Mittwoch, Juli 28, 2021
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Gedanken & Spaziergänge im Park: Fußball, Sex und Politik

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Was war das wieder aufregend bei dem Fußballspiel Deutschland ge-gen Ungarn! D. h.: die Aufregung begann eigentlich schon lange vor dem Spiel und hatte einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Wegen eines Gesetzes, das in Ungarn die Sexualaufklärung über Homosexualität, Transsexualität und ähnlichem für Jugendliche und Kinder in Wort, Schrift und Bild einschränken soll. Wenn jemand nun glaubt, dass das in erster Linie eine innere ungarische Angelegenheit sei, so wurde er durch Politiker, Presse, Funk und Fernsehen eines Besseren belehrt. Solidarisch mit allen Lesben, Schwulen und Transsexuellen wollten die Münchner nun ihr Stadion in den Regenbogenfarben erstrahlen lassen. Die Regenbogenfahne war ursprünglich Anfang der sechziger Jahre das Symbol der Friedensbewegung. Erst in den siebziger Jahren „okkupierten“ die Homosexuellenverbände diese Fahne, drehten die Reihenfolge der Farben um und ernannten sie zu der ihren. So sollte also die Beleuchtung des Münchner Stadions ein strahlender Protest gegen Orbán und das neue ungarische Gesetz sein. Doch die UEFA untersagte diese Art der politischen Stellungnahme, die auch ein Affront gegen die ungarische Mannschaft sei und der Veranstalter somit Partei gegen bzw. für eine Mannschaft genommen hätte. Darauf wurde die Entrüstung erst richtig stark und am Tag des Spiels leuchteten Arenen anderer Städte regenbogenfarbig, große Städte hingen die Regenbogenfahnen an die Rathäuser, Politiker tadelten die UEFA. Das alles kostet ja nicht viel – außer Strom – und man hat das großartige Gefühl der Gute zu sein. Wenn man sich diesen Sturm der Empörung und die vielen wehenden Regenbogenfahnen ansieht und sich dann einmal an den Oktober des letzten Jahres erinnert, als ein fanatischer Islamist in Dresden das gemeinsame Leben eines schwulen Paares durch hinterhältige Messerstiche jäh zerstörte, wobei er den Einen ermordete und den Anderen schwer verletzte. Die darauffolgenden Erklärungen und kleinen Mahnwachen waren nur ein schwacher Wind gegen den jetzigen Empörungssturm, wo doch aber jetzt kein einziges Menschenleben verletzt oder gar vernichtet wurde! Wie ist das zu erklären? Welche verschiedenen Maßstäbe werden hier angelegt?

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Verstörend an dem Ausmaß dieser jetzigen Aktionen ist der Eindruck, dass die Deutschen sich wieder einmal moralisch über ein anderes Volk erheben, gemäß dem Motto „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Ich glaube nicht, dass das überall gut ankommt und es war auch ein Affront gegen den ungarischen Staatschef Orbán, der seine geplante Reise nach München daraufhin natürlich absagte. Nun könnte es ja sein, dass Westdeutsche und Ostdeutsche mit Ungarn völlig verschiedene Erfahrungen gemacht haben. Für mich als Jugendlicher war es 1956 erschütternd, die Nachrichten zu hören, wie der Versuch einer ungarischen Revolution durch sowjetische Panzer blutig niedergewalzt wurde. Auf späteren Reisen nach Ungarn in den sechziger und siebziger Jahren konnte ich in Budapest noch immer Einschussspuren an den Häusern sehen. In diesen Jahren hatte Budapest für uns aber auch einen Hauch von Westen und man hatte den Eindruck einer Weltstadt, was in Ost-Berlin überhaupt nicht der Fall war. Später, im Jahr 1989, nahm Ungarn in Kirchen und anderen Einrichtungen DDR-Bürger auf, die ihren ungeliebten Staat verlassen wollten. Im August und vor allem im September 1989 öffnete dann Ungarn die Grenze nach Österreich und Trabi-Kolonnen rollten mit glücklichen Insassen gen Wes-ten. Ich kann und will das nicht vergessen und allein schon deshalb stören mich diese übermäßigen Angriffe auf Ungarn.

Am Tag des Spieles verteilten dann Sympathisanten der LGBTI-Gemeinschaften vor der Arena reichlich Regenbogenfähnchen. Im Stadion selbst waren diese aber so gut wie gar nicht zu sehen, stattdessen schwenkten die Zuschauer, wie bei solchen Länderspielen üblich, die schwarz-rot-goldenen Fahnen. D. h., ganz stimmt das nicht, denn ein Flitzer rannte mit der Regenbogenfahne vor der ungarischen Mannschaft entlang, ausgerechnet während der Hymne! Im neuen deutschen Sprachgebrauch ein sogenannter Aktivist, keinesfalls zu verwechseln mit den Aktivisten der DDR, die sich durch Arbeit auszeichneten. Interessant dann die folgenden Sendungen der Tagesschau, wo die Verteilung der Regenbogenfähnchen, die dann im Stadion nicht zu sehen waren und die entsprechende Kommentare dazu einen beträchtlichen Teil der Sendezeit einnahmen.
Die deutsche Mannschaft zitterte sich durch das Spiel und erreichte am Schluss mit Glück noch ein Unentschieden, was sie vor der Blamage rettete, die sie bei der letzten Weltmeisterschaft in Russland 2018 erlebte, wo sie als letzte der Gruppe F schon in der Vorrunde blamabel ausschied. Jetzt ist sie im Achtelfinale und tritt gegen England an. Dort regiert aber der nächste „Bösewicht“, Boris Johnson, der den Brexit angezettelt und durchgesetzt hat! Das wäre doch eine gute Gelegenheit für etliche Bessermenschen-Organisationen Europafähnchen vor dem Wembley-Stadion zu verteilen und Torwart Manuel Neuer könnte zur Abwechslung dann eine blaue Europabinde mit 12 goldenen Sternen am Oberarm tragen, um die treulosen Briten zu beschämen.

