FCM: Menetekel an der Wand

Die Fußballer des 1. FCM sind in diesem Sommer dem Abstieg in den Amateurbereich nur knapp entronnen. Was bleibt, ist eine Reihe offener Fragen. Die KOMPAKT ZEITUNG geht auf einige von ihnen ein. | Von Rudi Bartlitz

folgt uns für weitere News

Zwei Spieltage vor Ultimo stand das Menetekel für den 1. FC Magdeburg schon in Brandschrift an der Wand geschrieben: Ein Stadion für 30.000 Mann, ein Bankguthaben im siebenstelligen Bereich, eine riesengroße tolle Fan-Gemeinde, ein für Drittligaverhältnisse sehr ordentlich arbeitendes Nachwuchs-Leistungszentrum – und am Ende wird der Club durchgereicht in die vierte Liga, den Amateurbereich. Ein Super-Gau. Der zweite Abstieg binnen zwei Jahren drohte. Unter Anhängern machte in der Stadt schon seit längerem jene kleine Mär die Runde, in der einer ausruft: Ach, wenn mir doch nur gruselte! Antwort eines wohlmeinenden Freundes: Keine Sorge, dir kann geholfen werden, ein Ticket für den FCM treiben wir auf.

Dass es am Ende für die Blau-Weißen noch zum Klassenerhalt reichte, ist wohl eine der wenigen einigermaßen erfreulichen Nachrichten der letzten Monate, die vom Krügel-Platz über die Elbe schallten. Geschäftsführer Mario Kallnik sprach davon, ein Abrutschen in die Regionalliga „wäre eine große Katastrophe gewesen“. Wahrscheinlich mehr noch: Es hätte acht Jahre positiver Entwicklung mit einem Federstrich zu Makulatur werden lassen. Mit allem Drum und Dran. Wie um alles in der Welt konnte es nur soweit kommen?

Bleiben wir zunächst bei Fakten: Als Absteiger aus der zweiten Liga war der FCM im Spätsommer 2019 als einer der Mitfavoriten ins Rennen gegangen. Zu Recht. Laut einer vom Portal „3. Liga online“ durchgeführten Umfrage unter den 20 Drittliga-Trainern wurden Ingolstadt und Braunschweig am häufigsten als Aufsteiger genannt (je 10 Stimmen). Aber dahinter folgte schon das Team aus Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt, gemeinsam mit Rostock (je 7 Nennungen). Richtig ist allerdings auch: Der Aderlass im Sommer war gewaltig. Sage und schreibe 17 Akteure verließen den Verein. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Stammspieler: Torhüter Giorgi Loria, Abwehr-Chef Dennis Erdmann, die Mittelfeld-Asse Philip Türpitz und Jan Kirchhoff, die Angreifer Felix Lohkemper, Marius Bülter und Michel Niemeyer. Hinzu kamen gestandene Leute wie Aleksandar Ignjovski, Steffen Schäfer und Richard Weil. Es verwunderte den Außenstehenden dennoch, als die Vereinsführung plötzlich zu Saisonbeginn einen Plan aus dem Hut zauberte, der vorsah, in drei Jahren wieder die zweite Liga anzustreben. Vorrangiges Ziel sei zunächst, die nötigen Punkte einzufahren, um nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Ein Ansinnen, das in einer Region mit derartiger Fußballbegeisterung, mit den blau-weißen Traditionen und mit den Erfolgen der Vergangenheit nur schwer zu vermitteln ist. Psychologisch war es, so oder so, nicht der klügste Schritt. Selbst wenn nachgeschoben wurde, das mit dem Aufstieg müsse ja nicht unbedingt drei Jahre dauern. Was möglicherweise als Demut oder neue Bescheidenheit gedacht war, verkehrte sich später ins Gegenteil. Selbstvertrauen jedenfalls sieht anders aus. Es war wenig zu spüren von hohen Zielstellungen, von Angriffsmut gar.

