FCM: Macht der November alles neu?

Der 1. FC Magdeburg steht in der 3. Fußball-Liga immer noch tief im Tabellenkeller. Was der Sieg gegen den FC Bayern II und die Berufung eines neuen Sportdirektors wert sind, muss sich erst noch zeigen. Von Rudi Bartlitz

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Betrachtet man die FCM-Misere der letzten Monate, könnte jetzt – da endlich wieder ein Sieg zu verzeichnen ist (2:1 gegen FC Bayern II) und mit der Berufung eines neuen Sportdirektors zumindest Bewegung in die Vereinsstrukturen kommt – frohgemut gejauchzt werden: Alles neu macht der November. Die Sache besitzt allerdings gleich zwei Haken. Nicht nur, dass das frisierte Sprichwort gehörig klemmt, wenn ein strahlender Frühlingsmonat einfach so durch einen eher tristen Herbstgesellen ersetzt wird. Hinzu kommt, und das ist entscheidend wichtiger, es muss bei beiden Dingen abgewartet werden, was sie wert sind. Ob sie tatsächlich Nachhaltigkeit entfalten.

Bleiben wir zunächst beim Geschehen auf dem Rasen. Es ist wahrlich eine Bilanz des Grauens, die die Blau-Weißen seit geraumer Zeit vorlegen – und die ihren Teil dazu beiträgt, dass das Umfeld mehr und mehr ermüdet ob des anhaltenden Krisenmodus. Zuschauerzahlen, die selbst weit unter denen des trotz der Corona-Einschränkungen möglichen Limits blieben, sind nur ein Beleg. Die Ultra-Fangruppe „Block U“, hauptverantwortlich für die Stimmung in der MDCC-Arena, boykottiert die Spiele seit längerem sogar komplett. Das hat verschie­de­ne Gründe, und nicht alle begin­nen mit V wie Virus. Sondern mit K wie (Geschäftsführer) Kallnik und H wie (Trainer) Hoßmang.

Seit dem Zweitliga-Aufstieg im Jahr 2018, so errechnete der Branchendienst „3. Liga online“ vor der Bayern-Partie, absolvierte der FCM genau 80 Punktspiele. „Nur 17 davon konnte man gewinnen, 31 Mal teilte Magdeburg die Punkte und 32 Spiele gingen verloren. Macht insgesamt 82 Zähler, die die Elbestädter seit Sommer 2018 holen konnten, oder umgerechnet einen Schnitt von ziemlich genau einem Punkt pro Spiel.“ Wahrlich triste Zahlen. Schlimmer jedoch: In diesem Zeitraum wurden mit Jens Härtel, Michael Oenning, Stefan Krämer und Claus-Dieter Wollitz gleich vier Trainer verschlissen. Der fünfte, Thomas Hoßmang, wackelte vor der Bayern-Begegnung erheblich. Mit Maik Franz wurde im Juni zudem der Sportdirektor suspendiert.

Seit dem Abstieg aus der zweiten Bundesliga im Mai 2019 sahen die Zuschauer vom FCM vor allem eines: spielerische Armut. Das Magdeburger Schiff wirkte oft wie ein Papierboot auf offenem Meer. Neben ganz offensichtlich mangelnder Qualität im Kader wurden von Monat zu Monat die Folgen einer fehlgeschlagenen Transferpolitik mehr und mehr erkennbar. Vorn fehlt Torgefahr, hinten mangelt es an Abstimmung, selbst Torhüter Morten Behrens war zuletzt unsicher. Einstige Führungsspieler sind außer Form (Christian Beck, Jürgen Gjasula, Sören Bertram). Dass die beiden letzteren zudem derzeit suspendiert sind (genaue Gründe dafür nennt der Verein nicht), lässt nicht unbedingt auf ein intaktes Gefüge schließen. Der Matchplan, von dem Hoßmang so oft redete, schien den Spielern eher wie ein Buch mit sieben Siegeln vorzukommen. Kurzum: Im Spätherbst 2020 präsentiert sich der FCM, der sich weiterhin auf den Abstiegsrängen aufhält, alles andere denn souverän und nicht in allen Belangen drittliga-tauglich.

Vieles bewegte sich lange Zeit um die (im Grunde unlösbare) Gretchenfrage: Wie lassen sich die Qualitäten eines Teams verbessern, ohne dass sich irgendetwas ändert? Nicht im Kader (was holterdiepolter wegen der Vertragslage ohnehin nicht geht), nicht in der Club-Führung. Einzig in der Trainerfrage wurde gehörig experimentiert – mit dem einschlägig bekannten Ergebnis. Anfang November stand der FCM, immerhin Absteiger aus der 2. Bundesliga, eine Klasse tiefer auf dem letzten Tabellenplatz, mit vier mickrigen Punkten mit dem Rücken an der Wand.

Nun also die Kehrtwende, die Befreiung? Zumindest das Team ließ gegen die Bayern-Youngsters, immerhin 2020 Drittliga-Meister, erkennen, wozu es fähig sein kann. Die Betonung liegt auf: kann. Ganz nebenbei war es für den Trainer so etwas wie ein Schicksalsspiel, Hire and Fire. Beim Gespräch mit Journalisten kurz nach Schlusspfiff zeigte sich der ansonsten immer relativ cool wirkende Hoßmang denn auch angefasst, suchte nach Worten. Es schien sogar, als schimmerten seine Augen ein wenig feucht. „Ja“, meinte er, „heute war schon Druck auf dem Kessel“. Eventuell ist also doch etwas dran am alten Kicker-Spruch, dass Fußballer gern mal wie Diamanten gesehen werden. Die erst unter Druck zu ihrer wahren Pracht gelangen.

Einer, der die Geister-Partie im Stadion noch inkognito in einer Loge beobachtete, war Otmar Schork. Otmar wer?, die Frage machte selbst unter den Journalisten die Runde. Den neuen Sportdirektor, der noch am selben Abend offiziell vorgestellt wurde und einen Vertrag bis 2022 erhält, kannten bis dahin die wenigsten (Geschäftsführer Kallnik hatte diesen Zweit-Job nach vorausgegangener geharnischter Kritik Anfang November abgegeben). Noch am selben Nachmittag hatten in einer MDR-Befragung nach dem Franz-Nachfolger über 40 Prozent für Ralf Rangnick als Wunschkandidaten votiert. Ein bisschen Spaß muss sein. Schork rangierte unter ferner liefen.

Einen neuen Messias scheinen die meisten in dem 63-jährigen Hessen, zwischen 2011 und 2019 Geschäftsführer Sport beim Zweitligisten SV Sandhausen, jedenfalls nicht zu sehen. Zumal er zum jetzigen Zeitpunkt auf die Zusammensetzung des Kaders ohnehin keinen Einfluss mehr nehmen kann. Interessant ist, dass Schork bis zum Saisonende zunächst als Sportdirektor arbeitet. Im „Falle des Klassenerhalts“ ist, wie es heißt, geplant, ihn als Geschäftsführer Sport zu berufen. Werden dann einige Karten neu gemischt? Es wäre ein ähnliches Modell wie es bei den SCM-Handballern existiert. Nur dass dort der Geschäftsführer Sport, Bennet Wiegert, gleichzeitig Cheftrainer ist. Eine kleine Formulierung im Schorkschen Einstiegs-Statement lässt aufmerken: „Nach reiflicher Überlegung“, wird der neue Sportchef zitiert, habe er sich entschieden, die Aufgabe an der Elbe zu übernehmen. Beim FCM wird man wissen, wie das gemeint ist.

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