Sonntag, Juli 3, 2022
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Fräulein Albertines Gespür für die Sterne

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Sie war der Shooting-Star in der Gilde der Feuerwerker. Albertine Emma Rennebarth mischte die von Männern dominierte Szene Ende des 19. Jahrhunderts auf und erlangte Kultstatus. Ein Porträt einer skurrilen Persönlichkeit.|Zusammengetragen von Christine Helm

Von dem Tag an, an dem die ersten Feuerwerkskörper den Himmel erleuchteten, hat sich die Faszination für Kompositionen aus Licht, Rauch und Lärm schon über 600 Jahre gehalten. Doch angefangen hat alles schon vor mehr als 1.000 Jahren mit der Erfindung des Schwarzpulvers im alten China. In der Sung-Zeit (960-1279) flogen bei den Chinesen bereits die ersten Raketen, damals noch als Feuerpfeile bekannt.

Neben den bekannten strategischen Effekten des Schwarzpulvers, die sich das Militär auf die Fahnen heftete, entdeckte der Adel das Feuerwerk für sich. So wurden die Zeiten des Barocks und Rokoko zur wahren Blütezeit für die Feuerwerker. Es gab kaum Anlässe, die dem Adel zu gering waren um nicht ein Feuerwerk abzubrennen. Kein Wunder: Die Wirkung des Feuerwerks war von immensem Interesse, denn die Himmelsshows zeigten weithin sichtbar Reichtum und Macht des wohlhabenden Adels. Die Besonderheit dieser Pyro-Inszenierungen lag darin, dass sie nicht nur im einfachen Abbrennen von Feuerwerkskörpern bestanden. Vielmehr wurden wahre Kompositionen, ähnlich von ganzen Theaterstücken, aus Feuerwerkskörpern gezaubert. Bereits Wochen vor einem Feuerwerk waren Handwerker damit beschäftigt, Kulissen zu errichten. Künstler schufen kunstvoll bemalte Prospekte, in denen das Feuerwerk angekündigt wurde und Feuerwerker brachten Bomben, Schwärmer, Raketen und Kanonenschläge in Stellung. Das wohl größte Feuerwerk in der Zeit des Barocks fand 1770 im Park von Versailles unter Ludwig XV. statt. Gezündet wurden insgesamt 20.000 Raketen, 6.000 Feuertöpfe und Vulkane sowie 80 Sonnen, die einen Durchmesser von 30 Metern hatten. Obwohl in Deutschland schon lange auch große Feuerwerke abgebrannt wurden, dauerte es bis in das Jahr 1838, in dem Georg Berckholz, der zuvor als Kanonier angestellt war, die erste Feuerwerksfirma gründete.

Angetan von so viel Pulver in der Luft, muss sich ein Magdeburger Original für ihre wahre Profession entschieden haben. Albertine Emma Rennebarth (1845-1922) erlangte als über Jahrzehnte einzige geprüfte kaiserlich-königliche Kunstfeuerwerkerin wahren Kultstatus. Ihre Karriere begann nach einer Mitteilung des Prager Abendblattes vom 4. September 1867 im Jahre 1865: „Eine Feuerwerkerin. Von der erweiterten Berufsthätigkeit des schönen Geschlechts legt eine junge Berlinerin, Frl. Rennebarth neuerdings ein interessantes Beispiel ab. Dieselbe hat sich der Feuerwerkskunst gewidmet, vor zwei Jahren im königlichen Laboratorium zu Berlin ihr Examen bestanden und wird nun mit Nächstem in ihrer Vaterstadt als erste Berufsprobe ein großes Feuerwerk veranstalten und dasselbe persönlich abbrennen.“