Man darf mit Recht darauf gespannt sein, wie sich die protestierenden Verbände und Politiker vor und während der nächsten Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar verhalten werden. In Katar herrscht offiziell und politisch ein brutales islamistisches Männlichkeitsbild, das Frauen und Homosexuelle unterdrückt. Frauen dürfen z. B. nur mit der Erlaubnis des männlichen Vormunds heiraten und Homosexualität ist dort ein sehr schweres Verbrechen, das mit Gefängnis bestraft wird. Im Vergleich zu dem Regime in Katar erscheint Viktor Orbán geradezu als ein aufgeklärter, fast toleranter Zeitgenosse!

Doch noch einmal zurück zu dem ungarischen Gesetz. Homosexuelle werden in Ungarn staatlicherseits weder unterdrückt noch verfolgt. Den genauen Wortlaut des Gesetzes kennt kaum einer, da das Gesetz in der Presse nicht zitiert, sondern lediglich kommentiert wird. Es ist natürlich trotzdem möglich, dass Schwule, Lesben und Transsexuelle sich dadurch diskriminiert fühlen. Der Hauptaspekt dieses Gesetzes aber ist, soweit mir bekannt, die mögliche Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen in Fragen der sexuellen Aufklärung und ihrer sexuellen Identität in puncto Homo- oder Transsexualität. Auch hierzulande gibt es viele Eltern, die eben das in erster Linie als ihre eigene Aufgabe ansehen und nicht so sehr als Pflicht für Schulen und schon gar nicht als Frühaufklärung für Kindergärten. Sicher gibt es vorzügliche Pädagogen, denen man diese Themen anvertrauen kann. Vereinzelt gibt es auch Vereine, die sich dafür anbieten. Darunter sind aber auch welche, die Sexualaufklärung als eine ideologische Menschheitsverbesserungsaufgabe betrachten und dabei in Heranwachsenden Gedanken anstoßen, sie könnten eventuell im falschen Körper bzw. mit dem falschen Geschlecht leben. Dann kann es durchaus gefährlich werden, wenn schon Pubertierende meinen, jetzt ihr Geschlecht wechseln zu müssen. So berichten Mediziner aus den USA, Schweden und Deutschland, dass der Trend das Geschlecht zu ändern unter Heranwachsenden zugenommen hat. Hormontherapien und Operationen, wie z. B. die Entfernung der Brüste und der Eierstöcke werden gewünscht. In Schweden ist die Zahl junger Frauen, die ihr Geschlecht wechseln wollen in den vergangenen 10 Jahren sogar um sage und schreibe 1500 (!) Prozent gestiegen, berichtete der Deutschlandfunk im letzten Jahr. Nun sollte man doch aber nicht glauben, dass ein junger Mensch von 14, 15 oder 16 Jahren wirklich weiß, was er in den nächsten 60 Jahren möchte. Es könnte auch eine fixe Idee sein, die wenige Jahre später furchtbar bereut wird. Der Fall Keira Bell ist ein beredtes Beispiel dafür. Die 23-jährige klagte vor dem High Court in London gegen die Tavistock-Klinik, dass ihr durch Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone schwerer Schaden zugefügt worden sei, weil ihr diese als Teenager auf eigenen Wunsch verschrieben wurden. In einer seit langem erwarteten Entscheidung haben die Richter des High Court im Dezember letzten Jahres der Klägerin Recht gegeben. In der Urteilsbegründung heißt es u. a.: „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein 13-jähriges oder noch jüngeres Kind fähig wäre, der Verabreichung von Pubertätsblockern zuzustimmen“ und es sei „zweifelhaft, dass ein 14- oder 15-jähriges Kind die langfristigen Risiken und Konsequenzen der Gabe von Pubertätsblockern verstehen und einschätzen könne“. Nach dem Urteil sagte Keira Bell, dass es ihr bei der Klage darum gegangen wäre, verletzbare Kinder zu schützen und es freue sie, dass sich der gesunde Menschenverstand durchgesetzt habe.

Um Missdeutungen vorzubeugen: Hier wird nicht gegen Sexualaufklärung gesprochen. Aber man sollte immer kritisch prüfen, wer und mit welcher – eventuell ideologischen – Zielstellung aufklärt. Auch bei der Sexualaufklärung hat der alte Spruch des Paracelsus „die Dosis macht das Gift“ und nicht der Stoff an sich durchaus seine Berechtigung.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel
„Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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