Donnerstag, Juni 30, 2022
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Gedanken- & Spaziergänge im Park: Penny Black

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Vor 180 Jahren, am 1. Mai 1840 wurde in London die erste Briefmarke gedruckt. Diese Briefmarke war schwarz, zeigte das Porträt der Königin Victoria und hatte den Wert von einem Penny, weshalb sie „One Penny Black“ genannt wurde. Die Auflagenhöhe betrug über 60 Millionen Stück. Daher ist ihr Wert heute nicht so hoch, entwertet oder gestempelt vielleicht bei 2-300 €. Sie war aber nur etwa ein Jahr im Umlauf, denn sie wurde von „One Penny Red“ abgelöst, einer gleichgestalteten Marke, aber rot gedruckt. Von da an begann die Briefmarke ihren Siegeszug um die Welt. Natürlich gibt es viel wertvollere Marken als die One Penny Black. Da wären zum Beispiel die 1847 erschienene blaue und rote Mauritius oder die 9-Kreuzer-Marke aus Baden (1851), die statt rosa grünlich gedruckt wurde und die es durchaus auf etwa 1 Million € bringen können! Heute ist die Zahl der Briefmarken, die seitdem erschienen sind, wohl kaum noch zu ermessen. Bald gab es Sammler dieser neuen Spezialität, was dadurch belegt wird, dass es ab etwa 1860 Briefmarkenalben gab und schon 1861 wurde der erste Briefmarkenkatalog in England gedruckt.

In meiner Schulzeit, bald nach dem Krieg, sammelte fast jeder Briefmarken. Briefmarken hatten etwas von der großen, weiten Welt. Man sah darauf alle möglichen Staatsoberhäupter, fremdländische Bauwerke, andere Landschaften, historische Ereignisse oder berühmte Persönlichkeiten. Briefmarken trugen durchaus einen Teil zur Bildung der Kinder und Jugendlichen bei und regten manchen dazu an, sich intensiver mit einer Sache zu beschäftigen. Sie vermittelten uns Motive der Welt und der Geschichte, von denen wir damals nie erwarteten, diese einmal persönlich in Augenschein nehmen zu können. Ich erinnere mich noch an einen Tag in meiner Grundschulzeit, als wir über Großbritannien und seine Kolonien sprachen, dass ich eine englische Marke mit in den Unterricht nahm, auf der eine Weltkarte abgebildet war mit vielen roten Territorien, die das Commonwealth darstellten. Oder: anlässlich des Marianischen Jahres gab das Saarland 1954 drei Briefmarken mit verschiedenen Marienbildern heraus, eines davon war ein Ausschnitt der Sixtinischen Madonna, des Gemäldes von Rafael 1512. So lernten meine Freunde und ich dieses Bild schon kennen, als es noch in Moskau war; denn erst 1955 wurde das 1945 „beschlagnahmte“ Gemälde der DDR zurückgegeben. Philatelisten spezialisierten sich auf einzelne Länder oder auf spezielle Motive und es war ihr Stolz, möglichst vollständige Sammlungen zusammenzubringen. Ich halte es übrigens für eine Legende, dass die Sammlungen dazu dienten mit der Angebeteten intim zu werden, indem man sie fragte: „Kommst Du mit zu mir, meine Briefmarkensammlung anschauen?“ Jedenfalls kenne ich niemanden, der diese manchmal zitierte Methode jemals angewendet hätte.

Die Nachkriegszeit in Deutschland war ein wahres Eldorado für Briefmarkensammler. Zwischen 1945 und 1949 gab es eine Unmenge verschiedener Ausgaben: für die amerikanische und englische Besatzungszone und für West-Berlin; in der französischen Besatzungszone gab es Ausgaben für das Saargebiet, für Rheinland-Pfalz, Württemberg und für Baden. Noch reichhaltiger ging es in der sowjetischen Besatzungszone zu. Da gab es Marken für die Oberpostdirektion Berlin, Dresden-Ostsachsen, Leipzig-Westsachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Provinz Sachsen und Thüringen. Dazu gab es noch Varianten mit verschiedenen Aufdrucken. Es gab sogar Einheitssätze für ganz Deutschland, die aber nach der Währungsreform der Westzonen aufgegeben wurden. Mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 endete diese Kleinstaaterei der Briefmarken.

