Fußball-Drittligist 1. FCM startet Mitte September in die neue Spielzeit

Fußball-Drittligist 1. FCM startet Mitte September in die neue Spielzeit. Es soll nicht wieder eine Zittersaison werden. Ob die Blau-Weißen für dieses Ziel bestens gerüstet sind, da bestehen einige Zweifel. Von Rudi Bartlitz

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Was wäre die Menschheit ohne ihre mächtige Floskel „Quo vadis“? Selbst der so allgegenwärtige Fußball kommt nur schwerlich ohne sie aus. Also: Quo vadis, FCM? Wohin gehen die Blau-Weißen? Eine Frage, die sich vier Wochen vor dem geplanten Saisonauftakt der 3. Fußball-Liga aufdrängt. Eine Spielzeit wie die zurückliegende Saison, als der Zweitliga-Absteiger und Mitfavorit für den Wiederaufstieg schmählich versagte, bis zum vorletzten Spieltag um den Klassenerhalt buchstäblich zittern musste, die möchte keiner noch einmal miterleben. Der Verein nicht, die Fans nicht. Da zumindest besteht Einigkeit. Und doch, vom reinen Handauflegen und von Stoßgebeten an den Fußball-Gott allein wird es nicht besser.

Nutzen wir also die verbleibende Zeit, um zumindest einige Gedanken über die blau-weiße Zukunft anzureißen. Zwei auf den ersten Blick ganz simple Fragen stehen im Raum. Frage eins: Welcher Fußball ist unter den derzeitigen Bedingungen – sportlich wie finanziell – in Magdeburg möglich, und welcher eben nicht? Frage zwei: Wo liegen die Erwartungen der Anhänger und des berühmten Umfelds, und wo beginnt der gleitende Übergang in die Welt der Träume und Fantasien?

Erste Voraussetzung zur Beantwortung dieser Fragen (es gäbe natürlich noch viel mehr davon) wäre eine öffentliche und damit nachvollziehbare Analyse der Clubführung über die zurückliegenden zwölf Monate. Motto: Was lief nicht, was waren die Ursachen dafür? Um als Anhänger oder Beobachter, in jedem Fall aber als Außenstehender, bestimmte Vorstellungen und Planungen zur Zukunft nachvollziehen zu können. Doch just an diesem Punkt beginnen schon die Schwierigkeiten. Eine solche Analyse gibt es nicht. Stopp, falsch. Es gibt sie schon, aber nicht für die Öffentlichkeit. Beim einzigen Termin, bei dem sich die FCM-Leitung bisher zur neuen Saison äußerte – einer Pressekonferenz am 10. August – ging Geschäftsführer Mario Kallnik kaum auf Vergangenes ein, verwies stattdessen auf ein MDR-Podcast mit ihm. Von Anfang Juli. Mehr wäre dazu nicht zu sagen, meinte er. Wer das Stück nicht kannte, hatte eben Pech. Oder, andere Sichtweise: Nicht alles muss näher begründet werden. Warum auch? Man kann nicht jedem Laien alles erklären. Der neue Cheftrainer Thomas Hoßmang sagte in einem Interview für das Fußball-Portal „3. Liga online“: „Wir haben die Saison analysiert und ausgewertet, aber die Ergebnisse bleiben intern.“

Nun gut, man kann offenbar wirklich nicht alles haben. Müssen wir eben bescheiden sein und das zur Kenntnis nehmen, was übrigbleibt. Und da dominierte auf besagter Pressekonferenz ein Punkt: Man werde als Verein nicht mehr so viel reden wie im vergangenen Jahr, sondern handeln. Wer würde ein solches Vorhaben nicht begrüßen? Also eine ebenso edle wie vernünftige These, die kaum Widerspruch zulässt. Nachdenklich allerdings stimmt der Nachsatz Kallniks, auch zum Kader werde man keinen Kommentar abgeben. Überall auf der Welt, selbst beim FC Bayern und im glorreichen Liverpool, preist man Neuzugänge in höchsten Tönen (Etwa so: „Spieler XY bringt exakt das mit, was wir lange gesucht haben und genau auf dieser Position benötigen.“). Die Frage drängt sich förmlich auf: Traut man beim FCM seinen eigenen Leuten, speziell den Einkäufen, nicht allzu viel zu?

