Sonntag, Juli 3, 2022
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Gedanken- & Spaziergänge im Park: Corona- Chroniken

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Nun ist es sicher, das Corona-Virus sitzt uns im Nacken oder hat uns im Griff – egal, wie man es ausdrücken möchte. Die gesellschaftliche Atmosphäre erscheint emotional spannungsgeladen wie vor einem großen Knall, fast als könnte ein Krieg ausbrechen. Die Stimmungen schwanken zwischen den Polen Bedrückung mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins auf der einen und einer Art Übermut auf der anderen Seite, die versucht die depressiven Gedanken mit Wurstigkeit und Witzen zu übertünchen. Und über allem die bange Frage: kann man wirklich etwas dagegen tun, etwas, was die Epidemie noch abwenden könnte. Doch der nüchterne Verstand sagt, dazu ist es schon viel zu spät und es ist auch fraglich, ob es in dieser eng vernetzten Welt überhaupt möglich gewesen wäre.

Aber auch diese Gedanken tauchen auf: Gerade weil unsere Welt so miteinander verflochten und von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist – hätte da nicht viel eher und entschlossener reagiert und gegengesteuert werden müssen?

Noch Anfang Februar, als Corona Europa schon erreicht hatte, verkündete Minister Spahn, dass er Verschwörungstheorien mehr fürchte als eine Corona-Epidemie, obwohl die WHO bereits am 30. Januar eine „internationale Gesundheitsnotlage“ ausgerufen hatte. In der Lombardei gab es schon 167 Erkrankte und 4 Todesfälle und in Bayern seit etwa 25. Januar mehrere Infizierte, da wurden am 24. Februar noch die großen Rosenmontagsumzüge in Köln und Düsseldorf durchgeführt statt abgesagt zu werden! Noch am 12. Februar verkündete Spahn im Fernsehen, dass es zwar 16 Infizierte gäbe, aber man habe „alles unter Kontrolle“. Wundert sich wirklich jemand da-rüber, dass die ersten großen Zahlen von Erkrankten dann gerade aus Nordrhein-Westfalen gemeldet wurden? Wo gibt es in Deutschland heute solche Politiker wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder, die den entschlossenen Mut zu umstrittenen und vielleicht auch unpopulären Entscheidungen haben?

Nein, die haben wir nicht. Minister Spahn meldete am 14. Februar, dass Deutschland „gut aufgestellt“ sei, und am 2. März, dass Grenzschließungen und Absagen von Veranstaltungen „nicht verhältnismäßig“ seien. Auch unsere Kanzlerin sprach auf einer Veranstaltung in Mecklenburg von „Maß und Mitte“. Das ist ein hübscher Stabreim – aber was wollte sie nun konkret damit sagen? Man kann nur hoffen, dass sie es selbst wusste. Inzwischen begannen andere Länder schon mit Grenzkontrollen und sogar -schließungen.

Offenbar wurde auch mancher Abgeordnete im Bundestag von dieser zarten Melodei eingelullt. Denn als der innenpolitische Sprecher der AfD Hess am 13. März im Bundestag sagte, es müsse „Schluss sein mit Wankelmut und Zögerlichkeit“, einen Einreisestopp aus Hochrisikogebieten forderte und die Regierung aufrief zu handeln, statt die Verantwortung auf die Länder und Kommunen abzuschieben – da antwortete ihm der Politikwissenschaftler und CDU-Abgeordnete Christoph Bernstiel: „Ich bin fassungslos, die AfD befindet sich offensichtlich in geistiger Quarantäne.“ Das macht mich nun wieder fast fassungslos, ich kann nur den Kopf schütteln darüber. Offenbar gibt es Politiker, die es bestreiten würden, dass zwei mal zwei vier sei, wenn die AfD das sagen würde und allein nur deshalb, weil die AfD dass behauptet. Herr Bernstiel kommt übrigens aus Halle, der Stadt in Sachsen-Anhalt, wo der OB die bislang strengsten Vorschriften wegen des Coronavirus erlassen hat. Drei Tage darauf rief Söder in Bayern den Notstand aus!

Weitere zwei Tage später, am 18. März, sprach Frau Merkel im Fernsehen. Recht spät. Mein Freund Gerd sagte: „Fast wie vor 200 Jahren“. Auf meine fragende Miene hin erklärte er mir, dass zu Beginn des Befreiungskriegs gegen Napoleon 1813 der preußische König Friedrich Wilhelm III. sehr zögerlich war, während sich in Breslau und anderswo schon Freiwillige sammelten. Als er sich dann endlich auf Drängen seiner Ratgeber zum Kampf entschlossen hatte, hieß die offizielle Überschrift „Der König rief und alle kamen“. Das Volk wusste es aber besser und machte daraus: „Als alle riefen kam endlich auch der König.“ Nun ja. Die Kanzlerin sprach von einer Krise, die ernste Maßnahmen und massive Einschnitte in das Alltagsleben erforderlich machen würde, blieb aber dabei im vagen, was sie konkret damit meinte. Es war eine ruhige, pastorale Rede wie eine Sonntagspredigt. Ganz anders dagegen die aufrüttelnden Ansprachen mit klaren Ansagen des österreichischen Kanzlers Kurz oder des französischen Präsidenten Macron. Dass darauf nun auch Deutschland Grenzkontrollen anordnete, spielte eigentlich kaum noch eine Rolle, da die benachbarten Länder schon vorher solche angeordnet hatten. Man hat den Eindruck, dass Deutschland bislang halbherzig hinterherhinkt. Völlig unverständlich ist dabei noch, dass auf dem Frankfurter Flughafen Passagiere, die anlässlich des iranischen Neujahrsfestes (20. März) zu Verwandten nach Deutschland flogen, überhaupt nicht gesundheitlich kontrolliert wurden, obwohl gerade der Iran eine hohe Zahl an Erkrankten hat, wobei die Dunkelziffer infolge der dortigen Informationspolitik vermutlich noch größer ist.

