Fasten: Entgiften oder vergiften?

Fasten heißt es, schärft die Sinne. Aber warum verlieren wir diese dabei nicht, wenn das Gehirn doch zuckersüchtig ist? Fasten soll den Körper reinigen, obwohl es ihn doch teilweise dabei verdaut? Welche Antworten gibt es auf solche Fragen? | Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

Die Fastenzeit oder Passionszeit beginnt am Aschermittwoch und mit ihr bereiten sich Christen auf die Auferstehung von Jesus Christus zu Ostern vor. Die Zeit soll an die 40 Tage des Fastens erinnern, denen sich Jesu Christi in der Wüste unterworfen hat. Fasten gibt es aber auch bei den Muslimen (Ramadan), Buddhisten, orthodoxen Juden (z. B. am Jom Kippur). Um sich im Verzicht zu üben, wird Fasten aber auch von Nicht-Gläubigen praktiziert. Mit dem Verzicht soll man sich von Dingen und Zwängen befreien, damit Freiräume für ein stärkeres Erleben und Reflektieren des eigenen Glaubens gewonnen werden. Unserer Zeit angepasst, umfasst das Fasten bei den Gläubigen nicht nur den teilweisen Verzicht auf Nahrung, sondern bezieht sich auch auf den von Konsumgütern, wie den Gebrauch der Smartphone. Es ist oft auch kein strenger Essensverzicht, denn eine volle Mahlzeit und zwei kleine Stärkungen am Tag sind den katholischen Christen erlaubt. Fasten soll nicht nur die Seele reinigen, sondern auch den Körper. Gefastet wird aber auch zu Heilzwecken oder als sogenannte Detox-Kur (Entgiftungs-Kur) oder um Abzunehmen, entweder in der strengen Variante als Nulldiät oder als „trendy-version“, dem Intervallfasten.

Die Fettverbrennung liefert viele Kalorien

Aus energetischer Sicht ist strenges Fasten für einen gesunden Körper leicht möglich. Dazu ein Beispiel. Ein 80-kg-Mann hat einen konstanten Tagesenergiebedarf. Nach einer Faustregel lässt sich sein Energiebedarf (bei Annahme leichter Arbeit) wie folgt abschätzen: Körpergewicht (80 kg) x 24 (Stunden) x 1,5. Unter Berücksichtigung des Umrechnungsfaktors von Kcal in KJ (4,18) ergibt sich der Energiebedarf zu 12038 KJ. Nehmen wir weiter an, dass unser Mann 10 kg Übergewicht hat. Der Energiegehalt des gespeicherten Fetts ist gleich dem Produkt aus der Fettmasse (10.000 g) und dem Brennwert von Fett (38,9 KJ/g). Somit könnte unser Mann theoretisch für 32 Tage (389000 KJ/ 12038 KJ/Tag) auf jegliches Essen verzichten. Allerdings nicht auf regelmäßiges Trinken, einige Mineralien (z. B. Kochsalz) und bestimmte Vitamine.

Bei der Energieversorgung geht es den Organen wie den Besitzern von Häusern, sie müssen sich mit der benötigten Energie selbst versorgen. Das Gehirn hat trotz seines geringen Beitrages zur Körpermasse (das sind nur 2 Prozent) einen hohen Energiebedarf. Anders ausgedrückt, 20 Prozent des von den Lungen aufgenommenen Sauerstoffs verbraucht das Gehirn. Im Unterschied zum Herzen, der Leber, den Nieren oder den Muskeln verbrennt es keine Fettsäuren. Warum eigentlich nicht? Deren Verbrennung würde die Nervenzellen einer Reihe von Gefahren aussetzen. Denn Fettsäuren können neurodegenerative Erkrankungen verursachen und ihre Verbrennung würde dem Gehirn außerdem mit oxidativem Stress zusetzen. Im Unterschied zu den Zellen anderer, ebenfalls sauerstoffhungriger Organe, haben Nervenzellen nur einen unzureichenden antioxidativen Schutz.

