Sonntag, August 14, 2022
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Frank Hengstmann mit Einigkeit und recht viel Freizeit

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Man schrieb das Jahr 1967. Ich war Schüler der fünften Klasse der Maxim-Gorki-Oberschule in Magdeburg. Ein großes gesellschaftliches Ereignis warf seine langen Schatten voraus. Ich meine jetzt nicht die lang ersehnten Sommerferien. Die damals führenden Genossen hatten Großes vor und zwar die erste und einzige Volksabstimmung in der Deutschen Demokratischen Republik. Das Volk dieser Republik sollte über eine Verfassungsänderung abstimmen. Und zwar über die Änderung des Artikel 1 der Verfassung der DDR. Im Artikel 1 dieser Verfassung war zu lesen: Die Deutsche Demokratische Republik ist ein Staat deutscher Nation. Nun gab es aber auf dieser Erde noch einen Staat Deutscher Nation. Ein bisschen weiter westlich gelegen.

Um der von den führenden Genossen propagierten Konvergenztheorie ein ideologisches Schnippchen zu schlagen, griffen sie zu einem nicht erwarteten Mittel. Um sich von der BRD auch sprachlich abzusetzen, plante man folgendes: Da in der DDR nichts so heißen durfte wie in der BRD kam es zu dieser Änderung des Artikels 1 in der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Dieser Artikel 1 sollte dahin gehend geändert werden, das die DDR nun kein Staat Deutscher Nation mehr sei, sondern die Deutsche Demokratische Republik war nun nach Artikel 1 ein Staat der Arbeiter und Bauern.

Mit meinen zarten 11 Jahren begriff ich diesen Vorgang nicht so richtig. Waren wir in der DDR nun plötzlich keine Deutschen mehr? Und wieso nur ein Staat der Arbeiter und Bauern. In diesem Land lebten doch auch Ärzte, Ingenieure, Handwerker und viele andere werktätigen Menschen welche sich mit aller Kraft dem Aufbau des Sozialismus widmeten. Wie man heute weiß, war das eine kollektive Kraftverschwendung.

Doch noch einmal zurück zur Volksabstimmung. Alle Menschen, also das Volk sollte dieser Abstimmung zu stimmen. Eine noch nie da gewesene Werbeaktion brach los. Überall auf den Straßen sah man riesige Plakate. Auf diesen Werbeträgern war ein großer schwarzer Kreis zu sehen. Durch diesen Kreis war ein großes rotes Kreuz getüncht. Unter diesem Kreis mit Kreuz leuchtete ein üppiges „JA!“. Das sollte unseren Menschen bei der Entscheidungsfindung ideologisch „behilflich“ zu sein, also für diese Verfassungsänderung zu stimmen. Die Genossen fuhren ganz große propagandistische Geschütze auf. Selbst wir Kinder wurden zur propagandistischen Waffe erhoben. Im Werkunterricht bastelten wir kleine Schilder auf dem der schwarze Kreis und das rote Kreuz zu sehen war. Diese kleine Schilder friemelten wir irgendwie an unsere Fahrräder und radelten in größeren Gruppen durch die Straßen Magdeburgs und skandierten noch im Knabensopran seiend lauthals: „Sagt Ja“!

Leider nicht immer zur Freude einiger Bürger der Stadt. Ein doch sehr stämmiger Mann stoppte mich und brüllte mich an: „Mach dieses scheiß Schild ab, sonst backe ich dich een paar!“ Der Not gehorchend, nicht dem eigenem Triebe, entfernte ich mein Propagandautensil von meinem Fahrrad. Doch dieser stämmige Widerstandskämpfer war klar in der von den Genossen gewollten Minderheit. Dieser einzige Volksentscheid in der Geschichte der DDR wurde mit 99,9 Periode Prozent mit „Ja! Zur materiellen Gewalt. Obwohl Egon Krenz damals noch nicht Vorsitzender der zentralen Wahlkommission war.

Das Leben aber änderte sich nicht nach dieser Verfassungsänderung im Alltag der DDR eigentlich nicht. Die Genossen wollten immer noch den sogenannten, angeblichen „richtigen „Deutschen Staat“ überholen ohne einzuholen. So nach dem Motto: Mercedes gegen Trabant! Und auf den geschundenen Autobahnen der DDR war das auch möglich. Der westdeutsche Mercedesfahrer versuchte mit limitierter Fahrweise die Schlaglöcher zu umfahren. Doch der Trabantfahrer zog durch. Meist auf der linken Spur, weil die Rechte so etwas im „Arsch“ war und verursachte dadurch kilometerlange Staus auf den Transitautobahnen.

Es ist heute noch so: Vom Sozialismus lernen, heißt warten lernen. Die heute neu gebauten Autobahnen werden erstens nicht richtig fertig und müssen ständig wegen des morbiden Asphaltbelages erneuert werden. Aber was soll’s! Nach nun mehr 30 Jahren Wi(e)dervereiningung hat sich nicht viel verändert. Willy Brandt sagte damals seinen wohl berühmtesten Satz: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!“ Ich dachte damals immer an die Augebrauen von Theo Weigl.

Am dritten Oktober 1990 waren die Arbeiter und Bauern der DDR plötzlich wieder richtige Deutsche. Das fand ich Klasse. Nur das wir im Osten bis heute immer noch zweite Klasse sind, finden vielen nicht so Klasse. Mit Einführung der langersehnten D-Mark wurde ein industrieller Kern in der DDR quasi entkernt. Die friedliche Revolution in der DDR begann ihre eigenen Kinder zu fressen. Der Kern wurde konsequent entkernt. Und alles nur mit einer Hand. Treuhand! Es gab plötzlich Arbeitslose in der DDR. Ein nie gekanntes Phänomen. Wir in den neuen Ländern hatten zwar jetzt die Einheit aber auch sehr viel Freizeit. Ich würde mir zum Jubiläum aus ganzem Herzen wünschen, das die neuen Länder von der zweiten Klasse endlich in die erste Klasse versetzt werden.

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