Gedanken- & Spaziergänge im Park: Corona-Chroniken III

Eigentlich sollte das Wort Corona nicht mehr im Titel erscheinen, das wäre auch der Wunsch der Redaktion gewesen. Oder bestenfalls als „Corona – zum letzten“. Doch der/die Erreger*in (ich hoffe, dass der Rat der Stadt mit dieser gendergerechten Bezeichnung zufrieden ist, denn warum soll etwas so Einflussreiches ausschließlich männlich sein?) übt doch eine sehr starke Macht auf die Medien, die Regierungen und ihre Verlautbarungen und unser tägliches Leben aus. Nun besteht die Maskenpflicht in allen Bundesländern, lediglich Berlin schränkt sie auf den öffentlichen Nahverkehr ein, also die Stadt, in der die Menschen am dichtesten aufeinander leben. Es ist ein großes Durcheinander.

Die WHO und auch das Robert Koch-Institut haben sich anfangs gegen eine Maskenpflicht ausgesprochen, weil sie nutzlos wäre. Jetzt sind plötzlich beide Institutionen dafür. Allerdings sagte der Präsident des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery am 22. April, dass er das Tragen eines Mundschutzes für unnütz hält, ja es könne sogar schädlich sein, da es die Träger in einer vermeintlichen Sicherheit wiege und sie andere Vorsichtsregeln, wie z. B. Abstand halten, vernachlässigen würden. Zu allem Überfluss gab die europäische Verbraucherschutzorganisation RAPEX am 23. April eine Warnung heraus betreffend fünf verschiedener Typen von Atemschutzmasken wegen mangelnder Qualität, alle von verschiedenen Firmen in China hergestellt, und startete eine Rückrufaktion! Über die Qualität der vielen hierzulande selbst genähten Mundschutze aus Stoff wollen wir gar nicht erst reden. Das alles ist kein Vorwurf. Denn die Meinungen der Virologen und der Epidemiologen widersprechen sich häufig, ebenso wie die sehr verschiedenen Maßnahmen der europäischen Länder, vom strengen Ausgangsverbot in Frankreich bis zum Laissez-faire in Schweden. Mit anderen Worten: in Wahrheit weiß niemand was wirklich richtig ist. Und so hat man manchmal den Eindruck, dass ein gewisser Aktionismus besteht, gemäß der Devise: Besser wir machen überhaupt etwas als gar nichts und eine allgemeine Maskenpflicht kostet uns am wenigsten und schadet keinem. Ähnlich eigentümlich erscheinen auch Verordnungen, dass bei einer Verkaufsfläche von unter 800 Quadratmetern die Läden geöffnet haben können. Der Laie wundert sich und fragt sich, wie kommen sie auf diese Zahl? Ist die ausgewürfelt worden? Warum nicht 500 oder 1.200 Quadratmetern? Warum dürfen keine Gottesdienste in den Kirchen durchgeführt werden, obwohl sie außer an den hohen Feiertagen kaum unter Überfüllung zu leiden haben. Und warum darf das Fährschiffchen in Buckau nicht fahren, wo doch meist nur wenige Fahrgäste auf ihm sind?

Die Feststellung, dass keiner weiß, was wirklich richtig ist und es völlig verschiedene, ja sogar gegensätzliche Meinungen gibt, sollte vorurteilsfrei zu denken geben. Vorzuwerfen ist aber, dass viele der öffentlichen Meinungsführer ihre Auffassung mit dem Brustton der Überzeugung vortragen, als hätten sie die Wahrheit gepachtet und andere Meinungen ignorieren oder sich sogar abwertend über sie äußern. Wie auch kürzlich unsere Kanzlerin, als sie von „Öffnungsdiskussionsorgien“ einiger Bundesländer sprach. Eigentlich könnte man darüber lachen, was sich eine Pastorentochter so unter Orgien vorstellt! Sorgen bereiten aber auch Politiker, die diese Krise immer weiter in die Zukunft verlängern: Karl Lauterbach, der sagte, dass eine Normalität frühestens 2022 erreicht werde. Woher weiß er das? Fast grausam ist auch der Satz unseres Finanzministers Olaf Scholz, der von einer „neuen Normalität“ sprach, an die man sich gewöhnen müsse. Meint er das wirklich ernst? Für ihn als Minister mag das wohl gehen, aber wenn ich mir ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern in einer Dreizimmerwohnung vorstelle, das nur noch Kurzarbeitergeld bezieht, die Kindergärten und die Schulen z. T. geschlossen sind – dann kann ich mir schwer vorstellen, dass diese sich mit solcher „neuen Normalität“ abfinden könnten. Politiker sind natürlich in einer viel komfortableren Situation. Da die Parlamente jetzt auch ausgedünnt sind, die Sitzungszeiten bewusst kürzer gehalten werden und die Abgeordneten wegen der Kontakteinschränkungen jetzt auch nicht zu Versammlungen in ihren Wahlkreisen gehen können: Wäre da nicht auch ein Kurzarbeitergeld für Parlamentarier angebracht? Auch könnten sie sich etwas großzügiger erweisen. So wie das österreichische Kabinett für einen Monat auf Gehälter verzichtet und es wohltätigen Zwecken spendet. Unser Kabinett tut so etwas nicht. Dafür wollen Abgeordnete des Bundestages auf ihre im Juli fällige Diätenerhöhung verzichten. Sie werden es später sicher nachholen, aber immerhin ist so etwas ein Zeichen guten Willens, zu dem sich unsere Landtagsabgeordneten dagegen nicht durchringen konnten und als Begründung nicht ihren Willen bzw. Unwillen, sondern irgendwelche Gesetze anführen.

Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, nutzt die Ungunst der Stunde, um den Staat um finanzielle Unterstützung zu bitten mit der Begründung, dass wegen der Corona-Krise in den Moscheen keine Gottesdienste durchgeführt werden könnten und daher die bei dieser Gelegenheit üblichen Spenden nicht eingenommen werden können. Nun, geht’s denn noch? Auch die beiden christlichen Kirchen konnten infolge der ausgefallenen Karfreitags- und Ostergottesdienste keine Kollekten einnehmen und haben die Bundesregierung nicht um Unterstützung gebeten. Viele christliche Gemeinden sind finanziell klamm und erbitten sich brieflich von ihren Gemeindemitgliedern zusätzlich zu den Kirchensteuern ein Kirchgeld. Was hindert die Moscheegemeinden daran, ebenfalls von ihren Mitgliedern brieflich oder telefonisch die geplanten Spenden als Überweisungen zu erbitten?
Nach den Statistiken hat Deutschland in Europa prozentual die wenigsten Coronatoten, wenn man von Österreich absieht. Die NZZ sprach von einem deutschen Wunder und führte es auf „die Liebe der Deutschen zu ihren Kreiskrankenhäusern“ zurück. In der Tat ist unsere Krankenhausdichte recht hoch und die kleinen Häuser konnten Patienten der größeren aufnehmen, die sich dadurch vermehrt der Intensivbehandlung widmen konnten. Möge es so bleiben und die Regierung nicht den Ratschlägen der Bertelsmann-Stiftung folgen, die in einer Studie von 2019 empfahl, die Zahl der Krankenhäuser von 1400 auf 600 zu reduzieren! Es dürfte nicht gut für unser Gesundheitswesen sein sich von Soziologen und Betriebswirtschaftlern, statt von Medizinern beraten zu lassen.

Gibt es auch was Gutes in den Coronazeiten? Auf Anhieb fallen mir 3 Dinge ein: Ich habe noch nie so viel Väter mit ihren Kindern wochentags im Rotehornpark getroffen. 2. Die Benzinpreise sind niedrig und drittens: Lange war nichts mehr von der Greta aus Schweden zu hören. Doch wir befinden uns erst in der ersten Welle. Die zweite sind die wirtschaftlichen Folgen, die in ihrer Größe bisher erst zu ahnen sind. Viele kleine Gewerbetreibende, Firmen und Freischaffende gehen am Stock oder müssen Konkurs anmelden, auch mittlere Zulieferbetriebe, Gaststättenbetreiber, Reisebüros und Hoteliers. Ein jetzt nicht belegtes Hotelzimmer kann man im Herbst nicht doppelt vermieten. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen. Allein die große Lufthansa streicht 10.000 Stellen! Die darauf wohl folgende dritte Welle könnte dann eine Finanzkrise sein, da infolge der Konkurse, Arbeitslosigkeit und Schließungen auch Umsatz-, Einkommens- und andere Steuern für den Bund, die Länder und die Gemeinden massiv wegbrechen werden. Noch gibt der Staat übermäßig viel aus – aber wird das wieder hereinkommen und wenn ja, wann?

Nun Corona beiseite: Am 30. März las ich in der Süddeutschen Zeitung eine Mitteilung, die ich erst für einen vorgezogenen Aprilscherz hielt und im Internet deren Wahrheitsgehalt überprüfen musste. Aber es stimmte: Eine siebenköpfige Expertenkommission denkt im Auftrag der Bundesregierung über eine Neuordnung des Namensrechts nach. Unter anderem schlägt sie vor, dass eine Änderung des Namens (Vor- oder Nachname oder beide) ab dem Alter von 16 Jahren und alle zehn Jahre erlaubt seien. Dafür soll es keinen direkten Anlass brauchen. “Als anerkennenswerter Grund für eine Namensänderung sollte auch allein der Wunsch des Namensträgers angesehen werden”. Namensänderungen bei Heirat, Scheidung oder Adoption gibt es doch, auch die Anerkennung eines Künstlernamens. Aber willkürlich seinen Namen zu verändern, nur weil einem danach ist und das vielleicht noch alle 10 Jahre – es ist nicht zu fassen. Wenn Menschen glauben, sie würden ein anderer oder gar besser, wenn sie ihren Namen ändern, so irren sie sich. Im Sinne einer persönlichen Entwicklung oder Verbesserung wäre es doch wohl besser, aus seinem Namen etwas zu machen, so dass man zufrieden oder sogar stolz auf seinen Namen sein könnte. Irgendwie hat das etwas mit Verleugnung zu tun. Ganz zu schweigen, welche unnötige Arbeit das für die Institutionen und Ämter mit sich bringt, wo der Name registriert ist. Das sind Wohlstandsprobleme einer übersättigten Gesellschaft – nein, nicht der Gesellschaft: Probleme einer übersättigten Wohlstandschicht (ich vermeide bewusst das Wort Elite), die offenbar keinerlei existenzielle und materielle Sorgen hat. Hoffentlich finden sich noch Gegenstimmen der Vernunft. Noch ist Zeit. | Paul F. Gaudi

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