Die Glucosesucht des Gehirns

Dreiviertel der im Blut vorhandenen Glucose (das sind ca. 120 g) verbraucht das Gehirn. Dieser Zucker ist auch lebensnotwendig für die roten Blutkörperchen. Weil das Gehirn für „Notzeiten“ keine Glucose speichert (im Unterschied zur Leber oder dem Muskel), wird es vom Blut ununterbrochen mit dieser versorgt. Deshalb müssen Diabetiker auch auf einen Engpass in der Glucoseversorgung vorbereitet sein. Selbst für einen gesunden Extremsportler ist der plötzliche Glucosemangel ein Schreckgespenst. Tritt dieser ein, kommt es schlagartig zum Leistungsabfall und es heißt dann: „Der Mann mit dem Hammer“ oder „gegen die Wand laufen“.

Aber verlieren wir beim Fasten nicht den Verstand?

Den Gang zum Kühlschrank bei einem zarten Hungergefühl hat die Evolution nicht vorgesehen. Das Nahrungsangebot war in der Menschheitsgeschichte größtenteils einem Wechsel von kurzem Überfluss (nach erfolgreicher Jagd) und langem Mangel unterworfen. Wie konnten aber dann unsere Vorfahren Hungerzeiten überstehen, ohne dabei den Verstand zu verlieren? Die Erklärung dafür beginnt vor über 150 Jahren mit den Tierversuchen des französischen Mediziners Claude Bernard (wegen der sich auch seine Frau schließlich scheiden ließ). Bernard hatte als Erster Glucose in der Pfortader und der Leber nachgewiesen. Er fand aber auch dann Glucose in der Leber, wenn die Tiere nur mit Fleisch ernährt wurden. Damit das Gehirn auch bei fehlender Nahrung mit Glucose versorgt wird, hat die Evolution die Leber (und mit geringerer Kapazität auch die Niere) mit der Fähigkeit zu deren Neusynthese ausgerüstet. Mit diesem als Gluconeogenese (altgriech. γλυκύς glykys „süß“, νέος neos „neu“ und γένεσις genesis „Erzeugung“) bezeichneten Stoffwechselweg kann die Leber aus Milchsäure, Glycerin und einigen Aminosäuren die Glucose neu herstellen. Aber aus welchen Quellen kommen diese Ausgangsstoffe? Rote Blutkörperchen geben ständig Milchsäure an die Blutflüssigkeit ab. Die Fettverbrennung und das „Einschmelzen“ des Muskeleiweiß liefern bei Hunger das Glycerin und die Aminosäuren.

Ein Leben ohne Kohlenhydrate auf dem Speiseplan

Die Gluconeogenese hat den Menschen ein Leben in Polargebieten (Tschuktschenhalbinsel, Alaska, kanadische Eismeerküste, Grönland) ermöglicht. Das Hauptnahrungsmittel der dort lebenden Inuit waren früher Fisch und Robbenfleisch, das oft noch im blutigrohen Zustand verzehrt wurde, auch schon von Kleinkindern. Bis die Lebensmittel-Discounter in den arktischen Lebensraum vordrangen, standen bei den Inuit mangels pflanzlicher Nahrung keine Kohlenhydrate auf dem Speiseplan. Man hat deshalb vermutet, dass ihr Stoffwechsel besonders an die Verbrennung von Fetten angepasst ist. Dem ist aber nicht so. Auch für sie gilt, „Fette müssen im Feuer der Kohlenhydrate brennen“, oder mit anderen Worten, die Fettverbrennung braucht die Assistenz der Kohlenhydrate. Der Inuk nimmt beim Verzehr von Fisch und Robbenfleisch, neben dem darin enthaltenen Fett, täglich auch 200 bis 300 g Eiweiß zu sich.

Wird der Körper durch Fasten „entschlackt“ und „entgiftet“?

