Dienstag, September 21, 2021
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FCM: Der Klopp der 3. Liga

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Er übt seinen Beruf mit einer solchen Leidenschaft aus, schrieb einst der „Stern“ über ihn, dass das Prädikat „Jürgen Klopp der dritten Liga“ fast schon zu schwach sei. Lange Zeit galt Claus-Dieter Wollitz als ein Enfant Terrible in der deutschen Fußballlehrer-Gilde. Sein Enthusiasmus, sein zuweilen zorniges Aufbrausen an der Linie, seine Scharmützel mit diversen Klub-Bossen sorgten dafür, dass fast alle Kicker-Freunde hierzulande ihn, der meist nur mit seinem Nickname „Pele Wollitz“ genannt wird, kennen. Nun, im Alter von 54 Jahren, hat er seine Zelte beim 1. FC Magdeburg aufgeschlagen. Er kam zu Jahresbeginn als der neue Hoffnungsträger, manche sehen ihn sogar als Heilsbringer. Er soll den ein wenig in Schieflage geratenen Traditionsverein wieder auf Erfolgskurs trimmen.

Das Zitat, das ihm anhaftet: „Ihr könnt Pelé zu mir sagen“

Wer ist nun dieser Wollitz (Markenzeichen: Designerbrille, tief in die Stirn gezogenes Basecap)? In immerhin 315 Zweitliga-Spielen erzielte er 78 Tore. Dennoch: Das Nationaltrikot trug er nie, gewann keinen großen Titel und hat nur 65 Erstliga-Partien in seiner Vita vorzuweisen. Und doch – fast ein kleines Phänomen – können fast alle Fußballanhänger in Deutschland mit seinem Namen etwas anfangen. Oder glauben es zumindest. Eine Episode: Bei seinem Profi-Einstieg 1987 bei Schalke 04 soll er sich mit den Worten vorgestellt haben: „Ihr könnt Pelé zu mir sagen …“ Was der Betroffene, ebenso eminent wie erfolglos, allerdings bestreitet. Den Spitznamen bekam er nach eigener Auskunft vielmehr schon als Fünfjähriger verpasst.

Angesichts der Spielweise, die Wollitz schon früh auszeichnete, ist das eine durchaus glaubhafte Version. Als Spieler war er ein brillanter Techniker, gesegnet mit außergewöhnlicher Schusspräzision. Pässe, Freistöße, Eckbälle waren seine Spezialität; als laufstarker und leidenschaftlich kämpfender Mittelfeldspieler war er fast bei allen Stationen das Herzstück der Mannschaft.

Alles ist bei dem geborenen Ostwestfalen mit Emotionen verbunden. Deshalb lieben ihn die Fans, zumindest viele unter ihnen. Wollitz, der tobt, schreit, Zähne fletscht. Wollitz, der ausgelassen jubelt. Wollitz, der niedergeschlagene Spieler in den Arm nimmt. Wollitz, der Spieler demonstrativ lobt (wie beim ersten FCM-Auftritt unter seiner Führung, dem Hallenturnier um den Wernesgrüner Cup, zu beobachten). Wollitz, der auch mal bei laufender Kamera Tränen in den Augen hat. Wollitz, dem Stress, Freude oder Wut ins Gesicht gemeißelt scheinen. „Leidenschaft, Ehrlichkeit und harte Arbeit“ – das hat Wollitz auf allen seinen Trainerstationen stets als Grundzüge seiner Arbeit bezeichnet. In der Landeshauptstadt Magdeburg wird das wohl kaum anders sein.

Die Möglichkeiten für den Aufstieg sind da

Gleich bei seinem ersten Auftritt am zweiten Januartag ließ er keinen Zweifel daran, worum es ihm, der einen 18-Monate-Vertrag in der Elbestadt unterschrieb, geht: „Die Möglichkeiten für einen schnellstmöglichen Aufstieg in die 2. Bundesliga sind da“, sagte er. „Aber nur bei harter Arbeit und bei Eigenverantwortung der Spieler.“ Man müsse auf jeden Fall „raus aus der Komfortzone“. Dazu bedürfe es „guter Mentalität und Power“. Ihn gehe es auch nicht um Spiel-Systeme, die, so möchte man hinzufügen, unter vorangegangenen FCM-Trainern zuweilen Fetisch-Charakter trugen: „Ich will Erfolgsfußball spielen.“ Dabei werde es auch keine  sogenannten Stammplatzgarantien geben. „Wir wollen erfolgreich sein. Da ist es egal, ob einer 30, 32 oder 28 ist.“

Zwei Dinge sind Wollitz („Ich besitze das Privileg, dass meine Frau viel von Fußball versteht.“), der bis Ende Dezember beim Regionalligisten Energie Cottbus unter Vertrag stand, am FCM selbst aus der Ferne aufgefallen: Die fehlende Konstanz in den Leistungen („Das Potenzial ist höher als der augenblickliche Tabellenplatz“) und die geringe Torquote von nur 1,35 Treffern pro Begegnung. Beides müsse schnellstens abgestellt werden.

„Ich werde zuweilen falsch interpretiert“

Wenn es dennoch unter den Magdeburger Fans nach der Wollitz-Verpflichtung unüberhörbar kritische Stimmen gab, hat das vor allem zu tun mit seinen Fehlern früherer Jahre, als er das Herz zu oft auf der Zunge trug und zuweilen übertrieben spontan reagierte. „Er werde zuweilen falsch interpretiert“, sagt er heute und fügt mit entwaffnender Ehrlichkeit hinzu: „Aber ich habe auch meinen Teil dazu beigetragen. Das betraf jedoch in den seltensten Fällen fachliche Dinge. Aber ich kann sehr gut mit Kritik umgehen. Ich werde versuchen, Fehler in der Außendarstellung nicht zu wiederholen. Aber ich bin nun einmal ein emotionaler Typ.“

Mario Kallnik stellt kar, wer was zu sagen hat

Um es erst gar nicht erneut zu Missverständnissen (oder mehr) kommen zu lassen, hat die FCM-Chefetage schon mal vorgebeugt. In einem Zeitungsinterview ließ Geschäftsführer Mario Kallnik seinen neuen Übungsleiter just an dem Tag, an dem dieser sein Amt antrat, wissen: „Wir haben besprochen, dass Claus-Dieter sich voll auf die Entwicklung und Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren kann und soll. Zu diesem Thema kann er sich auch ausführlich äußern. Für alle anderen Themen sind andere Personen zuständig.“ Deutlicher geht es eigentlich nicht. Jetzt muss sich Claus-Dieter Wollitz, selbst wenn es ihm zuweilen schwerfallen mag, nur noch daran halten. Von Rudi Bartlitz

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