Freitag, September 17, 2021
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FCM: Wundertüte – oder mehr?

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Mit einem Auswärtserfolg startete der 1. FC Magdeburg in die neue Drittliga-Saison. Nach zwei düsteren Jahren sucht KOMPAKT eine Antwort darauf, was von den Blau-Weißen diesmal zu erwarten ist. | Von Rudi Bartlitz

Anfang gut, alles gut? Wenn es denn so einfach wäre, stünde den Blau-Weißen wahrscheinlich eine blendende Drittliga-Saison ins Haus. Müsste die Fußballstadt Magdeburg nicht mehr, wie zwei Jahre in Folge häufig geschehen, Tränen weinen. Der überzeugend herausgespielte 2:0-Erfolg zum Auftakt bei Waldhof Mannheim jedenfalls lässt die Fans jubilieren, deren Träume in fast schon schwindelerregende Höhen steigen. Und jenes noch vor Wochen nur hinter vorgehaltener Hand geflüsterte, mit dem ersten Buchstaben des Alphabets beginnende Zauberwort ist nunmehr weitaus häufiger zu vernehmen.

Eine Entwicklung, die in der Chefetage am Krügel-Platz nicht nur reine Begeisterungsstürme auslöst. Denn dort versucht man (nach zwei Spielzeiten im Abstiegskampf) die Erwartungen zu dämpfen. Einerseits. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass in nahezu allen republikweiten Umfragen der FCM als einer der Aufstiegsfavoriten gehandelt wird. Allein fünf Drittliga-Coaches sehen in ihm einen der Aufsteiger. „Sie hatten unter Titz eine herausragende Punktebilanz in der Rückrunde”, begründet Saarbrückens Übungsleiter Uwe Koschinat sein Urteil. Mit 30 Punkten aus 19 Spielen belegte der FCM in der Tabelle der zweiten Saisonhälfte Rang sechs.

In einer vom Portal „3. Liga online“ veranstalteten Fan-Umfrage landeten die Magdeburger hinter 1860 München (77 Prozent) und Eintracht Braunschweig (53 Prozent) sogar auf Rang drei (30 Prozent). Zum Vergleich: Vor der letzten Saison fiel die Wahl auf Dresden, Rostock und Ingolstadt. Alle drei Tipps stellten sich richtig heraus, sogar die Reihenfolge stimmte.

Von all den Hosianna-Rufen wollen die Verantwortlichen natürlich nichts hören und, so ist zu vermuten, keinen Druck auf die Spieler aufbauen. Nur: Druck bekommen die Akteure, ob sie wollen oder nicht, sowieso – in einer fußballverrückten Stadt wie Magdeburg nahezu tagtäglich. Zumal der Club ungeschlagen die Vorbereitungsspiele absolvierte und mit Siegen gegen die Zweitligisten Erzgebirge Aue (2:1) und Hannover 96 (4:2) aufhorchen ließ.

In einem steht das Team um Sport-Geschäftsführer Otmar Schork (Nach dem Saisonziel befragt: „Das erste Spiel zu gewinnen“) und Cheftrainer Christian Titz auf jeden Fall schon mal verdächtig weit oben: im Tiefstapeln. Nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben, das ist schon das höchste der Gefühle an Wagemut, das sich die beiden entlocken lassen. Freilich, das muss eingeräumt werden, der FCM ist ein gebranntes Kind. Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, so Titz, wie schnell das Abrutschen gehen kann. Demut sei deshalb angesagt. „Wir wollen uns über die Inhalte definieren“, meint Titz etwas kryptisch. In dieselbe Kerbe schlägt Kapitän Tobias Müller: „ Wir wollen dominant sein und dabei unsere Art und Weise des Fußballs durchsetzen.“ Was damit gemeint sein dürfte: hohes Anlaufen, frühes Pressing, viel Ballbesitz.

Kurzum, es mag nach alldem als nicht besonders einfallsreich gelten, den 1. FC Magdeburg als eine Wundertüte der neuen Drittliga-Saison zu bezeichnen. Oder anders gesagt: Niemand möchte eine Wette darauf eingehen, was in dieser Wundertüte wirklich steckt. Zumal eine andere Frage mitschwingt. Nämlich die, ob sie am Ende eine wirklich hungrige Truppe auf den Platz bekommen? Eine, in der jeder einzelne nicht nur einen individuellen Plan verfolgt, Magdeburg nicht nur als ein vorübergehendes Sprungbrett ansieht, um sich mit starken Einzelleistungen schnellstmöglich für einen Zweit- oder sogar Erstligisten zu empfehlen, sondern in der der Mannschaftserfolg über allem steht. Hierin wird das besondere Geschick von Titz liegen.

