Mittwoch, Juli 6, 2022
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Freizeitbetriebe fühlen sich im Stich gelassen – Offener Brief an die Landesregierung

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Der offene Brief an die Landesregierung Sachsen-Anhalt

“Seit nunmehr zwei Monaten bestimmt die Corona-Krise unser aller Leben – nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in Deutschland und der ganzen Welt. Es ist eine schwierige Situation für uns alle und wir verstehen, dass es um die Gesundheit von Millionen von Menschen geht.

Wir sind froh und dankbar, dass vielen unserer Mitarbeiter*Innen über staatliches Kurzarbeitergeld geholfen werden kann. Auch Soforthilfen haben wir zum großen Teil erhalten und freuen uns über eine so schnelle Reaktion und Hilfe.

Aber wie geht es weiter?

Wir warten vergebens auf neue Informationen zum weiteren Verlauf in der Freizeitbranche und sehen dabei zu, wie in anderen Bundesländern erste Schritte gemacht werden.

An Freizeitvergnügen denkt aktuell niemand – über Freizeitunternehmen spricht auch niemand. Trotzdem sind wir die Branche, die vermutlich am härtesten betroffen ist. Schlagartig wurden alle Freizeitaktivitäten ausnahmslos eingestellt und alle Betriebe zum Wohle der Allgemeinheit geschlossen. Seit 8 Wochen sind die Einnahmen bei Null. Natürlich geht die Gesundheit vor, wir haben aktuell keine Priorität – weder in der Politik, noch bei allen anderen Menschen. Trotzdem brauchen auch wir einen Fahrplan für die Zukunft. Selbst in der heutigen Kabinettssitzung gab es keine Hinweise oder Richtlinien für uns – das Wort „Freizeit“ wurde hier nicht einmal genannt.

Wir befinden uns in Sachsen-Anhalt, einem der Bundesländer, die bei Freizeitaktivitäten und -angeboten erst ganz am Anfang stehen. Blicken wir 5 Jahre zurück, ist ein Großteil der heute angebotenen Freizeitaktivitäten noch gar nicht vorhanden. Vor allem, weil sich die Freizeitbranche in Sachsen-Anhalt noch im Aufbau befindet, haben wir umso größere Angst, nach der Krise nicht mehr da zu sein. Viele Unternehmen haben sich erst in diesem oder letzten Jahr etabliert, können erst seit kurzem gewinnbringend wirtschaften und sehen sich jetzt mit einer scheinbar übermächtigen Krise konfrontiert – ohne Rücklagen, ohne Perspektive, ohne Alternative.

Wir beschäftigen in Sachsen-Anhalt mindestens 1000 Menschen und zählen mehr als 1 Million glückliche Besucher – Tendenz steigend! Deshalb ist es umso wichtiger den Freizeitsektor zu erhalten.

So blicken wir auf ein Leben nach der Krise, wenn die Angst langsam schwindet und sich das Leben normalisiert hat. Dann wollen alle raus, sich bewegen, etwas gemeinsam unternehmen. Klettern, ins Kino, Trampolin springen, schwimmen, zum Fitness, bowlen, gemeinsam Spiele spielen, Abenteuer erleben – und wieder LEBEN!

Die Freizeit – und Fitnessbranche trägt mit ihren Angeboten im Bereich Sport, Spiel und Bewegung im Besonderen dazu bei, Gesundheit zu erhalten und das so wichtige Immunsystem zu stärken. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass die zunehmende Bewegungsarmut hohe gesundheitliche Risiken gerade bei Kindern und Jugendlichen hervorrufen, die Milliarden Kosten im Gesundheitswesen produzieren. Wenn sich kurzfristig nichts ändert, wird es viele von uns bis dahin nicht mehr geben, denn es ist kein Ende in Sicht.

Oder doch?

Wenn Bund und Länder JETZT reagieren, schnelle und unkomplizierte Hilfen anbieten und Klarheit für unser Weiterbestehen schaffen, sehen wir noch Hoffnung.

Hilfe braucht konkrete Vorschläge und Unterstützung – denn Sie können und müssen nicht auf jede Frage eine Antwort parat haben. Nachfolgend haben wir unsere Sorgen und Forderungen formuliert und bitten Sie um kurze Aufmerksamkeit auf diese Kernthemen der lokalen Freizeitbetriebe:

Klarheit und Entschädigungen

Nach aktuellem Stand werden die Kosten der Krise, der Schließungen, der Maßnahmen und der daraus resultierenden Ausfälle ausschließlich durch uns, die Unternehmer getragen. Laufende Kredite, langfristige Mietverträge, Versicherungen und sonstige Verträge bilden einen Kostenapparat, der von einzelnen Unternehmern und Unternehmen nicht im Ansatz mit Ausweichmöglichkeiten oder Alternativangeboten bewältigt werden kann. Das Infektionsschutzgesetz sieht Entschädigungen vor. Nicht explizit für diese spezielle Situation formuliert, das aber aus einem einfachem Grund: Diese Situation ist neu, unvorhergesehen und unvergleichlich und daher muss es auch eine entsprechende Anwendung dieses Gesetzes geben. Wir können als einzelne und teilweise kleine Unternehmen nicht die Kosten von Zwangsschließungen tragen, während Industriekonzerne Staatshilfen erhalten. Hier muss der Staat eingreifen, mögliche Unterstützungen geprüft werden und Klarheit für unsere Zukunft geschaffen werden.

