FCM: Die Situation beim 1. FCM ist weiterhin sehr angespannt

Die Situation beim 1. FCM ist weiterhin sehr angespannt. Der traditionsreiche Fußball-Drittligist rangiert nur auf einem Abstiegsplatz. | Von Rudi Bartlitz

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Am Beginn eine fast ins Mystische reichende Frage: Bei den vielen Gottheiten, die Menschen anbeten – gibt es mittlerweile überhaupt so etwas wie einen Corona-Gott? Angelehnt an den, sagen wir, berühmten Fußball-Gott, der Vereinen gemeinhin Glück verheißt. Sollte es also einen, wie auch immer gearteten, Corona-Schutzheiligen geben, als Blau-Weißer hat er sich noch nicht zu erkennen gegeben. Bisher zumindest nicht.

So steht der FCM in einer Spielzeit, die wegen Covid-19 verspätet begann und sich weiterhin fest im Würgegriff der Pandemie-Geißel befindet, auf der Suche nach sich selbst, nach dem verlorenen Glück. Die vergangene Saison, als man dem Abstieg am vorletzten Spieltag gerade noch einmal von der Schippe gesprungen war, ließ nur eine Devise zu: Das darf sich nicht wiederholen. Da waren sich alle einig, Club-Verantwortliche, Fans, Medien. Denn der Fußball verfügt über die Gabe, in gewis­sen Momen­ten Kerben ins kollek­ti­ve Gedächt­nis zu schla­gen. Kerben, die bis in die nächste Saison nachwirken, manchmal sogar darüber hinaus.

Nur, es scheint genau das einzutreten, was nicht eintreten sollte. Fast alles wiederholt sich. Wie eine Blaupause, nur mit teils anderen Akteuren auf dem Feld. Wieder steckt man als Neunzehnter tief im Tabellenkeller. Das Vertrackte daran: Keiner im Verein scheint genau zu wissen, woran es liegt. Mal steht die Abwehr neben sich, dann wieder wird vorn nicht getroffen. Mit fünf Toren verzeichnet der FCM nach Duisburg (vier) die zweitwenigsten Treffer der Liga. Nur, die Westdeutschen haben zwei Begegnungen weniger ausgetragen. Ein anderes Mal wird ein Vorsprung leichtfertig versiebt. Einem der Hauptvorwürfe, die Kaderzusammenstellung stimme nicht, wird von Clubseite vehement widersprochen. Dennoch: Der Saisonstart wurde klassisch in den Sand gesetzt, die Blau-Weißen sitzen auf einem Abstiegsplatz fest. Fast noch schlimmer: Von vier Heimspielen gingen drei verloren. Das Selbstvertrauen fehlt, die Fans sind enttäuscht, die Stimmung ist im Eimer.

Die Wiesbaden-Partie (1:2) war erst wenige Stunden alt, da sorgte der jüngste blau-weiße Auftritt auf einer Magdeburger Kleinkunstbühne schon für Lacher. Allerdings keine befreienden. „Man fragt ja schon gar nicht mehr danach, wie der FCM gespielt hat“, so Kabarettist Tobias Hengstmann, „sondern wie hoch er verloren hat.“ Tatsächlich, es fällt in diesen Tagen schwer, den Verlockungen zu widerstehen, nicht ins Land des Humor oder gar der Ironie abzutauchen.

So ergäbe sich folgende spaßige Aufgabenstellung: Wenn pro Partie maximal drei Punkte zu vergeben sind, der FCM in sieben Begegnungen allerdings nur vier holte, wie viele Äpfel und Birnen sind das, und wann muss der Zug in A. losfahren, damit alle den gleichen Anteil vom Kuchen erhalten und der FCM nicht absteigt? Anders gefragt, wenn alle Akteure dasselbe Entgelt bekommen, wie lange dauert es, bis die Qualität des Spiels sich um, sagen wir, 25 Prozent verbessert hat, und wie schnell müssten die Außenbahnleute sein, damit der Hase vor dem Igel das Ziel erreicht? Oder noch ganz anders: Wie viele Punkte braucht man, um eine Spielanalyse-Datei mit einem Gewicht von 1,5 Bruttoregistertonnen hochzuladen, wenn man davon ausgeht, dass AM um einiges kleiner ist als CB? Freiwillige Zusatzaufgabe: Berechne anhand einer Gleichung mit vielen Unbekannten, wie weit die Maße der Tore gegebenenfalls vergrößert werden müssten, damit am Ende die Bälle auch reingehen.

Zurück zur harten Realität. Der Besucher der Pressekonferenzen verlässt den Krügel-Platz in diesen Tagen oft in der Gewissheit, zündende Worte und viele Versprechungen gehört zu haben. Das Training unter der Woche, heißt es oft, gebe Anlass zur Hoffnung, endlich den Bock umzustoßen. Gebetsmühlenartig wird wiederholt, es brauche Mut, Entschlossenheit, Kampfkraft, die typischen Magdeburger Tugenden eben. Das habe man den Jungs „klar gesagt“. Es ändert nichts daran, dass für Cheftrainer Thomas Hoßmang – ohne dass es jemand aus der Führung bisher explizit ausspricht – die Luft dünner zu werden scheint. Laut einem „Bild“-Bericht vom Montag sagte Geschäftsführer Mario Kallnik: „Die Situation ist alarmierend. Wir stecken unmittelbar im Überlebenskampf. Wenn sich kurzfristig nichts an der Tabellensituation und am Auftreten der Mannschaft ändert, werden wir bald über personelle Konsequenzen reden müssen und natürlich eine Trainer-Diskussion haben.“

Unübersehbar: Die seit Beginn 2019 anhaltenden sportlichen Probleme konnte auch Hoßmang nicht beheben. Sie existieren weiter. „Wo ist das spielerische Konzept?“, fragt der Branchendienst „3. Liga online“. Magdeburg „offenbarte in den ersten Saisonspielen über weite Strecken keines.“ Zumal auch die personellen Zugänge, gelinde gesagt, nur bedingt einschlugen. Beispiel Offensive. Der Kritik daran, zur wenig Personal für den Angriff verpflichtet zu haben, entgegnete der Club (Hoßmang: „Wir holen nur Spieler, die uns sofort weiterhelfen“) u. a. mit der Ausleihe von Florian Kath vom Bundesligis-ten SC Freiburg. Oha, dachte der ewig Hoffende. Bedenklich nur: Kath, der seit April 2018 (!) kein Pflichtspiel für die Breisgauer mehr bestritt, stand für den FCM noch keine Minute auf dem Feld: Grund: Muskelverletzung …

Die vertrackte Lage, in der sich der Verein befindet, ist mit Händen zu greifen. Doch so ganz überraschend tritt diese Entwicklung nicht ein. Eher vielleicht der Fakt, dass sie sich zunächst nicht zuallererst gegen den im Profibereich unerfahrenen Hoßmang, sondern vielmehr gegen den Geschäftsführer richtete. Jüngst kritisierte gar der Wirtschaftsrat öffentlich, dass Kallnik, der seit Sommer gleichfalls sportlicher Leiter ist, innerhalb des Vereins zu viel Macht besäße. Auch wenn Kallnik die Vorwürfe zu entkräften versuchte und ihm Präsidium und Aufsichtsrat zur Seite sprangen – ein gutes Zeichen sind derartige interne Grabenkämpfe nie. Alles in allem: Die Zeit drängt, sie arbeitet nicht für den FCM.

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