Geboren wurde Albertine Emma Rennebarth als eines von insgesamt neun Kindern am 31. August 1845 in Berlin. Ihr Vater, August Ludwig Rennebarth, war als Schlossermeister tätig. Ihre Mutter, Margarethe Rennebarth, geborene Huber, war eine gebürtige Schweizerin aus St. Gallen und entstammte aus der berühmten Familie der Zollikofer von und zu Altenklingen. Die Pyrotechnikerin, die sich bereits im zarten Alter von 14 Jahren dem Feuerwerk verschrieben hatte, lernte bei berühmtesten Meistern der Feuerwerkskunst und absolvierte eine Ausbildung in den kaiserlich-königlichen Laboratorien Wiens und Berlins, wo sie auch mehrere Jahre arbeitete. In Berlin bestand Fräulein Albertine ihr Exa-men vor der königlichen Artillerieprüfungs-Commission mit Bravour. Ihre erste dokumentierte Feuerwerksdarbietung lässt sich auf das Jahr 1867 in Würzburg anhand einer Veröffentlichung im Würzburger Wochenblatt vom 14. September 1867 datieren, in der das Programm als „jungfräuliches Prachtfeuerwerk der deutschen Feuerwerkerin Frl. Albertine Rennebarth“ angekündigt wurde.

Ihre Berufserfolge findet man bald in den Lokalzeitungen der größten Städte Deutschlands und des Auslandes, wo sich die Feuerwerkerin mit der Ausübung ihrer Kunst beschäftigte. Stets waren ihre Feuerwerke von Erfolg gekrönt, so im Tivoli zu Kopenhagen, im Zoologischen Garten zu Hannover, im Schützenhaus zu Leipzig, im Eichenpark zu Breslau oder im damaligen Kölner Kaisergarten. Die deutschen und die ausländischen Gazetten waren des Lobes ihrer Leistungen voll. Unter anderem berichtete die „Cölnische Zeitung“: Um jetzt auch ihre Kunst in Süddeutschland zu Geltung zu bringen, will Frl. Rennebarth nun in Nürnberg, einer der kunstsinnigsten Städte, die neuesten Fortschritte der Feuerwerkskunst durch Arrangirung einer ihrer großartigsten pyrotechnischen Darstellungen veranschaulichen, und hofft umsomehr auf gütige Anerkennung seitens aller Kenner der Pyrotechnik und der sich dafür Interessirenden, als sie Alles aufbieten wird, um durch Vorführung wirklich neuer Fronten und Decorationen in brillantsprühender Farbenpracht den geehrten Besuchern ein Nachtschauspiel zu bieten, wie es hier in diesem Maße wohl noch nicht zur Aufführung gekommen. Das spezielle Programm, sowie der Tag des Feuerwerks werden noch näher bekannt gemacht werden.“

Vor 1868 lernte Albertine ihren späteren Geschäfts- und Lebenspartner Johann Friedrich Anton Schwiegerling, einen wesentlich älteren Pyrotechniker, Puppenspieler, Turmseilgänger, Kunstreiter, Parterreakrobaten und Marionettenspieler aus der berühmten Artistenfamilie Schwiegerling, kennen. Dieser Anton Schwiegerling wird in der Taufurkunde von Albertines Tochter als Taufpate genannt. Am 17. Februar 1868 wurde in Wittstock Albertines Tochter Margaretha Dorothea Wally Rennebarth geboren und am 20. März in Wittstock getauft. Albertine hat nie geheiratet, gab sich dennoch zu unterschiedlichsten Gelegenheiten als „Frau Schwiegerling“ oder „Rennebarth-Schwiegerling“ aus.

Ihren Weg nach Magdeburg fand die Feuerwerke-rin über ein Engagement im Schweizer Salon (Concert-Haus). Hier ermöglichte es ihr der Besitzer H. Bremer, ein Feuerwerk abzubrennen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sie bis zu ihrem Tode eine Konzession für das Concert-Haus. Die Magdeburgische Zeitung vom 8. Mai 1868 berichtete darüber: „Schweizer-Salon. Einem hochgeehrten Publicum erlaube ich mir ganz ergebenst anzuzeigen, daß ich für die Sommer Saison die erste Königl. geprüfte und concessionirte Kunst-Feuerwerkerin Frl. Albertine Rennebarth für die Feuerwerke meines Locals engagirt habe und das erste große Monstre-Pracht-Feuerwerk am Montag, den 11. Mai, stattfindet. Alles Nähere in nächster Nummer dieser Zeitung. H. Bremer.“ Jährlich wurden von Anfang Mai bis Ende September Feuerwerke abgebrannt. Ob Pfingstfest, Garten-Schulfest der höheren und mittleren Töchterschulen oder zur Feier des Sieges bei Sedan – von nun an war Albertine in Magdeburg, deutschlandweit und in einigen europäischen Städten wie Kopenhagen, Wien, Paris und Amsterdam als gefeierter Star mit ihrer Feuerwerkskunst unterwegs.