Die Wirkung dieser Verlautbarungen, so sehr die Führungsetage später partiell von ihnen abrückte, erwiesen sich – drücken wir es einmal dezent aus – als nicht gerade zielführend. Nicht unter Fans, nicht bei den Medien, möglicherweise nicht einmal bei Sponsoren. Wichtiger noch: Welches Signal davon an die Mannschaft ausging, lässt sich nur erahnen. So mancher Spieler mag es als Ruhekissen interpretiert haben. Frei nach dem Motto: Zeit genug ist ja da. Ein Signal, das zur Attacke anstachelte, war dies mit Sicherheit nicht.

Von Attacke war von Anfang an denn auch auf dem Spielfeld wenig auszumachen. An den ersten drei Spieltagen saß man auf Abstiegsplätzen fest. Geht es allein nach Namen, konnte Stefan Krämer, der neue Trainer, freilich nicht aus dem Vollen schöpfen. Ob das Club-Konzept aufgehe, schrieb diese Zeitung seinerzeit, es erneut mit jungen, weitgehend unerfahrenen Spielern (aus der dritten und teils vierten Liga) zu versuchen, müsse die Zukunft erweisen. Investiert wurde in Spieler jedenfalls nicht. Laut Branchendienst Transfermarkt kamen nahezu alle Zugänge, wie schon seit Jahren, ablösefrei; nur bei Leon Bell Bell (von Mainz 05 II) und Sören Bertram (Darmstadt) setzt das Portal bescheiden Fragezeichen. Das Konzept, das weiß man spätestens seit Sommer 2020, ging nicht auf. Nur punktuell landete Magdeburg echte Treffer bei den Transfers.

Als sich das Team einigermaßen gefangen zu haben schien und Ende November auf Rang sechs mit nur noch fünf Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz rangierte, zogen so etwas wie Wolken der Zuversicht über der Elbe auf. Aber nicht lange. Kurz vor Weihnachten musste Krämer überraschend gehen. „Es sieht ganz danach aus, als habe der Klub die Geduld, die er sich und seinen Fans vor einem halben Jahr noch selbst auferlegt hatte, nach fünf Monaten bereits wieder verloren“, kommentierte der Branchendienst „3. Liga online“. Nach Meinung der Chefetage waren mit Krämer die „Entwicklungsziele“ gefährdet.

Spätestens jetzt wären wir bei einem Thema, das eine ungeahnte Tragweite entwickelte: die Trainer-Frage. Wenn man nach Ursachen der derzeitigen FCM-Misere sucht, hier liegt eine der wichtigsten. Fünf Übungsleiter hat der Club in den vergangenen 19 Monaten verschlissen, einschließlich Erfolgscoach Jens Härtel. Einer nach dem anderen wurde freigestellt. Dabei waren sie alle doch einmal Wunschtrainer gewesen. Von jedem hatte es bei dessen Präsentation geheißen, er sei genau derjenige, den man gesucht, lange beobachtet und richtig gewollt habe, von dem man sich „sehr viel“ verspreche. Entweder den Erhalt der 2. Liga – wie bei Michael Oenning, oder eben den Aufbau einer neuen hoffnungsvollen Jungtruppe mit erfahrenen Ankern – wie bei Stefan Krämer und Claus-Dieter Wollitz. Am Ende klappte nichts von alledem, stand man mit leeren Händen da. Als die Wellen der Frustration besonders hochschlugen, wurde selbst Sportdirektor Mike Franz von ihnen erfasst. Die Verantwortung für diese Fehlentwicklung, so sehen es die Mechanismen des Vereins vor, muss zuallererst Geschäftsführer Mario Kallnik übernehmen. Dass von Präsidium und Aufsichtsrat in jener hochkritischen Phase wenig bis nichts zu hören war, steht auf einem gesonderten Blatt. Interims-Coach Thomas Hoßmang (1,43 Punkte pro Spiel) verhinderte, quasi als letzter Mohikaner, schließlich das Ärgste. Dass er nun einen Zwei-Jahres-Vertrag als neuer Chef erhielt, erscheint ziemlich logisch. Wohl nach dem Motto: bloß keine Experimente mehr.