Mieten

Freizeitunternehmen unterhalten wöchentlich Tausende Menschen, natürlich sind dafür auch Tausende Quadratmeter Fläche notwendig. Unsere Branche überschreitet den Flächenbedarf (pro Kopf) von Gastronomie oder Einzelhandel um ein Vielfaches, daher sind die Kosten für unsere Flächen auch entsprechend hoch und fallen auch während der jetzt vorherrschenden Schließzeit an. Daher können viele unserer Unternehmen mit der angebotenen und teilweise bereits ausgezahlten Soforthilfe nicht einmal eine einzige Monatsmiete bezahlen, geschweige denn die Kosten für die eigentlich vorgesehenen drei Monate tragen.

Wir fordern ein staatliches „Kurzmietgeld“, damit unsere Mietkosten zumindest anteilig kompensiert werden können, analog zum Kurzarbeitergeld bspw. 60% der monatlich anfallenden Kosten.

Minijobber, Auszubildende & studentische Aushilfen

Der Freizeitsektor ist in vielen Fällen ein zeitlich sehr konzentriertes Geschäft, abhängig von Jahreszeit, Wetter, Temperatur oder anderen Großveranstaltungen, konzentriert auf Abendstunden und Wochenenden.

Aus diesem Grund beschäftigen wir zahlreiche Minijobber und studentische Aushilfen, um den von den Kunden geforderten Service und die Flexibilität leisten zu können. Zusätzlich können wir vielen Menschen einen Zuverdienst bieten, der in vielen Fällen das Studium finanziert oder auch ein zusätzliches Haushaltseinkommen für die Familie darstellt. Diese Menschen werden von Ihnen – und in zweiter Instanz von uns – einfach im Stich gelassen. Es fehlt aktuell nicht nur der Zuverdienst für die Mitarbeiter, nachgelagert fehlen uns Unternehmen Hunderte Arbeitskräfte beim Wiederaufbau der Freizeitbranche.

Hier muss es eine Lösung geben, denn wir brauchen die Minijobber und Studierende genauso wie sie uns.

Subventionen für den Mittelstand

Neue Kredite um alte Kredite ablösen zu können und Mieten zu finanzieren, führen uns in einen Teufelskreis, der uns jeder weiteren wirtschaftlichen Schwankung schutzlos aussetzt. Auch Kredite, die 2 Jahre tilgungsfrei sind, geben uns kurzfristige Sicherheiten, verschieben das wirtschaftliche Desaster aber nur. Hochverschuldet bleiben, keine Möglichkeiten für später notwendige Investitionen und Neuerungen. Daher fordern wir zusätzlich tilgungsfreie Subventionen, die uns ein Überleben ermöglichen.

Senkung der Mehrwertsteuer von 19% auf 7%

Die aktuellen Schließungen und ein Umsatzausfall von annähernd 100% sind katastrophal und viele Unternehmer hoffen auf eine baldige Öffnung Ihrer Freizeitangebote. Aber was dann?

Das Corona-Virus wird uns mindestens bis zum Ende des Jahres, eher bis ins Jahr 2021 begleiten. Angst und Beschränkungen lassen sich nicht mit einem Schalter ausschalten, Menschen werden vorsichtig sein, Menschen werden sparen. Um diesen Umständen entgegen zu wirken, brauchen wir eine Starthilfe für die Freizeitaktivitäten, welche uns einen nachhaltigen Wiederaufbau unserer Unternehmen ermöglicht. Wir fordern die Mehrwertsteuer für Freizeitanbieter bis zum 31.12.2021 auf 7% zu senken.

Die nächsten Monate

Wir verstehen, dass es sich um eine gänzlich neue Situation handelt und niemand sichere Entscheidungen treffen oder Auskünfte geben kann, aber es muss für alle einen Weg aus dieser Krise geben.

Für viele unserer Unternehmen gibt es Möglichkeiten für eine teilweise und schrittweise Öffnung unter Einhaltung der verordneten Schutzmaßnahmen. Wir müssen nur darüber sprechen.

Bitte kommen Sie auf uns zu, lassen Sie uns einen gemeinsamen Plan erarbeiten, um den Menschen nicht nur ein Gefühl von Freiheit und qualitativer Freizeit wiederzugeben, sondern auch Sicherheit in ihrem Handeln. Die Corona-Angst muss aus den Köpfen der Menschen verschwinden, um Spaß zu haben und das Leben genießen zu können.

Eines möchten wir noch ausdrücklich betonen: Wir fordern keine sofortigen oder übereilten Öffnungen der Freizeitunternehmen. Vielmehr sind wir bestrebt, geeignete Konzepte für eine dauerhafte und nachhaltige Öffnung unserer Attraktionen zu erarbeiten und diese zielgerichtet umzusetzen.

Bitte bedenken Sie abschließend: Wie in der Gastronomie wird ein Freizeiterlebnis nicht nachgeholt. Um überleben zu können, sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Hochachtungsvoll, und stellvertretend für den Freizeitsektor Sachsen-Anhalts

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