Und dann war da ein weiterer, zentraler Gedanke: Demut. Es sei an der Zeit, hieß es, mehr Demut zu zeigen. Auch beim FCM. Klingt zunächst einmal gut. Nur ist der Begriff in den zurückliegenden Monaten, seit Ausbruch der Corona-Krise, im deutschen Fußball geradezu zum inflationären Modewort verkommen; so richtig es ist, dem kickenden Turbo-Kapitalismus zumindest ein wenig in die Schranken weisen zu wollen. Demut im Sinne von Bescheidenheit mag zu Recht an vielen Stellen nötig sein, gerade an der wirtschaftlichen Front. Überträgt man ihn jedoch, wie geschehen, auf den sportlichen Wettbewerb, konterkariert er sich selbst. Da sollte Demut ein „No Go“, ein Widerspruch in sich sein.

Zumal bei einem Klub, der noch vor 16 Monaten in der zweiten Liga agierte, dort wertvolle Erfahrungen sammelte. Zumal bei einem Team, das wirtschaftlich zu den Bessergestellten in dieser über weite Strecken ziemlich klammen 3. Liga zählt. Zumal für einen Verein, für den das führende Branchenportal „transfermarkt.de“ im Sommer einen Transferüberschuss von immerhin 1,5 Millionen Euro errechnete. Wir reden von einer Mannschaft, die aufgrund der phantastischen Unterstützung ihrer Anhänger in ganz Deutschland ziemlich viel Bewunderung einfuhr. Selbst Freiburgs Kulttrainer Christian Streich war nach dem Pokalauftritt seines SC an der Elbe voll des Lobes: „Dasch war ja drr helle Waaahnsinn“, befand er in seinem unverwechselbaren Badisch. „Hätt‘ isch dasch gwuscht, hätt‘ isch Ohrestöpsel mitgbracht.“

Als Saisonziel gibt der FCM nun für 2020/2021 an, zunächst erst einmal 46 Punkte erreichen zu wollen. Also den Klassenerhalt. Wenn anschließend „noch genügend Zeit“ sei, kann man laut Kallnik über weiterreichende Ziele nachdenken. Wer sei denn der FCM, fügte Kallnik rhetorisch fragend hinzu, um sich in dieser 3. Liga als „etwas Besonderes“ zu betrachten. Wieder schimmerte sie durch, die vermeintliche Demut. Hier tut sich, so scheint es, ein Widerspruch auf. Es gab in den letzten Jahren beim FCM keinen Trainer, angefangen beim sonst so bescheiden auftretenden Jens Härtel, der von seinen Spielern – zu Recht – nicht tagein, tagaus Gier eingefordert hätte. Gier, einfach jede Partie gewinnen zu wollen, selbst wenn dies in seiner Totalität natürlich illusorisch war.

Bei dem jetzt formulierten Saisonziel ist, mit Verlaub, von dieser Gier herzlich wenig zu spüren. Um es ganz drastisch zu formulieren: Ein Heinz Krügel hätte denjenigen wahrscheinlich fassungslos angeschaut, der ihm mit der Bitte nach sportlicher Demut gekommen wäre. Hätte die Trainer-Legende damals mit seiner Magdeburger Bezirksauswahl so gehandelt gegen das Star-Ensemble des AC Mailand und hätte er seinen Jungs in der Vorbereitung aufs EC-Finale in Rotterdam die Frage gestellt, ob denn der FCM „etwas Besonderes“ sei – der Pokalgewinn wäre wohl für immer ein Traum geblieben.