Dennoch: Trotz fünf so unterschiedlich gestrickter Übungsleiter – was Spielauffassung und Naturell betrifft – die generelle Konstellation bleibt im Sommer 2020 weiter fragil: Will man es nun mit einer Mischung aus Talen­ten und einigen Erfah­re­nen versuchen, oder besitzt nur eine Mann­schaft mit vielen gestan­de­nen Kräf­ten beste Chan­cen, einem weiteren schwachen Jahr in der dritten Liga zu entge­hen? Das ist sozusagen die Eine-Million-Euro-Frage. Mancher Kicker-Ästhet mag sich angesichts des Rumpelfußballs der letzten Monate sogar bei einer ganz steilen These ertappt haben: War das Team in seiner bisherigen Zusammensetzung überhaupt trainierbar?

Damit wären wir bei einem zweiten, ganz wichtigen Punkt des schwachen Abschneidens: Es fehlte dem Kader einfach die nötige Qualität für höhere Ambitionen. Punkt. Daran beißt die Maus keinen Faden ab. Wenn sich im Mittelfeld nichts tut, wenn von da nicht die so bitter benötigten Ideen (plus Torgefahr) kommen, wenn da weiterhin defensiv ausgerichtete Spielertypen das Prä haben, wird es, das lässt sich heute schon prognostizieren, verdammt schwer. Für einen Platz im (unteren) Mittelfeld mag es noch reichen, aber alles was darüber hinausgeht … Hinzu kommt, das spielerische Niveau in dieser Liga ließ diesmal generell zu wünschen übrig. Individuelle Schwächen der eigenen Leute hätten da eigentlich gar nicht so sehr ins Gewicht fallen dürfen. Sie taten es aber. Generell lässt sich über die dritthöchste Spielklasse der Republik diesmal festhalten: Viel Wettbewerb und Spannung sind (leider) nicht gleichbedeutend mit viel Qualität gewesen. Das war, da Magenta-TV alle 380 Partien live übertrug, fast zehn Monate lang Woche für Woche zu besichtigen; die Corona-Pause einmal ausgenommen. Weil diesmal herzerfrischend aufspielende Teams wie der SC Paderborn, der VfL Osnabrück, der Karlsruher SC, Holstein Kiel, Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue oder Jahn Regensburg fehlten, bekamen die Zuschauer wahrscheinlich eine der schwächsten Spielzeiten seit Gründung der Liga 2008 geboten, wenn nicht sogar die allerschlechteste.

Nur ein Beleg für diese Aussage: Der als Aufsteiger gerade aus der vierten Liga gekommene und zunächst als Abstiegskandidat gehandelte FC Bayern II wurde am Ende Meister! Eigentlich ein Unding angesichts von erstligaerfahrenen Mannschaften wie Braunschweig, Duisburg, Rostock oder Kaiserslautern. Den Jung-Bayern fehlte sogar ein wichtiges Motivationselement, da sie nicht aufsteigen durften. Ein Team, in dem zuweilen sechs, sieben Stammspieler nicht eingesetzt werden konnten, weil sie in den Profikader gerutscht waren. Beim 2:2 Ende Juni in Magdeburg waren es sogar neun, also eigentlich stand da Bayern III auf dem Rasen. Bei allem Schatten, ein wenig Licht gab es: die Ausgeglichenheit. Wenn in der Bundesliga angesichts der Bayern-Überlegenheit, zu Recht über einen Mangel an Wettbewerb geklagt wird, dann gab es zwei Staffeln drunter ein Übermaß davon. Selbst am letzten Spieltag war, bis auf eine Ausnahme, nicht klar, wer aufsteigt und wer sich für die Relegation qualifiziert. Und unten kämpften drei Vertretungen dagegen, nicht in den sauren Abstiegsapfel beißen zu müssen.

Zurück zur individuellen Qualität. Der Marktwert der FCM-Spieler, ein wichtiger Indikator fußballerischen Vermögens, sank zuletzt immer weiter. Aus dem 24er Kader büßten nach der jüngsten Erhebung des Portals „Transfermarkt.de“ allein 15 Akteure an Wert ein, nur Torhüter Morten Behrens und Brian Koglin konnten sich leicht verbessern, sechs Spieler behielten ihren Wert. Für den aus den Junioren gekommenen Julian Weigel liegt noch keinen Eintrag vor. Als Mannschaft rutschte der FCM von einem Gesamtmarktwert von 6,25 Millionen Euro auf nunmehr 5,93 Millionen Euro ab; in der vergangenen Zweitliga-Saison waren es noch knapp vier Millionen Euro mehr.

