Faustkampf aus der Scheune

Im Bördeort Barleben soll künftig das Berufsboxen ein Zuhause haben. Drei Athleten aus der Stieglitz Boxing Akademie wagen den Schritt zu den Profis. Von Rudi Bartlitz

Ein eigener Profi-Boxstall in Barleben? Das klingt, nicht nur für den Laien, erst einmal ziemlich abenteuerlich. Man meint zunächst, sich verhört zu haben. Nein, nein, versichert Andreas Günther, der Mann, der das Ganze vor einigen Monaten aus der Taufe gehoben hat, das stimme schon.
„Schwerathletikscheune Barleben“ nennt sich das Konstrukt – und Assoziationen zu rustikaler Kraft und urwüchsigem Landleben drängen sich geradezu auf. Unter diesem vielleicht etwas sperrigen Namen sollen die Kämpfer jedenfalls künftig durch die berühmten Seile klettern, die vielen von ihnen immer noch die Welt bedeuten. Anfang Mai will Günther mit einer Veranstaltung auf dem deutschen Boxmarkt seine Premiere geben. Wo? Natürlich in Barleben.

„Freilich streben wir keine Konkurrenz zu den großen Boxställen im Land an“, entgegnet Günther durchaus skeptischen Blicken. Mit SES Magdeburg, inzwischen wahrscheinlich Europas erfolgreichstes Faustkampf-Team, hat er ja einen solchen Branchenriesen unmittelbar vor der Haustür. „Sich mit ihnen zu messen, wäre völlig illusorisch. Das ist auch nicht unsere Absicht. Mir geht es ebenso nicht darum, großes Geld zu verdienen“, versichert der promovierte Sportwissenschaftler der Uni Halle. „Ich möchte einfach etwas für das Boxen, mit dem ich auf den verschiedensten Ebenen seit langen Jahren verbunden bin, tun. Ich glaube, Veranstaltungen wie die, die wir planen, braucht es, um jungen Talenten, die es zum Berufsboxen zieht, viel- leicht ein Sprungbrett nach oben zu bieten. Sie müssen Gelegenheiten bekommen, sich zu präsentieren.“ Kleinring-Veranstaltungen nennt sich das im Fachjargon.

Der 56-Jährige kann sich sogar vorstellen, mit seiner „Box-Scheune“ später einmal, wenn sie auf festerem Fundament steht, so etwas wie ein kleines Farm-Team für größere Ställe zu werden.

„Wenn SES heute, um ein Beispiel aus dem Fußball zu bemühen, in der Champions League spielt, so sehen wir uns erst einmal in der dritten Liga. Aber ein Aufstieg in die zweite Spielklasse ist dabei nicht ausgeschlossen.“ Wobei auch dabei ein Schritt nach dem anderen gegangen werden soll. Drei bis vier Events schweben ihm im Jahr vor, einmal davon immer in Barleben. Günther ehrlich: „Ich bin schon froh, wenn ich beim ersten Mal wirtschaftlich mit einem blauen Auge rauskomme.“ Eventuell beim dritten Mal, schiebt er nach, könne möglicherweise „etwas für den Promoter übrigbleiben“.

Und doch, ganz so klein und winzig soll die Premiere auch nicht ausfallen. Immerhin hat Günther, der neben dem Hallenser Kult-Trainer Uwe („Com- mander“) Schuster ein ganzes Team von Boxkundigen (unter ihnen Ex-SES-Profi Timo Hoffmann) um sich geschart hat, für den 2. Mai die Mittellandhalle in Barleben angemietet. Ein Ort, wo übrigens schon vor zwölf Jahren eine SES-Gala mit Hauptkämpfer Hoffmann stattfand. „Ich hoffe auf 800 Zuschauer“, sagt der „Scheunen“-Impresario. Diesen Anspruch habe er schon. Die Eintrittspreise belaufen sich auf 20 bis 25 Euro. Dafür bekommen die Besucher neben mehr als einem halben Dutzend Profi-Kämpfen und Olympischem Boxen (also Amateure) noch weit mehr geboten. Wie die Präsentationen von Muay-Thai-Fightern und eine Armwrestling-Challenge sowie Auftritte der Ballett- schule Barleben und der Sängerin Tila Brea. „Wir wollen“, unterstreicht Günther, „etwas für unseren Ort tun und ein breites Publikum anziehen.“

