Mittwoch, Juli 6, 2022
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Gedanken- & Spaziergänge im Park: Amedeo

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In den Jahren, in denen ich bis zum Abitur zur Schule ging, habe ich dort keine Beziehung zu bildenden Künsten bekommen. Das lag sicher nicht an meinem Kunsterzieher. Der war ein herzensguter Mann. Vielleicht war der Stoff so ausgewählt, dass er mich nicht begeisterte. Mein Elternhaus war zwar sehr literaturfreundlich, doch Malerei und Künstler waren kein Thema. Das wurde anders, als 1956 der Film „Vincent van Gogh – ein Leben in Leidenschaft“ mit dem großartigen Kirk Douglas in der Titelrolle in die übervollen Kinos kam. Nebenbei: Meine Heimatstadt Schönebeck hatte damals vier Kinos, zwei in Schönebeck und zwei in Bad Salzelmen! Plötzlich hatte die Malerei für mich Fleisch und Blut gewonnen, war lebendiges menschliches Schicksal geworden. Aus Begeisterung sah ich den Film noch einmal, diesmal mit meinen Eltern. Mich überraschte anschließend, dass mein Vater beim Verlassen des Kinos Tränen in den Augen hatte. Ich glaube, dass es vielen Menschen in der DDR so gegangen war, denn kurze Zeit später sah man Drucke von Gemälden van Goghs in so mancher Wohnung und in Gaststätten, besonders die Sonnenblumen und das Nachtcafé in Arles. Mein Interesse an der bildenden Kunst war erweckt worden

Zwei Jahre später, im Sommer 1958 erlebte ich eine viel stärkere emotionale Erschütterung durch den Schwarzweißfilm „Montparnasse 19“ mit dem überragenden Gérard Philipe in der Rolle des Amedeo Modigliani. Gérard Philip mit seinen großartigen Verfilmungen der Romane von Stendhal gehörte sowieso zu meinen Lieblingsschauspielern. Aber diese Verfilmung des tragischen Schicksals Modiglianis schuf in mir eine Bindung zur modernen Malerei, die mich nie wieder los ließ. Ich denke, dass es manchen so ging. Denn ebenso wie nach dem van Gogh-Film konnte man nun vielerorts Drucke von Porträts und Akten Modiglianis begegnen. Später, auf Reisen nach Paris, versäumte ich nicht, sein Grab auf dem Friedhof Père Lachaise zu besuchen. Er starb vor 100 Jahren, am 24. Januar 1920. Dieser Jahrestag ist mir Anlass, mich wieder einmal mit seinem Leben zu beschäftigen.

Amedeo Modigliani wurde am 12. Juli 1884 als viertes Kind eines sephardisch-jüdischen Ehepaares in Livorno geboren. Seine Eltern waren liberale Juden. Die Mutter Eugenia war eine sehr selbstständige Frau, setzte sich gegen den Willen der Modiglianis durch und unterrichtete erst als Hauslehrerin, später als kleine Privatschule Englisch und Französisch. Der kleine Amedeo kam tagsüber in die Obhut seines Großvaters Isaac, ein hoch gebildeter Historiker, Philosoph und Schachexperte, der 6 Sprachen beherrschte. Mit ihm besuchte er auch die Museen und Galerien. Der Großvater stirbt als Amedeo zehn Jahre war. Zu dieser Zeit hatte er eine schwere  Brustfellentzündung, wie sich später herausstellt Tuberkulose. Ab seinem 14. Lebensjahr besucht er ein Atelier und beginnt zu zeichnen und zu malen. Mit 18 Jahren beginnt er mit der Bildhauerei und schreibt sich im Institut der schönen Künste in Venedig ein. Doch drei Jahre später, 1906, zieht es ihn nach Paris. Dort besucht er die Académie Colarossi, die auch Schüler wie Rodin, Gauguin und Whistler hatte. In Paris stößt er zu der lebendigen modernen Künstlerszene aus Malern, Dichtern und Philosophen und fühlt sich endlich zur rechten Zeit am rechten Ort. Er beginnt immer mehr zu zeichnen und zu malen, denn der Steinstaub bei der Bildhauerei tut seiner tuberkulösen Lunge nicht gut. 1907 kann er zwei Ölbilder und fünf Aquarelle im Pariser Herbstsalon ausstellen – in der gleichen Ausstellung füllt Cezanne einen ganzen Saal mit 48 Ölgemälden. Modigliani arbeitet eifrig, hat aber bei keiner der vielen Galerien Erfolg und kann keines seiner Werke verkaufen. Umso erfolgreicher ist er bei den Frauen und hat zahlreiche Liebesaffären, von denen so manche in seinen Bildern verewigt ist.   Leider beginnen in derselben Zeit seine Exzesse mit Alkohol und Drogen. Vermutlich tun das damals viele aus der Szene – aber bei ihm ist der Missbrauch noch exzessiver und trifft auf seine von der Tuberkulose angegriffene Gesundheit. Auch auf weiteren Ausstellungen, an denen er sich in den folgenden Jahren beteiligt, hat er keinen Erfolg, kann so gut wie nichts verkaufen und wird bei manchen Besprechungen in den Journalen nicht einmal erwähnt.