Wenn die Rede auf die Vorteile des Fastens kommt, hört man fast immer, dass dadurch der Körper „entgiftet“ und „entschlackt“ wird. Detox-Kuren sind deshalb zu einem florierenden Geschäftsmodell geworden. Für deren Reinigungswirkung gibt es allerdings keinerlei wissenschaftliche Belege. Und was sollen das für „Gifte“ und „Schla-cken“ sein, die bei einer kalorienbewussten und abwechslungsreichen Ernährung gebildet werden? Besonders irreführend ist es in diesem Zusammenhang von „Schlacke“ zu sprechen, denn diese erinnert den Laien an einen metallurgischen Abfall. Mit Ausnahme von einigen Alternativmedizinern wird dieser Begriff in der Medizin nicht verwendet. Mit den pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln nehmen wir hauptsächlich Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette zu uns. Diese werden nach einer „Aufbereitung“ im Darm, anschließend als kleine Moleküle in den Körperzellen zu Kohlendioxid, Wasser und Harnstoff abgebaut und ausgeschieden. Ausgeschieden werden aber auch die unverdaulichen Bestandteile der pflanzlichen Ballaststoffe, gemeinsam mit Milliarden von Darmbakterien. Angesichts dieses skizzierten Schicksals der verspeisten Lebensmittel ergibt sich die Frage: Was soll die Quelle für die behauptete „Schlackenbildung“ sein?

Beim Schreiben dieser Zeilen ist mir ein ketzerisches Gedankenspiel in den Sinn gekommen. Nehmen wir einmal an, dass beim Fasten tatsächlich so etwas wie „Schlacken“ oder „Gifte“ gebildet werden. Wie gehen dann aber tierische Allesfresser mit diesen um, denn deren Stoffwechsel ist doch dem unsrigen sehr ähnlich? Die Allesfresser in den zoologischen Gärten sollten sich ja dann wegen des fehlenden Fastens zunehmend „vergiften“ und „verschlacken“. Dieser düsteren Prognose scheint aber eine höhere Lebenserwartung der Zootiere, verglichen mit der ihrer Artgenossen in der freien Wildbahn, zu widersprechen.

Tatsächlich hat ein strenges Fasten eher eine gegenteilige Wirkung. Die Nulldiät verursacht mehrfachen Stress. Durch die erhöhte Fettverbrennung „versauert“ der Körper zunehmend unter der Bildung von Ketonkörpern. Das dabei gebildete Aceton (es hat den Geruch von Nagellack) lässt uns auch nach kurzer Zeit stinken. Da die Aktivität des Darmes während der Nulldiät weitestgehend ruht, entfällt dann auch die Möglichkeit einer Ausscheidung postulierter „Gifte“ und „Schlacken“. Davon abgesehen kann das Einschmelzen der Muskelmasse Krämpfe, Schwindelanfälle und Herz-Rhythmus-Störungen hervorrufen. Deshalb rät die Medizin auch einem völlig Gesunden von der Nulldiät ab, auch wegen der Gefahr eines Herzinfarktes. Durch das Schrumpfen der Muskeln wird indirekt die Niere belastet, was durch eine vermehrte Harnsäure-Bildung zu Nierensteinen und Gichtanfällen führen kann.

Ein Fasten-Résumé

Gesicherte wissenschaftliche Belege für einen Gesundheitsgewinn des Körpers durch längeres Fasten gibt es nicht. Es kann allerdings dem Übergewichtigen den Weg zu einer gesünderen Ernährungsweise ebnen. Schlagworte wie „Entgiftung“ oder „Entschlackung“ sind im Zusammenhang mit dem Fasten verfehlt. Eher trifft zu, dass die Nulldiät zu einer Vergiftung auf Zeit wird. Berichte von Fas-tenjüngern über erlebte Glücksgefühle („Fasten-High“) lassen sich damit erklären, dass der Nahrungsentzug die Bildung des Glückshormons Serotonin und dessen längere Verweildauer im Blut begünstigt. Fasten bleibt unbestritten ein Weg zur Erlangung spirituellen Gewinns.

Der Autor ist seit 1995 Hochschuldozent für Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

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