Freude, wenn nicht sogar Begeisterung über Günthers Pläne, herrscht auf jeden Fall einige Kilometer westwärts der 9.000-Einwohnergemeinde, in Hohenwarsleben. Hier hat die vor gut eineinhalb Jahren ins Leben gerufene Boxing Akademie ihr Zuhause. Unter dem Patronat des Magdeburger Ex-Weltmeisters Robert Stieglitz, dessen Namen sie trägt, ist binnen 18 Monaten eine kleine Hochburg des Faustkampfs entstanden. Sozusagen aus dem Nichts. „Wir sind damals von Magdeburg in die Nähe des Elbeparks ausgewichen“, erklärt Akademie-Chef Bastian Kirchner, „weil die Mieten für Trainingsräume in der Landeshauptstadt für einen Verein wie uns ein- fach unerschwinglich waren.“ Ein boxinteressierter Unternehmer stellte dem Verein eine halbe Etage, die bis dahin als Lager genutzt worden war, zu günstigen Konditionen zur Verfügung. Kirchner:
„Wir haben es geschafft, uns in kurzer Zeit zu einem führenden Klub in sachsen-anhaltinischen Nachwuchsboxen emporzuarbeiten. Und auch bei deutschen Meisterschaften mischen unsere Sportler inzwischen schon ordentlich mit.“

Als jetzt die Kunde von der Box-Scheune ihre Kreise zog, war das für drei Athleten der Akademie (Andre Sviridov, Kevin Kirchner und Soleimane Magassa) sozusagen das Signal, sich dem Profifaustkampf zu verschreiben, den sicher mit einigen Risiken verbundenen Sprung zu den Preisboxern zu wagen. „Wir unterstützen den Wunsch der Jungs sogar“, betont Kirchner. „Zumal viele von denen, die bei uns Kämpfe bestreiten, mit dem Ziel gekommen sind, einmal Profi zu werden. So wie es ihnen unser Namensgeber Robert Stieglitz vorgemacht hat.“

Ein Beispiel für diesen Weg hat der Akademie- Boss sogar in der eigenen Familie. Sein Sohn Kevin ist einer der drei, die künftig für die Box-Scheune antreten wollen. Als die Offerte kam, hat der 18- Jährige kurz nachgedacht, sich mit seinem Vater und Trainer beraten und dann zugesagt. „Seitdem Kevin in den Ring steigt, will er Profi werden“, erzählt Kirchner. „Das ist sein Ein und Alles. Jetzt hat er die Möglichkeit, seinen Traum zu leben. Selbst wenn das bedeutet, dass es ein Zurück ins Amateurlager wahrscheinlich nicht mehr geben wird.“

Kirchner und Günther betonen unisono, dass die Bezeichnung Berufsboxer, selbst wenn sie eine Kampflizenz und die nötigen medizinischen Untersuchungen voraussetze, nicht falsch verstanden werden dürfe. Es bedeute nicht, dass die jungen Männer, die zwischen 18 und 26 Jahre alt sind, zunächst einmal davon leben können. Günther: „Sie werden weiter in ihren Berufen arbeiten oder ihre Ausbildung absolvieren. Bei uns können sie sich ein Zubrot verdienen. Wir reden hier vielleicht höchstens von einigen Hundert Euro. Aber wichtig ist: Sie können sich präsentieren, andere Promoter auf sich aufmerksam machen. Alles weitere Sportliche liegt dann zuerst in ihrer Hand.“ So sieht es auch Kevin Kirchner, der seinen Job in einer Tankstelle behalten, sich nun aber noch mehr aufs Boxen konzentrieren will. „Die Aussicht, ein Profi zu sein, begeistert ihn einfach“, meint der Vater. Amateurkämpfe vor 30,40 Zuschauern und die Aussichten auf Medaille oder Urkunde lockten hingegen immer weniger. Die vermeintlich glitzernde Welt der Preisboxer dafür umso mehr.

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