Deutschland sei gut aufgestellt, verkündete Minis-ter Spahn noch am 14. Februar. Doch die Kliniken, die Ärzte, die Schwestern und Pfleger, die ambulanten Behandlungsstellen klagen über fehlende Schutzkleidung und fehlende Atemmasken. In einem Brief an die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte vom 20. März bedankt sich der Minister für deren Einsatz und kündigt eine erste (!) Auslieferung von Schutzausrüstung an, die jetzt erfolgt sei. Natürlich deckt das den Bedarf bei weitem noch nicht, so dass ein Landesbereich von einer längst nicht ausreichenden und nur „homöopathischen Menge“ sprach. Der Laie wundert sich und fragt sich, warum erst jetzt und dann nicht ausreichend? Hat der Staat, haben die Länder keine Reserven an Ausrüstungen für einen doch jeder Zeit möglichen Katastrophenfall? Eigentlich unfassbar. Aber es kommt noch ärger. Nach der SARS-Epidemie in den Jahren 2002 bis 2004 hat ein Expertenteam im Auftrag der Bundesregierung ein Szenario erarbeitet, was wäre, wenn sich solche Epidemie wiederholen und Europa erreichen würde. Diese Analyse lag dem Deutschen Bundestag in der 17. Wahlperiode zur Unterrichtung durch die Bundesregierung als Drucksache 17/12051 vom 03. 01. 2013 als „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ vor. Und das wahrlich Erschreckende: Man konnte alles wissen! Auf den Seiten 55 bis 88 steht alles, was jetzt schon zum Teil Wirklichkeit geworden ist: Die rapide Zunahme der Infektionen, die Symptome der Erkrankung, die Auswirkungen einer solchen Pandemie auf die Wirtschaft, auf die Versorgungslage, auf das Verkehrswesen, auf die privaten Haushalte, ja sogar die Auswirkungen auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung und welche politischen Folgen diese haben könnten und was eine Regierung zügig veranlassen müsste. Wurde das wirklich gelesen? Warum dann das zuerst zögerliche Vorgehen, dem natürlich durch unsere föderale Struktur noch Vorschub geleistet wurde.

Und Europa, die EU? Lange Zeit „dröhnendes Schweigen“. Die EU, die noch am 28.11.19 großsprecherisch den „Klimanotstand“ ausgerufen hatte – jetzt erscheint sie wie gelähmt. Alle Länder entscheiden auf eigene Faust – und das ist wohl auch besser so. Diese Europaregierung, die sonst in alle nationalen Entscheidungen hineinregiert und bestimmen will, dass z. B. keine räuberischen Wölfe abgeschossen werden dürften, wie die deutsche Düngemittelverordnung auszusehen hat oder wann polnische Richter in den Ruhestand zu gehen haben – bei dieser Pandemie kommt nichts Konkretes aus Brüssel. Hat die EU zu lange mit Frau von der Leyen, die übrigens auch recht stumm geworden ist, über den angeblich grandiosen „green deal“ phantasiert?

Natürlich wieder eine tolle Zeit für unsere Englisch-Sprachpanscher. Die Bevölkerung wird von einigen Journalisten oder Politikern zum „social distancing“ aufgefordert, zu gut deutsch also zum Abstand halten. Dieser Begriff ist aber nicht nur überflüssig, da man es sehr gut und verständlich in Deutsch sagen kann, er ist auch grundfalsch. Wörtlich bedeutet er nämlich die soziale Distanzierung – seuchenhygienisch brauchen wir aber nur die körperliche Distanz, nicht die soziale. Im Gegenteil – gerade in Notzeiten brauchen die Menschen soziale Nähe und die geht durchaus auch ohne körperliche Nähe: Ein Anruf, ein längeres Telefongespräch, zur Not auch eine SMS oder ein Dialog in WhatsApp oder – ganz altmodisch – mal einen Brief schreiben. Das schafft statt Distanz Nähe und die wird in der Zeit der Bedrängnis durch Corona seelisch dringend gebraucht.

Gibt es auch Trost? Für den Einzelnen, der der Pandemie erliegt, vielleicht nicht in jedem Fall. Für die Allgemeinheit aber schon. Die Menschen haben schon viel schlimmere Seuchen durchgemacht, auf die sie viel schlechter oder überhaupt nicht vorbereitet waren und keinerlei Gegenmittel hatten. Vor 100 Jahren raffte die spanische Grippe mindestens 25 Millionen Menschen dahin. Sie traf auf eine vom 1. Weltkrieg ausgehungerte und erschöpfte Beölkerung – im Gegensatz zu unserem Wohlstand heute. Ganz zu schweigen von der Pest im 14. Jahrhundert, die in Europa ca. 20 Millionen Tote forderte, das dürfte gut ein Viertel der damals lebenden Europäer gewesen sein. Dann gab es noch die Pocken oder die Cholera, die über die Menschheit herzogen. Wenn man es so betrachten kann – dann sind wir vermutlich doch noch ganz gut gerüstet gegen Corona. | Paul F. Gaudi

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