Frühling im Dornröschenschlaf

Plötzlich stand er da. Ohne Ankündigung. Kein Brief, kein Anruf, nicht einmal eine Nachricht via Smartphone. Er stand einfach da … vor meiner Tür. Klingelte ungeduldig. Mit strahlendem Gesicht und einem Strauß Blumen in der Hand. Sein Licht durchflutete die ganze Wohnung und malte Reflexionen an die Wände, die schließlich willkürlich zuckend über alle Oberflächen tanzten. Mit ihm kam eine sanfte Brise, mild und angenehm duftend, als wolle sie das Aroma der Gänseblümchen, Adonisröschen, Schlüsselblumen, Veilchen, Tulpen und Blausterne überall verteilen. Reizüberflutung! Erst hatte ich Wochen, ja Monate auf ihn gewartet, ihn wirklich herbeigesehnt. Und dann platzte er wortlos herein – nach einer Abwesenheit von beinahe einem Jahr. Dieser Frühling 2020.

Schon als die Temperaturen zu Beginn des Jahres langsam gestiegen waren, hatte ich voller Vorfreude nach ihm Ausschau gehalten. Wohl wissend, dass der Winter – auch wenn er sich nur flüchtig hatte blicken lassen – die Landschaft noch immer in seinem Griff hatte. An jedem Sonnentag, mit jedem Grad Celsius mehr, ließ ich den Blick schweifen, suchte nach den ersten Anzeichen von zartem Grün. Nach den ersten Knospen. Den ersten Farbtupfern auf den Wiesen. … Fehlanzeige! … Die Umgebung verharrte in einem tristen Ton. Eine Mischung aus Grau, Braun und einem matschig-undefinierbaren Ton. Fahl und kahl. Als hätte der Frühling vergessen, wie man die Natur zum Leben erweckte. Die Bäume weigerten sich, ihre Blätter zu zeigen. Die Blumen weigerten sich, zu sprießen. Die Wolken weigerten sich, den Blick auf das stählerne Blau des Himmels freizugeben. Und ich weigerte mich, nach draußen zu gehen. Es sei denn, es war wirklich erforderlich. Der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen konnte schließlich nicht anders bewältigt werden. Doch dieser elegischen Jahreszeit wollte ich nicht mehr Aufmerksamkeit schenken, als nötig war.

Und auf einmal war er da. Mit all seiner Pracht. Mit seinen strahlenden Farben, explodierenden Blüten, wuchernden Blättern, ziehenden Vögeln und ausschwärmenden Insekten. Mit seinem betörenden Duft, lebensfrohen Zwitschern, Summen und fröhlichen Lächeln. So stand er vor mir. Hatte mich überrascht, gar überrannt und sprachlos gemacht, ohne selbst das Wort zu ergreifen. Lag es etwa an mir? Hatte ich die Anzeichen nicht erkannt? Nicht bemerkt, wie er sich langsam heranschlich? Erst zaghaft, dann immer forscher auftrat, nachdem er seine ersten Vorboten in meine Richtung entsandt hatte. Erforderte dieser ganze Krisen-Zirkus zu viel meiner Aufmerksamkeit? Alles drehte sich plötzlich nur noch um dieses eine Thema. Alles andere geriet dabei in Vergessenheit – Negatives wie Positives.

Erst wollte man nicht nach draußen … unter diesen kühlen, deprimierenden, bleiernen Himmel. Dann durfte man es nicht. Zwar war es nicht ausdrücklich verboten worden. Doch die Empfehlung, nur für dringend notwendige Erledigungen die eigenen vier Wände zu verlassen, wie etwa zum Arbeiten, zum Einkaufen oder für den Arztbesuch, bot immerhin einen Anlass, über die eigenen Außer-Haus-Aktivitäten nachzudenken. Und sobald der Arbeitgeber mitspielte und sich die Möglichkeit bot, das Einkommen vom scheinanglizistischen Home-Office aus zu sichern, gab es kaum noch einen Grund, vor die Tür zu gehen. Hin und wieder lohnte es sich natürlich, den Briefkasten aufzusuchen oder den Supermarkt zu plündern – immer mit ausreichend Abstand, versteht sich.
Aber sonst? Sonst bot die Welt wenig Reizvolles. Ferne Ziele waren tabu, schier unerreichbar und nahe Ziele in gewisser Weise auch. Weder war es möglich, mit Kindern die Spielplätze aufzusuchen, noch konnte man sich mit Freunden zu einer Radtour, zum Basketball- oder Fußballspielen verabreden. Die Aussicht auf eine Joggingrunde in Einsamkeit war wenig verheißungsvoll. Und die Spaziergänge im Park verloren nach wenigen Tagen ihren Charme – weil die Gespräche mit der oder dem Liebsten um stets dieselben Themen kreisten oder weil sich das Abstandhalten zu den zahlreichen Flaneuren, die ebenfalls nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, sehr mühselig gestaltete. Zum Geburtstag ein Restaurant besuchen und sich etwas gönnen, was man selbst zu Hause nicht zubereitet, war ebenso wenig möglich, wie mit Freunden ein kühles Getränk in der Kneipe zu genießen und sich über die Urlaubspläne auszutauschen oder gemeinsam ins Theater zu gehen.

Das Leben hatte etwas Monotones angenommen. Und mit dieser Monotonie schien alles im Einklang zu sein. Es gab nichts, was nicht um dieses eine Thema revolvierte. In den Fernsehnachrichten, in den Zeitungen und Zeitschriften, in den mehr oder weniger sozialen Netzwerken, in Gesprächen mit Kollegen, mit Freunden oder Familie. Alle Augen waren auf das Geschehen Nummer 1 gerichtet. Während der Alltag so dahinglitt, rotierte die Erde weiter um ihre Achse. Und der Frühling hatte sich im Schatten der Krise unauffällig genähert, die Monotonie leichter ertragbar gemacht. Und nun strahlte er mich an. Mich und das Leben. Wie unrealistisch … und verführerisch.| Tina Heinz

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