Gedanken- & Spaziergänge im Park : Corona- Chroniken II

Gedanken- & Spaziergänge im Park : Corona- Chroniken II | Paul F. Gaudi

Kürzlich hat man mich gefragt, wie es mir in der Coronazeit ginge, da ich ja zur Risikogruppe alter Männer gehöre. Im ersten Moment lautete meine Antwort: ganz gut, so wie immer. Mein Tagesablauf hat sich kaum geändert, ich erledige kleine Einkäufe und mache weiter meine Spaziergänge im Park, die mir zur lieben Gewohnheit geworden sind. Hin und wieder auch mit Gerd, wobei wir darauf achten, dass wir in einem gehörigen Abstand nebeneinander gehen. Da müssen wir halt ein wenig lauter sprechen. Dauernd reden wir sowieso nicht miteinander. Ganz im Gegensatz zu den Frauen, denen wir begegnen, die ständig eifrig im Gespräch miteinander sind. Manchmal sogar, wenn sie miteinander joggen! Das könnte ich nicht, laufen und gleichzeitig mich unterhalten. Diese Fähigkeit kann ich nur bewundern, sie sind eben kommunikativer.
Bei längerem Nachdenken muss ich zugeben, dass mich die Situation mehr beschäftigt. Dieses Miststück von Virus dringt in meine Gedankenwelt ein, mehr als mir lieb ist. Als wolle es von ihr Besitz ergreifen. Ein Beweis: Schon der zweite Artikel zu diesem Thema. Und vielleicht nicht der letzte. Habe ich Angst vor dieser Erkrankung? Noch nicht. Angst vor dem Tod? Nein, denn solange das Ich denkt, ist der Tod nicht eingetreten und wenn der Tod da ist, ist das Ich verschwunden. Entweder – oder. Ich-Sein und Tod schließen einander aus. Aber durchaus Angst vor dem Sterben, vor dieser unerfreulichen und oft schmerzhaften Übergangsphase. Dazu die Sorge, so vieles ungeordnet zu hinterlassen. Also fange ich an, Akten und Dokumente zu ordnen, auszusortieren und auch zu vernichten. Eine Sisyphusarbeit – woran mein Herz so jahrzehntelang hing, soviel unnützer Tand! Es gibt auch äußere Dinge, die ich vermisse. Kein Café am Hassel mehr offen, keine Chance auf ein schönes Abendessen mit meiner Frau oder den wenigen guten Freunden in einer Gaststätte. Und dann die fast schon lästige Dauerberieselung mit diesem Thema im Fernsehen, Radio oder in der Tagespresse. Viel klüger wird man davon nicht, eher verunsichert, da sich die Meinungen über das Verhalten in der Pandemie und im Umgang mit dem Virus teilweise widersprechen und sich von Woche zu Woche ändern. So hat zum Beispiel das Robert-Koch-Institut jetzt das Tragen eines Mundschutzes für nützlich befunden, nachdem es das vor einiger Zeit noch als überflüssig bezeichnet hat. Allerdings: woher nehmen und nicht stehlen?

Wie in jeder Krisenzeit ist jetzt die Hohezeit für Klugschwätzer aller Art, die sofort eine passende Philosophie bei der Hand haben und schon wohlfeile Aussagen über die Zeit nach der Pandemie treffen. Die einen behaupten, dass sich die Menschheit nach der Pandemie grundsätzlich ändern würde. Die Menschen würden bescheidener, mehr auf die Umwelt achten, die Ansprüche zurückschrauben und sich mehr auf innere Werte besinnen. Andere meinen, dass Menschen danach eher noch selbstsüchtiger und härter würden. Und die Dritten sagen, dass alles beim Alten bliebe. Die Pandemie sei zwar eine schreckliche, aber doch ganz natürliche Masseninfektion, meinen die einen, während andere sagen, dass dies eine Strafe für die Globalisierung und das Konsumverhalten der Menschen wäre. Das ist nichts Neues. Wir kennen solches schon aus dem Mittelalter, als die großen Seuchen über Europa hinwegzogen, vor allem die Pest. Auch da erschienen viele falsche Propheten, welche die Katastrophe als Strafe Gottes bezeichneten und die Menschheit zur Umkehr aufriefen. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand behaupten würde, dass der Klimawandel die Coronapandemie verursacht hätte. Andeutungsweise versuchte das schon der MDR im Wetterbericht für Kinder am 28. März mit der suggestiven Frage „was haben Corona-Virus und CO2 gemeinsam?“ Die Antwort lautete: von Corona wird man ziemlich krank. Auch von CO2 wird man krank, nämlich unsere Atmosphäre. Doch damit nicht genug, der MDR weiß auch: beide, Virus und CO2, sind „winzig klein und mit dem bloßen Auge nicht zu sehen“ und „wenn beide nach faulen Eiern riechen würden, dann könnten wir viel mehr tun“. Pflanzt man damit nicht noch zusätzliche Ängste in die Kinderherzen oder ist das schon Indoktrination?
Natürlich gibt es in dieser Zeit für unbefriedigte Menschen und Menschinnen (gendergerecht abgeleitet von: der Mensch – die Menschin) immer eine Gelegenheit über irgendetwas empört zu sein. Schließlich leben wir in der Epoche des Empörialismus (lt. Martin Schmidt-Salomon). So regten sich einige auf, dass ein Süßwarenhersteller Osterhasen mit einem Mundschutz produzierte. Und der Produzent zog den Artikel zurück! Eigentlich ist es nicht zu fassen; es ist doch eine gute Idee auf die Notwendigkeit eines Mundschutzes auch auf solche Art hinzuweisen. Diesen Sonnabend berichtete die „Volksstimme“ über einen Bäcker in Gaza, der kleine runde Kuchen backt, die mit einem Gesicht mit Mundschutz verziert sind. Ob sich dort jemand darüber erregt hat, wurde nicht berichtet. Ich glaube nicht, denn in Gaza haben Menschen echte Sorgen, im Gegensatz zu unseren Empörialisten.