Der Start im Bremer´schen Concert-Hause begann allerdings holprig. Der damalig unter Vertrag stehende Feuerwerker Charles Marechal aus Lyon sah wahrscheinlich mit der weiblichen Konkurrenz sein berufliches Fortbestehen gefährdet. Es begann eine Schlammschlacht in der örtlichen Presse – heute würde man es als Shitstorm bezeichnen – unter der Albertine zu leiden hatte. Während dieser Ereignisse stirbt am 26. August 1868 ihre Tochter Margaretha Dorothea Wally in Berlin im Alter von 6 Monaten. Und auch während ihrer beruflichen Laufbahn musste Fräulein Albertine Rückschläge verzeichnen. Einmal brannte die Werkstatt ab, in deren Folge es zu Explosionen kam. Eine Gehilfin, die mit dem Verfüllen von Hülsen beschäftigt war, erlitt schwerste Brandverletzungen, an deren Folgen sie verstarb. Der Generalanzeiger und die Magdeburgische Zeitung berichteten unter anderem: „Albertine Rennebarth, die in Magdeburg wohlbekannte Pyrotechnikerin, wird, wie uns aus Leipzig geschrieben wird, daselbst im „Schützenhof“ im Rosenthal am Donnerstag, 2. Juli (1896) ein Monstre-Feuerwerk veranstalten. In den Anzeigen der Blätter heißt es: „Albertine Rennebarth ist in letzter Zeit seltener selbstthätig bei ihren Veranstaltungen zugegen gewesen. Die Altmeisterin geht ganz in ihrem Beruf auf eine Folge davon ist, daß sie das Gehör verloren hat. Der Umgang mit Behörde, Presse und Publikum erschwert sich daher für sie, und so sitzt die Jahr auf Jahr ein in ihrem Laboratorium und sinnt auf neue Effecte und neue Farbenpracht.“

Bei der Vielzahl von Feuerwerken im Laufe der Zeit, kann man sich sicher vorstellen, unter welchem beruflichen Erfolgsdruck die Feuerwerkerin und ihre Kunst litten. Der Generalanzeiger vom 15. August 1905 berichtete: „Konzert-Haus. Um 10 Uhr: Abbrennung des 500. Monstre-Pracht-Feuerwerks von Frl. Albertine Rennebarth.“ Bereits am 5. Juli 1905 gab es ein „Monstre-Pracht-Feuerwerk“ im Herrenkrug zur Feier ihres 40-jährigen Berufsjubiläums. Die Magdeburger liebten ihre Inszenierungen am Himmel. In vielen Etablissements war gebucht, mit Raketen, Böllern und Feuerbildern wurde das Publikum verzaubert. Stets wurden ihre Feuershows mit Beifall bedacht. Ein Satz gehörte über Jahre zur Magdeburger Mundart: „Albertine, noch ne Jrienel“

Gewohnt hat Fräulein Albertine zur Miete in Magdeburg-Sudenburg auf der Halberstädter Straße 16 c, heute die Nummer 45. Nach einem erfüllten „Feuerwerkerleben“ starb Albertine am 2. Januar 1922 in Magdeburg an einer Lungenentzündung. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Alten Sudenburger Friedhof. Der Generalanzeiger vom 6. Januar 1922 veröffentlichte zum Tode von Albertine diese kurze Mitteilung: „Albertine Rennebarth-Schwiegerling, die bekannte Kunstfeuerwerkerin, ist in der Nacht vom 1. zum 2. Januar in ihrer Wohnung in Sudenburg nach längerem Leiden einer Lungenentzündung erlegen. Sie war eine Persönlichkeit, die in ganz Deutschland durch ihre Meisterfeuerwerke bekannt war.“ R. Floum

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