Es geht darum, darauf aufzubauen, was 2015 an der Elbe begann. Als das Team in die 3. Liga aufrückte, als Euphorie und Zuversicht kaum Grenzen kannten. Zweimal wurde der Klub Vierter, dann der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Es folgten die Krisenjahre, Unruhe, fehlende Kontinuität. Gegen Ende des vergangenen Jahres war Magdeburg ans Tabellenende der Liga gepurzelt, die Fans versanken in Tristesse. Die ostdeutsche Diaspora drohte: Meuselwitz, Halberstadt und Luckenwalde.
Groß war die Erleichterung, als Titz nach Startschwierigkeiten den Verein auf Kurs brachte, der neue Sportdirektor in der Verpflichtung von Baris Atik einen Glücksgriff tätigte und die Rückrunde von Festspielen geprägt war. Trotz dieses Aufschwungs, generell seien die Gremien – wie Aufsichtsratschef Lutz Petermann im Mai resümierte – „sportlich mit dem Verlauf der Gesamtsaison natürlich nicht zufrieden“. Wundertüte eben. Dazu könnte auch die finanzielle Seite zählen. Herrschte jahrelang ein unübersehbarer Sparkurs bei Spielerverpflichtungen (der von Geschäftsführer Mario Kallnik zwar bestritten wird), will man diesmal „ein angemessenes wirtschaftliches Risiko” eingehen. Was auch immer das heißen mag …

In der neuen Saison hat die Mannschaft ein neues Gesicht bekommen. Zahlreiche Ältere mussten gehen. Es ist eine junge Truppe, die sich nun das Trikot des Traditionsvereins überzieht. Das Durchschnittsalter des immerhin 28 Akteure umfassenden Kaders liegt bei 23,8 Jahren. Dessen Marktwert beziffert der Branchendienst transfermarkt auf 5,30 Millionen Euro. Mit 450.000 Euro ist Mittelfeld-Star Baris Atik Spitzenreiter. Elf externen Neuzugängen stehen 12 Spieler gegenüber, die den Klub verlassen haben, weitere Transfers sind laut Schork nicht geplant. Prominentes Gesicht unter den Abgängen war Christian Beck: „Er hinterlässt als Letzter einer besonderen Fußballer-Generation an der Elbe eine große Lücke, neue Identifikationsfiguren muss Magdeburg erst schaffen“, schrieb „3. Liga online“ dazu.
Das „Projekt Jugend“ nun ist ein klarer Fingerzeig Richtung Zukunft: Früh bemühte man sich beim 1. FC Magdeburg um junge, gut ausgebildete Profis aus deutschen Nachwuchsleistungszentren – einer der begehrtesten Märkte für Klubs dieser Kragenweite. Luca Schuler, Jason Ceka, Tobias Knost, Tim Sechelmann und Julian Rieckmann dienen als klassische Beispiele dieser Transferstrategie – alle zwischen 20 und 22 Jahre alt. Und da wäre noch Amara Condé (24). Er bringt Physis, Spielintelligenz und starkes Zweikampfverhalten mit, kann defensiv, aber auch offensiv agieren. Laut „3. Liga online“ besitzt er „das Potenzial zum Star-Transfer“.
Was Titz in der Vorbereitung nicht so gefallen hatte, war das Defensivverhalten. Die sogenannte Restverteidigung sei nicht gut genug gewesen, befand er, was einen erfolgreichen Ausgang der Spiele verhindern könnte. Nach vorn hingegen, das ist unübersehbar, läuft‘s beim FCM allemal besser als in den zurückliegenden Spielzeiten, als Rumpelfußball durchaus auf der Tageskarte stand. Auch hier lässt sich festhalten: Eine Wundertüte steckt eben nie nur voller Enttäuschungen. Oder wie es Mittelfeld-Star Atil fast philosophisch formuliert: „Was am Ende rauskommt, weiß nur der liebe Gott.“

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