel-Systems zu den zweithäufigsten Gründen für Fehltage am Arbeitsplatz.

Dem allgemeinen Verständnis von „krankmachenden“ Arbeitserfordernissen gesellt sich eine ebenso weitverbreitete Erzählung hinzu. Das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seiner Triebkraft zu höher, schneller, weiter und einer ihm innewohnenden Profitgier zerstört Lebensgrundlagen, fördert Abhängigkeiten und gilt als Hauptursache für den Klimawandel. Aber ist die Welt und das Wirken von Milliarden Menschen tatsächlich so schlicht einteilbar? Dass sehr wenige Leute über unverschämt gewaltige Reichtümer verfügen, ist unbestritten. Nur über die Masse der „kleinen“ Alltagsreichtümer und den dahinter stehenden Bedürfnissen aller Individuen wird seltener reflektiert. Über einen tieferen, destruktiven Zusammenhang von Zeit und Geld – obwohl doch jeder den Spruch „Zeit ist Geld“ kennt – wird nämlich kaum geredet.

Was zum regelmäßigen Gebet unserer Gesellschaft gehört, ist die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten, meistens verbunden mit dem Wunsch nach vollem Lohnausgleich. Betrachtet man die Angaben des Statistischen Bundesamtes über die Jahresarbeitszeit sozialversicherungspflichtig Beschäftigter, zeigt sich, dass wir über Jahrzehnte fast 1.100 Jahresarbeitsstunden abgebaut haben. Wurden 1950 im Schnitt 2.427,47 Stunden gearbeitet, lag die Stundenanzahl 2017 bei 1.353,89. Bei einer Auswahl von 66 Ländern belegt Deutschland damit den letzten Platz. Auch wenn Deutschland beim gesetzlichen Urlaubsanspruch mit 20 Tagen weltweit im Mittelfeld liegt, kommen wir beim tatsächlich gewährten Urlaub im Schnitt auf 29 Tage. Festzustellen ist ergo, dass die Freizeitpotenziale in den westlichen Industrienationen seit dem 2. Weltkrieg kontinuierlich gestiegen sind. Die statistische Jahresarbeitszeit liegt in allen Ländern der Europäischen Union deutlich unter 2.000 Stunden. Bei den Urlaubstagen zeigen sich vergleichbare Freifristen.

Diesen gewonnenen Freiraum füllen Menschen mit allen möglichen Beschäftigungen und schlagen im schlechtesten Fall mit sinnfreien Vergnügen die Zeit tot. Da ist der Vergleich zur römischen Dekadenz nicht so weit hergeholt. Das Luxusleben der Römer baute auf die Wertschöpfung in den Provinzen. Ohne entsprechende Urlaubskapazitäten wäre der Massentourismus nicht denkbar, ebenso wie die zahlreichen Freizeitangebote. Steigende private Nutzungszeiten im Internet, der Erfolg von Streamingdiensten und der Konsum ähnlicher Unterhaltungsangebote erklärt sich einerseits aus den finanziellen Möglichkeiten und andererseits aus der vorhandenen Zeit. Der quasi explodierte Reichtum der großen amerikanischen Techgiganten und ihrer Gründungsfiguren wäre ohne den Zeitgewinn des modernen Homo sapiens undenkbar. Ein paar Fakten zeigen, wie mehr Freizeit die Wirtschaftsentwicklung von Vergnügungsangeboten befeuert. So wuchs der Umsatz der weltweiten Legoparks von 2010 mit 215 Millionen Britischen Pfund auf 669 Mio. Pfund 2019. Nur die Coronapandemie hat dem weiteren Wachstum vorläufig ein Ende gesetzt. Beim Online-Handel ist der Trend zur Umsatzsteigerung indes ungebrochen. Im Bereich Unterhaltung (Bücher, inkl. E-Books, Hörbücher, Computer mit Zubehör und Spielen, Telekommunikationsartikel etc.) wuchs der Umsatz vom 2. Quartal 2018 mit rund 5,3 Milliarden Euro auf inzwischen fast 8 Mrd. Euro (2. Quartal 2021). Bei Freizeitartikeln für Hobby, Sport und Motorrad kletterte der Umsatz im selben Zeitraum von 2 auf 3 Mrd. Euro. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Nun müssen alle diese Artikel erst einmal hergestellt werden. Jeder kennt das Label „Made in China“, dass inzwischen auf den meisten Produkten unserer Zeit zu sehen ist. Und so erscheint es kaum verwunderlich, dass bei der Arbeitszeitentwicklung in den asiatischen Staaten ein Zusammenhang mit denen in den westlichen Industrienationenen ersichtlich ist. Lag in China die durchschnittliche Jahresarbeitszeit 1970 noch bei 1.976,31 Stunden, kletterte sie bis 2017 auf 2.169,50 Stunden. Die weltweit meisten Stunden pro Jahr arbeiten die Menschen in Kambodscha. Dort ist sie mit 2.455,55 Stunden über das deutsche Niveau von 1950 gestiegen. In den asiatischen Wirtschaftsregionen in Myanmar, Malaysia, Singapur, Bangladesch, Vietnam, Indien, Honkong und Thailand fallen die weltweit höchsten Arbeitszeiten an. In dieser von Asien dominierten Spitzengruppe fallen nur Mexiko (2.255 Stunden), Costa Rica (2.212,38 ) und Südafrika (2.209 Stunden) aus der Reihe. Bei Mexiko lässt sich vermuten, dass dort manche Industrieproduktion für die USA geleistet wird.

