Fruchtbare Kreuzungen zwischen Orient und Mitteldeutschland

Im Jahr 2014 hieß es in der Juli-Ausgabe dieser Zeitung: „Nach wie vor bleibt Mehmed Ali Pascha aus Magdeburg also eine spannende Figur: Für die einen als historische nur teilweise erforschte Biographie, für viele Magdeburger als Legende und für Turkologen und Historiker als Zugang zu integrativen interdisziplinären Bildungsprojekten.“ Sechs Jahre später kann dem nur beigepflichtet werden, denn mittlerweile sorgen die Kultur- und Wissenschaftsaktivitäten unter dem Markenzeichen „Der Pascha von Magdeburg“ weit über Deutschland hinaus für Aufmerksamkeit.

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Wie alles begann

Seit einem halben Jahr nun steht das opulente Buch „Der Pascha von Magdeburg. Der Orient in Mitteldeutschland“ in den Läden, es wird von Universitäten und der Landespolitik gern als fünfsprachiges Gastgeschenk vergeben und findet ein beachtliches Medienecho. Die Idee zu einem erzählenden Sachbuch über die Interkulturgeschichte Mitteldeutschlands entstand 2012: Damals begann ich für das ICATAT, für Volkshochschule und andere Bildungsträger, Stadtführungen auf orientalischen Spuren in Magdeburg und Halle anzubieten sowie den Teilnehmenden kleine Handouts, später eine selbst geklammerte Broschüre aus Farbkopien mitzugeben. Aus dem Wunsch vieler Magdeburger heraus, mehr über die schillernden Mosaiksteine unserer Geschichte zu erfahren, nahmen sich über vierzig Autoren, Übersetzer und Illustratoren der Aufgabe an, ein langfristiges Buchprojekt zu entwickeln. Die Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V., das Institut für Caucasi-ca-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT) sowie der Ost-Nordost-Verlag stemmten dann in den letzten drei Jahren eine immense Übersetzungsleistung. Aus wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, aus akademischen Texten und historischen Quellen wurde in 45 Geschichten ein farbenprächtiges Sachbuch erarbeitet. In fünf Sprachen bietet es nun Gäs-ten und Touristen, Zugezogenen und Alteingesessenen Lesestoff für Aha-Effekte.

Geschichte geht weiter

Die internationalen Partner des ICATAT Magdeburg wie die Akademie der Wissenschaften in Tatarstan oder die Marmara-Universität Istanbul, das Institut für Geschichte der Universität Warschau und andere Institutionen zwischen Helsinki und Tokio wurden auf das Buch aufmerksam und in den großen Bibliotheken zwischen Marseille, Wien und Moskau ist es nun als Botschafter der Vielfalt Sachsen-Anhalts auszuleihen. Vier Filme wurden gedreht und eine begleitende Webseite ins Leben gerufen. All diese Aktivitäten zeichnet aus, dass sie unter Einbeziehung mehrsprachiger Teams von .lkj) Sachsen-Anhalt und dem ICATAT erarbeitet werden. Und der Erfolg gibt diesem Ansatz recht. Neben diversen bleibenden geht jedoch die Forschung weiter und es sind genug Themen für ein zweites Buch gesammelt. Ein separates Pascha-Buch für die Altmark ist in Vorbereitung und drei weitere Bücher für Thüringen, Sachsen und Berlin-Brandenburg in Planung.
Allein bei Carl Detroit aus Magdeburg – alias Mehmed Ali Pascha – gibt es weiterhin neue Entwicklungen. Der gebürtige Magdeburger Mehmed Ali Pascha hatte mit seiner Frau am Bosporus vier Kinder. Seine Tochter Leyla heiratete Hasan Enver Pascha, (*1857 in Istanbul, gest. 1929 in Istanbul), den einzigen Sohn des Mustafa Celâleddin Pascha. Sie hatten 5 Kinder, eins davon Celile, die Mutter von Nazim Hikmet, dem Nationaldichter der heutigen Türkei. Dem Schwiegervater von Mehmed Ali´s Tochter Leyla war Magdeburg nicht fremd, denn auch Mustafa Celâleddin Pascha war kein gebürtiger Osmane, sondern er war vor seiner Flucht ins Osmanische Reich und der Konversion zum Islam der polnische Revolutionär Konstanty Borzęcki. Als Aufständischer saß er in Magdeburg im Jahre 1848 in Haft bevor er über Frankreich an den Bosporus emigrierte, wo er rasch militärische Karriere machte.

Im City-Carré wird ab September eine Auswahl der Buchkapitel im Großformat in einer Ausstellung präsentiert, um die internationalen Dimensionen unserer Heimatgeschichte auf dem Wege Magdeburgs zur Kulturhauptstadt Europas 2025 zu verdeutlichen. Des Weiteren ist die begleitende Webseite www.pascha-magdeburg.de ins Leben gerufen worden, die als Bürger-Mitmach-Plattform gedacht ist. Die Ausstellung möchte die Besucher mitnehmen auf die Reise von Byzanz, Al Andalus und Tatarstan nach Magdeburg, in die Börde, in die Altmark und zurück. In Zeiten von wachsenden Nationalismen, massiver Instrumentalisierung von Geschichte und der Fokussierung auf religiöse und kulturelle Gegensätze möchten Ausstellung und Buch Wege öffnen zu Dialog und gegenseitiger Erkenntnis. Wie fruchtbar die Projektarbeiten rund um das Pascha-Buch waren, zeigt ein buntes Begleitprogramm zur Ausstellung.

Die Kontakt-Regeln beachtend erwartet die Gäste des City-Carré Magdeburg in den 8 Wochen vom 1.9. bis 30.10. unter anderem das Trio Sêkoş (der krimtatarische Saxophonist Enver İbrahimoğlı sowie die kurdischen Musiker Moustafa Moustafa und Alan Othman lernten sich bei Pascha-Workshops kennen). Neben den Live-Konzerten von Sêkoş wird zur Vernissage am 16.9. die neue Magdeburger Band „OMID:I“ das erste Mal live auftreten, es werden Kurzlesungen abgehalten, die Buchkapitel vorgestellt und der Film „Der Pascha von Magdeburg“ erlebt seine Premiere. Letzteres eine Koproduktion des Fördervereins der Schriftsteller, des Literaturhauses Magdeburg und des Offenen Kanals mit dem ICATAT. Ehemalige Stadtschreiberinnen sowie etliche Autoren kommen zu Signierstunden, Geo-Caching- und Kalligrafie-Workshops sind geplant. Dr. Mieste Hotopp-Riecke

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