Eigentümlicherweise kommen die ausführlichsten Nachrichten über die Coronakrise im Fernsehen immer aus den USA und New York. Warum eigentlich? Die Prozentzahl der Erkrankten war in den USA am 6. April mit 0,04 Prozent geringer als in Deutschland (0,12 Prozent). In Italien und Spanien ist die Situation viel schlimmer. Oder will man etwa mit dem Beispiel USA und Trump von den eigenen Versäumnissen ablenken? Vor nicht ganz einer Woche sagte Trump, dass das Malariamittel Cloroquin möglicherweise gegen Corona helfen könne. Von unserer Presse wurde das eher hämisch aufgenommen. Am 3. April sagte der Gesundheitsminister Spahn das gleiche. Nun ist es ein Zeichen der Hoffnung.

Noch immer laufen wir den Ereignissen hinterher. Einige Arztpraxen in Deutschland haben geschlossen, weil sie keinerlei Schutzmittel besitzen! Eigentlich ist es nicht zu verstehen, schreibt auch der Kolumnist Jörges im neuesten „Stern“. Denn in der Drucksache des Bundestages Nr. 17/12051 von Januar 2013 wurde detailliert der Ablauf einer solchen Epidemie mit allen ihren Folgen beschrieben und welche Maßnahmen von der Regierung zu ergreifen wären. Wir schrieben bereits in der letzten Ausgabe der KOMPAKT ZEITUNG darüber. Da hat sich also ein Gremium von Wissenschaftlern ausführlich über ein solches Szenario Gedanken gemacht, was sicher einiges an Geld gekostet hat. Die Drucksache wurde an alle Abgeordneten, an die Ministerien und alle Landesregierungen verteilt. War das alles für die Katz? Dafür setzt das Gesundheitsministerium in alle Tageszeitungen mehrmals ein großes Inserat mit dem Bild eines Prominenten, der die Hände über den Kopf hält und sagt „ich bleibe zu Hause“. Leider wird nicht berichtet, was diese Aktion für Geld kostet. Es wäre schon interessant zu wissen, wie viele Schutzmasken man dafür kaufen könnte.

Und die EU? Schwerfällig wie immer hinkt sie hinterher und beschwert sich, dass die Nationen schneller waren und selbstständig Maßnahmen ergriffen haben. Frau von der Leyen gab den denkwürdigen Satz von sich: „Wir brauchen ein großes Herz und nicht 27 kleine“. Tatsache ist aber, dass das große Herz der EU offensichtlich einige der kleinen nationalen Herzen als Herzschrittmacher brauchte, damit es endlich zu schlagen begann. Wenn die 27 kleinen Herzen nicht eifrig geschlagen hätten, würde Europa erst jetzt Maßnahmen gegen die Pandemie ergreifen. Es ist auch biologisch falsch. Das große Herz eines Wales schlägt etwa sechsmal in der Minute, das der Maus 500-mal. D. h., ehe das Herz des Wales zum zweiten Mal schlägt, hat das kleine Mäuseherz schon 167-mal geschlagen. Das nur nebenbei.

Weiter geht die Diskussion unter Wissenschaftlern darüber, welche Strategie in den Zeiten der Corona nun die bessere wäre: die größtmögliche Kontaktvermeidung, wie wir es jetzt praktizieren sollen oder wäre es vielleicht besser, durch eine normale Lebensgestaltung schneller eine größtmögliche Immunität zu erzeugen. Es wäre gut, wenn die Diskussion darüber offen und ideologiefrei geführt würde, ohne die andere Seite als dumm zu diffamieren. Beide Theorien haben etwas für sich und erst die Zukunft wird zeigen was besser ist. Das dicke Ende für die Wirtschaft, vor allem des Mittelstandes, haben wir erst noch vor uns.

Von einem gewissen Vorteil war Pandemie für den Bundesrat. Der beschloss am 27. März die Düngemittelverordnung, die unter dem Diktat von Brüssel neu gefasst werden musste, da es sonst 860.000 Euro Strafe pro Tag (!) an Brüssel gekostet hätte. In einer zusätzlichen elfseitigen Entschließung weist der Bundesrat allerdings auf zahlreiche (!) Unzulänglichkeiten der Verordnung aus fachlicher, rechtlicher und vollzugsseitiger Sicht hin. Der Vorteil für den Bundesrat bestand darin, dass Bauern, die aus gutem Grund diese Verordnung ablehnen, infolge der Seuche keine Möglichkeit hatten, mit tausenden von Traktoren in Berlin dagegen zu protestieren.
Alle Veranstaltungen wurden abgesagt. Auch die der Linken am 28. März zum Thema „30 Jahre linke Politik in Magdeburg“. Nanu, 30 Jahre? Ich dachte immer, dass es in Magdeburg seit 75 Jahren, also seit 1945, spätestens aber seit 1949 ausschließlich linke Politik gegeben hätte. Hat die „Linke“ ihre „ruhmreichsten“ Jahre und ihre führende Rolle tatsächlich vergessen oder verleugnet sie sie?

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