Es offenbart sich aus allen Daten, die man aus Freizeitangaben und Arbeitszeit zusammenträgt, ein unmittelbar Zusammenhang zwischen mehr Freizeit hierzulande und Arbeitsleistung auf der anderen Seite der Erde. Es ist nur zu logisch, dass die Konsumangebote, die wir uns aneignen, an anderer Stelle produziert werden müssen. Deshalb müssen wir die Frage stellen, ob zu unserem Anspruch, weniger arbeiten zu wollen, nicht das Wort Sozialkolonialismus passt? Je mehr Vergnügen in Europa umso mehr Schuften in anderen Ländern. Bezieht man in diese Betrachtungen auch noch die Lebensarbeitszeit bzw. das Rentenalter mit ein, wird die Diskrepanz noch größer. Obwohl die Chinesen bis dato bereits mit 60 Jahren in Rente gehen, ist die Lebenserwartung mit 77 Jahren jedoch noch unter dem der Europäer. Inzwischen hat die chinesische Regierung angekündigt, das Rentenalter schrittweise bis 2025 auf 65 Jahre anzuheben. Dann liegt China auf Niveau des gesetzlichen Rentenalters von Deutschland. In der Gesamtbilanz verschärft sich die Kluft zwischen europäischer Freizeit und asiatischer Arbeitsleistung. Im Übrigen beträgt das tatsächliche, statistisch gemessene Ruhestandsalter bei uns 61,7 Jahre und entspricht fast damit dem noch gültigen Renteneintrittsalter der Chinesen.

In den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verstärkte sich der Trend zur Globalisierung und dem Aufbau enormer Produktionskapazitäten im asiatischen Wirtschaftsraum. Und erst als China die Planwirtschaft öffnete, um marktwirtschaftliche Mechanismen zur Wirkung zu bringen, wurde die Massenarmut von 800 Millionen Chinesen überwunden. Kapital- und Arbeitsplatzexport hießen damals die Kampfbegriffe gegen diese Entwicklung. Allerdings gab es zu dieser Zeit wohl kaum Deutsche, die nicht in irgendeiner Weise Spar-, Bauspar-, Kapitallebensversicherungsverträge oder andere Anlagen mit einer Zinserwartung abgeschlossen hatten. Woher die Zinsen auf den jährlichen Auszügen kamen, wurde nicht gefragt. Natürlich bauen große Investoren auf die Kapitalstöcke von Banken, Versicherungen oder Investmentfonds, deren finanzieller Spielraum ohne die Renditeerwartung millionenfacher Kleinsparer ebenso wenig erklärbar wäre.

Bisher hat also Wohlstand in der nördlichen Sphäre der Erdkugel auch zu Wohlstand auf der anderen Seite der Welt geführt, aber genauso zu höherer Arbeitszeit. Ein anderes Paradox zeigt sich bei uns in der medizinischen Versorgung. Vielfach ist von einem Ärztemangel die Rede. 1990, im Jahr der Deutschen Einheit, waren bundesweit 237.750 Ärzte registriert. Bis Ende vergangenen Jahres ist deren Anzahl auf 409.121 gestiegen. Offenbar arbeiten Mediziner heute weniger und andererseits gehen Menschen häufiger zum Arzt. Aus kürzerer Arbeitszeit ließe sich das Phänomen Ärztemangel wahrscheinlich trefflicher erklären. Fachkräftemangel in den meisten Bereichen ist oft kein quantitatives Problem von zu wenig Menschen, sondern ebenso eine Folge verkürzter Arbeits- und längerer Freizeit. Beim erklärten Lehrermangel kann man ähnliche Erscheinungen beobachten. Statistisch kamen 2008 auf einen Pädagogen 18,5 Schüler. Inzwischen liegt die Zahl bei 15,5. In Deutschland gab es im Schuljahr 2020/2021 insgesamt 790.608 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen, die als Voll- oder Teilzeitkraft bzw. stundenweise beschäftigte waren. Im Schuljahr 2017/2018 mit 763.304 fast 30.000 weniger. Für die Unterrichtsstunden pro Lehrer liegt nur eine Zahl von 2005 vor. Zu diesem Zeitpunkt sollten Pädagogen pro Jahr 758 Unterrichtsstunden abhalten. Damit lag Deutschland im weltweiten Vergleich durchaus im oben Bereich. Allerdings wird in anderen Staaten eine andere Präsenz von Lehrern verlangt. Im OECD-Schnitt sind das insgesamt 1.163 Stunden Schulaufenthalt, von denen durchschnittlich nur 797 Unterrichtsstunden sind.

Wie lange wir uns die Dekadenz, kürzer zu arbeiten und mehr Freizeit zu genießen gegenüber wachsenden Arbeitszeiten in anderen Ländern leisten können, kann hier nicht beantwortet werden. Der Zusammenhang zwischen unserem Luxus an Zeit und den Arbeitsanstrengungen in anderen Ländern ist anhand der Zahlen offenkundig.

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