Riesig ist die Zahl seiner Porträts. Wir kennen meist die Porträts der Frauen. Aber er porträtierte „alle und jeden“, Maler, Theaterleute, Literaten, Händler, Barbesucher – auf Leinwand und auf Kneipenservietten. Modigliani soll gesagt haben: „Zeichnen – ein Akt des tiefsten Erkennens und Besitzens, wie ihn nur der Traum und der Tod vermitteln können.“ Seine Porträts scheinen eine Verzerrung zu sein, doch erkennt man jeden der Porträtierten. Es ist nicht nur ein schlichtes Abbild, man glaubt etwas von ihrer Seele zu sehen oder zu ahnen. Oft wirken diese Menschen verlassen, einsam, melancholisch und schauen den Betrachter ernst an.

Gegen Ende des 1. Weltkrieges wird aus der Tragödie Modiglianis ein Drama zu zweit. Im Frühling 1917 begegnet Modigliani an der Académie Colarossi die 19-jährige Studentin Jeanne Hébuterne. Sie ist eine scheue, reservierte junge Frau und verliebt sich sofort in ihn. Sie ist so ganz anders als die Frauen aus der Pariser Bohème, mit denen er sonst verkehrt. Sein Freund Zborowski freute sich darüber in der Hoffnung, dass sie ihn wieder auf „den rechten Weg“ führen werde. Ein Irrtum. Er änderte seinen Lebensstil nicht. Die bürgerliche, streng katholische Familie Hébuterne mit ihren starren Grundsätzen akzeptiert die Wahl ihrer Tochter nicht, noch dazu die eines Juden. Deren „Schande“ wird noch größer, als Jeanne schwanger wird und am 29. November 1918 ihre Tochter Jeanne bekommt. Sie zieht zu Amedeo, von ihrer Familie verstoßen. Das Kind kommt zu einer Kinderfrau. Im Frühjahr 1919 wird Jeanne wieder schwanger. Der Lebensstil Modiglianis wird immer exzessiver. Je weniger er anerkannt wird, desto prahlerischer tritt er auf. Sein Sarkasmus und seine Trunksucht provozierten immer wieder Handgreiflichkeiten und ließen ihn oft genug im Gefängnis landen. Jeanne musste ihn fast jede Nacht dort abholen, berichtete eine Zeitzeugin. Zu essen gab es kaum etwas in der Wohnung. Mit Modigliani wurde es immer schlimmer. Er zog stockbetrunken und mit hohem Fieber durch die Straßen. Mitte Januar 1920 wurde er bettlägerig und verlangte immer weiter nach Alkohol. Er begann aufgrund einer tuberkulösen Meningitis unter starken Kopfschmerzen zu leiden, sodass man ihn am 22. in ein Krankenhaus brachte. Jeanne, die in wenigen Tagen ihr zweites Kind bekommen sollte, war bei ihm. Er kam bald in ein Koma und verstarb am 24. Januar 1920 gegen 9 Uhr. Jeanne Hébuterne ging zu ihrer Familie und erlebte dort konsequente Ablehnung. Am 25. Januar, einen Tag nach dem Tode Modiglianis, stürzte sie sich hochschwanger aus einem Fenster der elterlichen Wohnung im 5. Stock und war sofort tot.

Modigliani wird am 27. Januar auf dem Friedhof Père Lachaise beerdigt. Die Hébuternes verweigern eine gemeinsame Beisetzung. Jeanne wird erst 1930 auf eindringliches Bemühen von Modiglianis Bruder Emmanuel an seine Seite umgebettet.

Wie van Gogh bekam Modigliani nach seinem Tode das, was er zu Lebzeiten so schmerzlich entbehrte: Anerkennung und Ruhm. Was zu denken gibt ist die Diskrepanz zwischen seiner Kunst und seiner Lebensweise. Aber es lehrt uns auch etwas: Der Lebensstil oder die politischen und gesellschaftlichen Anschauungen eines Künstlers sagen nichts, aber gar nichts über seine künstlerische Bedeutung aus. Das sollte allen heutigen Beckmessern und nachgeborenen Moralaposteln, die den künstlerischen Wert nach letzterem beurteilen, wie z. B. bei Emil Nolde oder Peter Handke, eine Mahnung sein. 

Bildunterschrift: Grabstein von Amedeo und Jeanne Modigiliani auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Paul F. Gaudi

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