Die drei deutschen Kaiser nach 1871 ließen sich im Gegensatz zu den englischen Königinnen und Königen und anderen Staatsoberhäuptern nie auf Briefmarken darstellen. Mit der Gründung der ersten deutschen Republik 1919 wurde das anders: die Präsidenten der Republik Friedrich Ebert und später Paul von Hindenburg waren mit ihren Porträts auf den Dauerserien abgebildet. Nach Hindenburgs Tod setzte Hitler diese Tradition fort, wie zuerst auch die beiden deutschen Staaten nach 1949. In der Bundesrepublik gab es die Dauerserien mit den Konterfeis von Theodor Heuss, Heinrich Lübke und Gustav Heinemann. Erst mit der Präsidentschaft von Walter Scheel 1974 wurde mit dieser Sitte gebrochen. Auch die DDR folgte dieser Tradition und setzte das Bild ihres Präsidenten Wilhelm Pieck auf die Alltagsmarken. Nach seinem Tod 1960 ersetzte die Position des Staatsratsvorsitzenden das abgeschaffte Präsidentenamt und der erste Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht wurde mit seinem Bild auf die Dauerserie gebracht. Damals kursierte auch der Witz, dass ein Angestellter des Postministeriums zu seinem Minister kam und sagte, dass die neuen Ulbricht-Marken nicht kleben würden. Der Minister nahm eine Marke, feuchte sie mit seinem Speichel an und klebte sie auf ein Stück Papier und sagte: „Sie klebt doch!“ „Ja, so“, erwiderte der Angestellte, „aber die Leute spucken immer auf die andere Seite.“ Dieser Witz war eine Neuauflage, eine Variante des gleichen Witzes, den es zur Nazizeit schon gab. Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker setzte diesen Brauch nicht fort. Er erschien nur einmal 1972 auf einer Briefmarke, zusammen mit Breschnew anlässlich des 25. Jahrestages der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Der Vorschlag der Tageszeitung „Junge Welt“, 2012 anlässlich des 100. Geburtstages Honeckers eine Honecker-Marke drucken zu lassen, wurde von der Deutschen Post abgelehnt. Man fragt sich, wie man überhaupt auf solche Idee kommen konnte.

Briefmarken waren natürlich auch immer ein Mittel der politischen Propaganda, besonders in totalitären Staaten, aber nicht nur dort. So gab es zur Zeit des kalten Krieges auch eine Art Briefmarken-Krieg. Briefmarken der BRD, mit politischen oder sogenannten „revisionistischen“ Darstellungen wurden von der DDR-Post oft geschwärzt. Dazu gehörten Marken der Serie „deutsche Bauten aus zwölf Jahrhunderten“ (1964/65), bei der von den 23 Marken der Serie fünf Bauten dargestellt wurden, die sich in der DDR befanden, zwei im heutigen Polen und eine in der Sowjetunion (Königsberg). Immer geschwärzt wurden auch die Marken der BRD von 1953 zum Volksaufstand am 17. Juni in der DDR, die Kriegsgefangenenmarke von 1953 und die Marke „20 Jahre Vertreibung“ von 1965. Auch die kleine blaue 2-Pfennig-Zusatzmarke „Notopfer Berlin“, die von 1949-1956 Verwendung fand, erlitt manchmal das gleiche Schicksal der Unkenntlichmachung. Sowas machte die Sammler natürlich gerade scharf!

Für die DDR, die eine Unmenge von Briefmarken herausgab – mehr als 3000 verschiedene von 1949-1990 – war die Briefmarkenproduktion durchaus auch eine Möglichkeit der Devisenbeschaffung. Die künstliche Verknappung eines Produkts ist ein probates Mittel, um Begehrlichkeiten zu steigern – und den Preis. Das haben auch die Funktionäre der DDR gewusst und für Briefmarken den Sperrwert erfunden. So gab es bei allen Serien einen sogenannten Sperrwert, der im Vergleich zu den anderen Marken der Serie eine geringere Auflagenhöhe hatte. Sammler in der DDR bekamen diesen Sperrwert nur in ein oder zwei Exemplaren und das auch nur, wenn sie im Besitz eines Sammlerausweises waren. So erhoffte man sich davon die Einnahme von Westgeld bei westdeutschen Sammlern. Infolge ihrer Seltenheit wurden diese Marken kaum benutzt und sind daher gestempelt meist seltener. Wieviel das wirklich eingebracht hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Obwohl von allen Staaten immer noch Sondermarken gedruckt werden, hat man doch den Eindruck, dass deutlich weniger gesammelt wird. Wer vor vielen Jahren eine möglichst komplette Briefmarkensammlung als Kapitalanlage gedacht hatte, ist heute wahrscheinlich sehr enttäuscht. Die Nachfrage ist gering, der Preis niedrig. Das Interesse ist stark gesunken. Noch vor 30 – 40 Jahren gab es in fast jeder kleinen Stadt auch einen Briefmarkenhändler. Heute muss man sie selbst in großen Städten mit der Lupe suchen. Es gibt immer weniger Sammler. Laut einer Statistik hatte der Bund Deutscher Philatelisten 1996 ca. 53.000 Mitglieder, 2014 nur noch 39.000. Ganze Landesverbände, wie der in Sachsen und der in Sachsen-Anhalt haben sich in den letzten Jahren aufgelöst. Man kann durchaus annehmen, dass die Mitglieder dieser Vereine zumeist auch höheren Alters sind.

Woran mag das liegen? Dass die Menschen heute auf Erlebnisse durch Reisen und Veranstaltungen mehr Wert legen? Sich weniger zu Hause aufhalten und irgendwelche Sammlungen sortieren und sich daran erfreuen? Mehr Ablenkung durch Fernsehen und Internet haben, weniger beständig sind? Ich weiß es nicht. War der Briefmarkensammler vor einem halben Jahrhundert noch weit verbreitet und in fast jeder Familie vertreten – erscheint er vielen heute eher als antiquierter, seltsamer Kauz. Eigentlich schade. In Coronazeiten könnte man ja mal wieder die alten Alben hervorkramen. | Paul F. Gaudi

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