Auch in der vom Fachblatt „Kicker“ ermittelten Rangliste der Topspieler der dritten Liga erscheinen unter den Top 100 am Saisonende sage und schreibe nur drei (!), die das blau-weiße Trikot trugen. Bester ist hier Behrens als Zwölfter (mit einer Durchschnittsnote von 2,88). Jürgen Gjasula folgt auf Position 42 (3,03), Tobias Müller (3,19) landete auf Platz 76. Als Team ist FCM nur Sechzehnter (Durchschnitt 3,43) von 20 Vereinen. Die große Frage wird also sein: Mit welchem Kader geht der Club in die neue Saison. Man wünscht den Verantwortlichen jedenfalls ein besseres Händchen als zuletzt, als mehr Spreu als Weizen eingefahren wurde. Zumal ja Kallnik künftig in Personalunion als Manager und Sportchef noch mehr Einfluss nehmen wird (und kann).

Vielleicht fällt der Blick dann auch einmal auf die Regionalligisten vor der Haustür. Nur mal als ein Beispiel: Beim FCM-Hallenturnier im Januar stellte ein gewisser Batikan Yilmaz von Germania Halberstadt sämtliche Akteure des Drittligisten in den Schatten. Der Mann ist 20 Jahre, 1,88 Meter groß und Mittelstürmer. Marktwert: 75.000 Euro. Das könnte, sollte man den jungen Mann tatsächlich für tauglich ansehen, zu stemmen sein. Zumal Germania Kooperationspartner der Magdeburger ist. Es gab übrigens schon mal jemanden aus der Regionalliga (SV Rödinghausen), der sich am Ende für die Magdeburger als Glücksgriff erwies: Angreifer Marius Bülter. Sein Wechsel zum Bundesligisten Union Berlin spülte dem FCM in diesem Sommer schlappe 1,7 Millionen Euro in die Kasse. Damit ließe sich, nur mal so nebenbei, sicher manche Ablöse stemmen …

Fußball­klubs gelan­gen in ihrer Geschich­te immer wieder an Punkte, an denen Weichen für die Zukunft gestellt werden. Ohne Zwei­fel hat dieser jetzige Augen­blick, in dem vieles auf Umbruch steht, das Poten­ti­al, irgend­wann zur Geburtsstun­de einer neuen Magdeburger Ära erklärt zu werden. So wie die Dortmunder Finanz­kri­se, um einmal ganz nach oben zu greifen, Anfang des Jahr­tau­sends den Weg für die süße Zeit mit Jürgen Klopp ebnete. Dann muss in der MDCC-Arena allerdings vieles anders und vor allem vieles richtig gemacht werden. Aller­dings lohnt auch der Blick auf andere gestürz­te Tradi­ti­ons­ver­ei­ne, wo große Figu­ren nach Jahren schlech­ter Arbeit abtra­ten. Wo Besse­rung gelobt wurde, aber nicht eintrat. Beim HSV, beim VfB Stutt­gart, beim 1. FC Köln oder, um in die dritte Liga zurückzukehren, beim 1. FC Kaisers­lau­tern haben Phasen angeb­li­cher Selbst­er­neue­rung allen­falls kurz gefruch­tet. Ob dem Kreis dieser Klubs nun ebenso der FCM zuzuordnen ist – das wird sich zeigen.

Ein vager Hoffnungsstreif immerhin verbleibt. Eintracht Braunschweig, als Zweitliga-Absteiger (wie der FCM) in der vergangenen Saison erst am allerletzten Drittliga-Spieltag den Klauen des Abstiegsgespensts entronnen, machte nun, ein Jahr später, den Aufstieg perfekt. Es mag Leitbilder geben, die untauglicher erscheinen.

Vielleicht gefällt dir auch