Freitag, Dezember 2, 2022

FCM: Da werden keine Gefangenen gemacht

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Nachdem zwei Drittel der Saison in der dritten Liga absolviert
sind, sieht sich der 1. FC Magdeburg mitten drin im Abstiegsschlamassel. Wie konnte es dazu kommen? | Von Rudi Bartlitz

Die gute Nachricht voran: Bremer Verhältnisse herrschen an der Elbe noch lange nicht. Selbst wenn das 1:1 am Wochenende bei 1860 München, rein ergebnismäßig, der nächste Schlag ins Kontor der Blau-Weißen war. Seit nunmehr acht Begegnungen rennen sie einem Sieg hinterher. Darüber kann die zweite Vertretung des norddeutschen Bundesligisten im Rückblick allerdings nur milde lächeln. Die Nachwuchskicker von der Weser stellten 2018 in der dritten Liga einen Rekord auf, der für die Ewigkeit gemacht scheint. Werder II blieb in seinem Abstiegsjahr in sage und schreibe 28 aufeinanderfolgenden Begegnungen ohne Sieg.

Ob dies allerdings ein Trost für die Magdeburger ist, darf arg bezweifelt werden. Denn die schlechte Botschaft folgt auf dem Fuß: Zieht man nach zwei Dritteln der Spielzeit eine Zwischenbilanz, tritt Erschreckendes zutage. Der FCM, immerhin Absteiger aus der zweiten Bundesliga, steckt selbst eine
Klasse tiefer mitten drin im Abstiegsschlamassel. Ja, inzwischen trauert so mancher am Krügel-Platz schon den Zeiten Ende vergangenen Jahres nach.
Zwar dümpelte der Club seinerzeit bereits im Mittelmaß, doch es bestand immer noch die Hoffnung, sich in einer ausgeglichenen Liga – eine eigene Erfolgsserie freilich vorausgesetzt – noch irgendwie nach oben zu mogeln.
Diese Hoffnung ist, so scheint es, nunmehr dahin. Nur mehr zwei Punkte trennen die Schützlinge von Trainer Claus-Dieter Wollitz von der gefährlichen roten Zone, die die vier Abstiegsränge markiert. „Die Einstellung war da, aber das Fußballerische zu wenig”, monierte der 54-Jährige wiederholt. Unübersehbar: Es tobt ein Kampf um den Klassenerhalt, der mittlerweile fast die Hälfte aller 20 Drittligisten erfasst hat. Vom Tabellenzwölften FSV Zwickau an müssen alle Teams zittern. „Magenta“-Sport, der Leib- und Magensender der Liga, der alle 380 Begegnungen live überträgt, sprach zuletzt schon „vom härtesten Abstiegskampf in ganz Europa“. Da gebe es „keine Kompromisse“, da würden „keine Gefangenen gemacht“.

Wie konnte, fragen sich viele, der FCM überhaupt in eine solch missliche Lage schlittern? Die folgenden Punkte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


o Der Aderlass nach dem Zweitliga-Abstieg (über ein Dutzend Spieler verließen im Sommer 2019 Magdeburg) konnte nicht einmal annähernd kompensiert werden. Die Qualität im Kader sackte unübersehbar ab. Selbst wenn die sportliche Leitung und der Trainer postulieren, Qualität wäre genug vorhanden, sie müsse nur auf den Platz gebracht werden. Zu sehen war davon nur wenig. FCM-Legende Achim Streich kritisierte im MDR: „Für die Zusammenstellung des Kaders ist die sportliche Leistung verantwortlich. Und dafür muss ich auch meinen Kopf hinhalten.“

o Von der zunächst gegebenen Orientierung, innerhalb von drei Jahren wieder aufzusteigen, gingen, wie auch immer man es interpretiert, irritierende Signale aus. Selbst wenn das von der Chefetage bezweifelt wurde, zum Jahreswechsel drückte sie sichtlich auf mehr Tempo und holte mit Wollitz einen neuen Trainer, immerhin den vierten in 18 Monaten. Vorgänger Stefan Krämer war offensichtlich mit der Aufgabe überfordert, eine junge neue Mannschaft aufzubauen.

o Spielerisch lassen die Blau-Weißen einfach zu viele Wünsche offen. Es fehlt an Attraktivität, an Mut, herzerfrischend nach vorn zu spielen. Bedenklich auch die Aussage von Wollitz in der „Volksstimme“:
„Ich dachte eigentlich, dass die fußballerische Struktur hier eine Selbstverständlichkeit ist – ist sie aber nicht. Da geht es wirklich um Grundlagenarbeit, das habe ich unterschätzt.“

o Es fällt verdammt schwer, beim FCM auf dem Rasen ein Konzept zu erkennen. Das war unter Extrainer Krämer so, und änderte sich auch unter Wollitz kaum. Obwohl letzterer entwaffnend sagt, Spielsysteme seien ihm im Grunde egal, er wolle „erfolgreich Fußball spielen“. Nun denn …

o Achillesferse des FCM ist und bleibt das Mittelfeld. Hier stehen einfach zu viele defensiv ausgerichtete Typen. Es fehlt an konstruktiven, offensiv
ausgerichteten Akteuren, die eben für diesen Drang nach vorn und die Leichtigkeit des Fußballseins sorgen. Der dafür eigentlich verpflichtete Mario Kvesic konnte diese Rolle bisher nicht ausfüllen.

o Das Team spielte sich, über die gesamte Saison gesehen, zu wenige Chancen heraus. In 25 Partien gelangen nur ganze 31 Treffer, das ist die drittschlechteste Ausbeute aller Teams. Schlimmer aber noch: Werden denn Chancen herausgeholt, werden sie oft leichtfertig vergeben. Allein beim jüngsten 1:1 in München konnten Sirlord Conteh (2mal), Christian Beck und Marcel Costly vier 100prozentige Torchancen nicht nutzen.

o Die Leistungskurve geht, das ist ein zusätzliches alarmierendes Signal, nach unten. Reichte es in der Hinrunde für den FCM noch für Platz zehn, weist das Ranking für die Rückrunde Platz 17 aus – also einen Abstiegsrang. In den fünf Begegnungen unter Wollitz sprangen drei magere Zähler heraus. Kritiker des Trainerwechsels im Winter fühlen sich zumindest bestätigt.

o Rätsel geben die in der Winterpause getätigten Verpflichtungen (Daniel Steininger, Patrick Möschl) auf. Sie schlugen (noch?) nicht ein. Obwohl die Prämisse gesetzt war: Wir holen nur jemand, der uns sofort weiterhilft. Über Steiniger, der insgesamt nur minimale 35 Minuten auf dem Rasen zu sehen war und es mehrfach nicht einmal in den Kader schaffte, war dann später zu hören, er sei körperlich „noch nicht so weit“. In die irritierenden Nachrichten hinein passt: Im Februar, also mitten in der Saison, setzte der FCM einen Laktattest an. Hinzu kamen Geheimtrainings, von denen der Trainer sagt: „Eigentlich mag ich sie gar nicht.

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