Fußball in der 3. Liga ist nicht nur Berufs-, sondern zuallererst Leistungssport. Das hat Kallnik in den zurückliegenden Jahren oft und völlig berechtigt festgestellt. Und eingefordert. Die Gesetze und Kriterien des Leistungssports, sie gelten natürlich weiterhin. Ansonsten müsste zwangsläufig die Frage gestellt werden, ob hier und heute der unerschütterliche Wille da ist, Großes zu erreichen. Oder ob man nicht zu schnell zufrieden ist mit dem, was man hat – einem fantastischen Publikum, einem gerade modernisierten 30.000-Mann-Stadion und, für die Spieler, doch recht erklecklichen Drittliga-Gehältern? Anders gefragt: Bietet man dem spielenden Personal mit weichen Saisonzielen nicht ein Alibi, die Füße gelegentlich hochzunehmen? Es gab doch schon im vergangenen Jahr einige, die, wenngleich hinter vorgehaltener Hand, sich gar nicht so unzufrieden mit dem nach dem Zweitliga-Abstieg postulierten Drei-Jahres-Plan zeigten. Statt ein wenig Poker – lieber Mau-Mau.

Wie man es auch dreht und wendet, es bleiben Rätsel. Daher weg vom eher Fußball-Philosophischen, hin zu härteren Fakten. Der FCM wird es diesmal nicht leicht haben, keine Frage. Da ist der Chefetage kaum zu widersprechen. Trotzdem muss es darum gehen, die bedenkliche Tendenz der letzten beiden Jahre – immer weiter abwärts – zu stoppen, zumindest den Break-even-Point zu schaffen, also jene Marke, von der aus es wieder aufwärts geht. Für die Clubführung gilt, in der 3. Liga werde man nur bestehen können, wenn man als Mannschaft auftrete. Kallnik: „Da liegt der Schlüssel zum Erfolg.“ Nach dem Abgang von elf Akteuren gilt es quasi, wieder ein (fast) neues Team zu formieren; nachdem bereits 2019, nach dem Zweitliga-Abstieg, mehr als ein Dutzend Spieler gegangen waren – oder gehen mussten. Die Qualität des Kaders, das wird die sportliche Gretchen-Frage beim FCM bleiben. Nimmt man allein die Namen und den bisherigen Entwicklungsweg der Neuen (siehe auch obenstehende Statistik), gibt es zunächst keinen Grund, laut hurra zu schreien. Weil, so zumindest der Eindruck, es gerade in der bisherigen Schwachstelle, dem Mittelfeld, weiter an überzeugenden Lösungen, an Ideen fehlen könnte.

Bisher sah es doch oft so aus: Sobald sich das FCM-Spiel vom eigenen Tor entfernte, irgendwo hin in die – im modernen Fußball so wichtigen – Gefilde zwischen Strafraum und Mittellinie, vermochte man in der Mehrheit der Fälle den weiteren Verlauf voraussehen: entweder es wurden horizontale Alibi-Pässe gespielt, oder eine angedachte Kombination versandete meist an der zweiten, dritten Station. Lange Pässe landeten oft in den Füßen der Gegner oder im Aus. Da war niemand auszumachen, der das Geschehen an sich zieht, der dem Spiel durch ungewöhnliche Aktionen Impulse gibt. Alles wirkte wie ein verstreutes Ensemble ohne Drehmotor. Was bleibt, ist zumindest das Prinzip Hoffnung: Vielleicht haben die Scouts ja das eine oder andere überdurchschnittliche Talent entdeckt, und wir wissen es nur nicht. Noch nicht.

Damit wir nicht falsch verstanden werden: Medien sind Begleiter (und Beobachter!) von Ereignissen und Prozessen. Sie berichten und äußern dort, wo es ihnen notwendig erscheint, eine Meinung. In der politischen Berichterstattung würde jetzt vielleicht sogar, ganz verwegen, auf die Rolle der Presse als vierte Gewalt hingewiesen. Aber es geht ja nur um Fußball. Gerade im Fußball muss eine Journalistenmeinung weiß Gott nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Und stimmen muss sie erst recht nicht. Verantwortlich, oder gar in gewisser Weise rechenschaftspflichtig, ist die FCM-Führung nicht den Medien. Sondern ganz allein ihren Mitgliedern. Wenn die von dem jetzigen Kurs überzeugt sind, keine Alternative zu ihm sehen, ihn letztlich mittragen – dann hat Kallnik, aus seiner Sicht, alles richtig gemacht. Und dann wäre dies von der Öffentlichkeit, wer auch immer sich dazu zählen mag, respektvoll zur Kenntnis zu nehmen. Also letztlich zu akzeptieren.

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