Freitag, September 30, 2022
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Fünf Dinge braucht der Mensch

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Der Magdeburger Kneipp-Verein kümmert sich um Gesundheit und Wohlergehen der älteren Generation. Heilmethoden eines schwäbischen Pfarrers stehen dabei im Vordergrund. | Von Rudi Bartlitz

Wenn in einer Ehe oder anderen losen Gemeinschaft einer – meist soll es sich dabei um den männlichen Part handeln – ankündigt, er gehe jetzt „Kneippen“, kann das zuweilen schon Irritationen auslösen. Gelinde gesagt. Vor allem dann, wenn der wackere Mitstreiter alles andere im Sinn hat als sich auf eine kleine alkoholische Spritztour zu begeben. In der Regel hat er nämlich genau das Gegenteil im Sinn: etwas für seine Gesundheit zu tun. Und wenn nun besagte Person in Magdeburg lebt, würde sie der Weg mit ziemlicher Sicherheit zum Kneipp-Verein führen. Was die meisten nicht wissen: Die 1993 ins Leben gerufene Gemeinschaft mit ihren heute knapp 900 Mitgliedern zählt durchaus zu den Schwergewichten der hiesigen Sportszene.

Auf dem Gelände des ehemaligen Stadtfelder-Schlachthofs, gleich neben der Hermann-Gieseler-Halle, hat sie ihren Sitz. Stolz zeigt Rainer Voigt, der Chef, bei einem KOMPAKT-Besuch, was für ein Schmuckstück hier seit der Einweihung 2006 entstanden ist. „Auf rund 500 Quadratmetern bieten wir unseren Mitgliedern so ziemlich alles, was sie brauchen, um etwas für ihre Gesundheit und das Wohlergehen zu tun“, erläutert der 69-Jährige, der lange die hiesige Niederlassung der AOK-Krankenkasse leitete. Eine Sporthalle, eine Anlage für Wasseranwendungen, ein Kräutergarten, eine große Grünfläche mit eigenem Brot-Backofen und eine Begegnungsstätte gehören zum Komplex, in dem einst die Disco „Space“ ihre Tore öffnete.

Was zunächst nicht ausbleiben kann, ist die Frage nach dem Besonderen an diesem Verein mit einem doch eher ungewöhnlichen Namen. Ungewöhnlich innerhalb all der Sportgemeinschaften, die ansonsten auf so vertraute Bezeichnungen wie SC, FC, Fortuna, TuS oder VfB zurückgreifen; von Besiegdas vielleicht einmal abgesehen. „Wir stützen uns auf das ganzheitliche Gesundheitssystem, das der schwäbische Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert begründete“, so Voigt. „Es beruht auf fünf Wirkprinzipien: kaltem und warmen Wasser, ausreichender Bewegung, der Lebensbalance, der Heilpflanze sowie einer ausgewogenen und vollwertiger Ernährung. Bei uns im Verein sind diese fünf Säulen die Grundlage für diverse Sportangebote.“

Nun ist es jedoch zuweilen noch so, dass empfindsame Gemüter fröstelnd erschauern, sobald der schwäbische Pfarrer ins Spiel kommt. Kneipp? Dann fallen den meisten zuallererst Begriffe wie Rosskur, Wasserstrahl und kalter Guss ein. Daraus ließe sich durchaus ein Image-Problem für die Kneippianer diagnostizieren. Noch dazu in Zeiten, in denen die indische Heilkunst Ayurveda und die Traditionelle Chinesische Medizin en voque sind. Ebenso modern klingt ein anderer Begriff: Medical Wellness. Der Clou dabei: Gemeint ist eigentlich hier nichts anderes als die natürliche Art, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Genau das wollte der wackere Kirchenmann aus dem Schwäbischen erreichen. Das predigte er schon vor über 150 Jahren. Es hat überlebt, sein Gesundheitskonzept ist also alles andere als von gestern. Es ist bis heute Vorbild einer regelrechten Bewegung. Mehr als 600 Kneipp-Vereine in Deutschland zählen rund 160.000 Mitglieder und sehen sich als größte private Gesundheitsorganisation. Ob Mitglied oder nicht: Unzählige Menschen nützen die Kneipp-Idee, um gesund zu bleiben und gesund zu werden.
Fünf Dinge, so lernen wir von Kneipp, braucht der Mensch also fürs Wohlergehen. Wer heute den Weg zum Magdeburger Miesner-Platz findet, bekommt dort ein umfangreiches Angebot. „Es sind zwei Säulen, auf die wir uns stützen“, erklären Voigt und Geschäftsführerin Iris Lässig unisono. „Da ist zum einen der Reha-Sport. Das betrifft Menschen, die, meist vom Arzt verordnet, Übungen gegen bestimmte Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Osteoporose, Arthrose, Morbus Bechterew oder Parkinson machen. Ein weiteres Schwergewicht liegt bei uns auf der Vorbeugung. Man könnte es auch Fitness-Training nennen. So stehen regelmäßig Aqua-Fitness und Nordic Walking auf dem Programm. Rund 100 Sportgruppen werden wöchentlich von vier hauptamtlichen Übungsleitern und 15 Honorarkräften betreut.
Wer sich im Klubheim etwas umsieht, kann die älteren Semester schlecht übersehen. Voigt: „Ja, wir sind ein Verein für Senioren.“ Da klingt durchaus Stolz mit. Das Durchschnittsalter der Mitglieder bewegt sich immerhin um stattliche 70 Lenze. Da sind es mitunter die kleinen Erfolge, die zählen. Der Vorsitzende berichtet von einer älteren Dame, die, weil ihr Bewegung äußerst schwerfiel, stets vom Schwiegersohn zum Kneipp-Verein chauffiert wurde. „Eines Tages kam sie plötzlich ohne ihn. Ich fragte sie, was passiert sei. Sie komme jetzt mit der Straßenbahn, meinte sie. Das könne sie nunmehr nach dem Training wieder.“ Voigt fügt hinzu: „Wir treiben nicht nur Sport miteinander, wir pflegen ebenso die Geselligkeit“ Dazu wurde extra eine Begegnungsstätte geschaffen, in der nicht nur bei Kaffee und Kuchen geplauscht werden kann, sondern in der auch schon das eine oder andere Jubiläum gefeiert wurde.

Im Gegensatz dazu steht ein Jugendprogramm der Kneippianer, das sich auf die Kindergärten konzentriert. Dazu existiert seit 2007 ein eigenes Projekt, in das Kindertagesstätten in Magdeburg und der gesamten Region eingebunden sind. Zurzeit sind 13 Einrichtungen mit Hunderten Kindern integriert. Und damit die Gruppen nicht alle zum Miesner-Platz kommen müssen, wurden ihre Betreuerinnen ausgebildet, die Gesundheit ihrer Schützlinge harmonisch im Sinne der Kneippschen Ideen zu behandeln.

Denn der Altmeister predigte sanft und warnend zugleich: Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für seine Krankheit opfern. Wenn es gar galt, aufzurütteln, den Ernst seiner Botschaft unter die Leute zu bringen, konnte er aber auch anders: „Saufen wollen sie alle, sterben will keiner.”

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