Freie Kulturszene vor existenziellem Desaster / Gemeinsamer Krisengipfel in Magdeburg

Die Verunsicherung ist groß. Veranstaltungen werden abgesagt, Künstler und Veranstalter bangen um ihre Existenz. Unter diesem Aspekt trafen sich heute (Montag, 16. März 2020) in Magdeburg Künstler, Vertreter von privaten Theatern, Klubs, soziokulturellen Zentren und anderen Kultureinrichtungen, um darüber zu reden, wie die Auswirkungen der Corona-Zeiten überstanden werden können. Gemeinsam formulierten sie letztlich einen Brief an Oberbürgermeister Lutz Trümper. Darin fordern sie vor allem eine klare Entscheidung zur Schließung von Veranstaltungsorten. Das ist ein wesentlicher Aspekt für den Umgang mit Gästen, Vertragspartnern und in Bezug auf Regressforderungen. 

Wie man’s macht, ist es derzeit verkehrt: Wer Veranstaltungen absagt, wird kritisch gefragt warum. Wer Veranstaltungen durchführt (oder Cafés oder Restaurants öffnet), wird gefragt, warum nicht geschlossen wird. Wer von sich aus Veranstaltungen oder Auftritte absagt, kann finanziell zur Rechenschaft gezogen werden, da momentan die rechtliche Lage nicht geklärt ist. Wer nicht schließt, hat keine Handhabe, um z.B. für die Mitarbeiter Kurzarbeit zu beantragen – obwohl Kundschaft ausbleibt und die Angestellten nicht mehr bezahlt werden können. 

“Wir brauchen eine klare Ansage”, betont stellvertretend Lars Johansen, gemeinsam mit Christian Szibor (Festung Mark) von den Kulturschaffenden zum Sprecher benannt. Er ist freischaffender Kabarettist und Vereinsvorsitzender von ARTist eV., der den Moritzhof betreibt. Dort werden weiterhin Kinofilme gezeigt – vor 1 bis 8 Zuschauern. Doch generell auf das Kino zu verzichten, würde gegenüber den Verleihern Vertragsbruch bedeuten, die dann nicht nur Regress fordern können, sondern auch für spätere Zeiten den Vertrag kündigen und keine Filme mehr liefern würden. Das zumindest ist zu befürchten. Unabhängig davon entscheide sich am Donnerstag (Tag der Filmstarts) wie der Filmverleih mit der landesweiten Situation umgeht.

Ein weiteres Problem ist, dass Fördermittel nicht gezahlt für Veranstaltungen, die nicht stattfinden – auch wenn dafür bereits Leistungen erbracht wurden, z.B. in Werbung, Flyer-Druck o.Ä. investiert worden ist. 

Um eine Handlungsgrundlage zu haben, muss es eine klare Ansage geben, betonen die Veranstalter. Auf Grund der finanziellen Situation droht der Kollaps in der Kulturlandschaft.  

Für die Künstler entfallen Auftritte und somit die Einnahmen als Existenzgrundlage. Es wurde angeregt, einen Notfall-Fonds für die schlimmsten Fälle einzurichten. Sowohl für die einzelnen Künstler als auch für Betreiber von Kultureinrichtungen, die zwar im Ernstfall für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen können, als Chefs jedoch selbst davon ausgeschlossen sind und weiterhin Ausgaben wie Miete / Nebenkosten für die Kultureinrichtungen zahlen müssen. Deshalb soll es u.a. auch mit Vermietern Gespräche geben. 

Wie können Kulturfreunde den Künstlern helfen? Einen Spendenfonds gibt es noch nicht. Aber Möglichkeiten wären beispielsweise, bereits jetzt Tickets oder Gutscheine für die Zukunft zu erwerben, oder nicht unbedingt den Eintrittspreis für ausgefallene Veranstaltungen zurückzufordern. Wer es sich leisten kann. Als Zeichen der Solidarität in dieser besonderen Situation. (ab)

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