Freitag, September 30, 2022
Anzeige

Gedanken- & Spaziergänge im Park: Von Not und Kriegen

Anzeige

Folge uns

Paul F. Gaudi

Die Bundesregierung ist wieder einmal klüger als fast alle ihre europäischen Nachbarn. Während die meisten Länder sämtliche Corona-Maßnahmen beenden, zur Normalität zurückkehren und nicht mehr von einer Pandemie sprechen, beschließt unsere Regierung mit der Mehrheit der Abgeordneten der Ampelkoalition ab 1. Oktober wieder die Möglichkeiten verschärfter Maßnahmen! Und dass, obwohl laut neueren Untersuchungen ca. 90 Prozent aller Deutschen Antikörper gegen Corona gebildet haben, unabhängig von ihrem Impfstatus. Maskenpflicht in den Zügen, aber nicht in Flugzeugen – höchst seltsam. Und nicht mehr die OP-Maske, die bisher ausreichend war, sondern jetzt die teurere FFP2-Maske. Bei Bedarf natürlich auch wieder die üblichen 3G-Regeln für Veranstaltungen. Noch eigentümlicher: der 1,5-Meter-Abstand bei Versammlungen im Freien. Ein Schelm, wer dabei an die jetzt wachsende Demonstrationsbereitschaft denkt! Die ist durch unsere tatsächlichen Probleme verursacht, zu denen die sich weiter abschwächende Pandemie – die Infektionslage verdient eigentlich diese Bezeichnung nicht mehr – nicht gehört. Was die Bevölkerung drückt, das ist die Inflation und die rapide ansteigenden Preise. Durch die Sanktionen infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine hat sich das Ganze noch um ein Vielfaches verstärkt. Aber, zur Erinnerung, angefangen hat die Inflation schon vor diesem Krieg zu Beginn des Jahres, als die Steuern auf Energie und Kraftstoffe, unter anderem auch durch die Steigerung der CO2-Bepreisung, deutlich angehoben wurden. Das erhöhte sämtliche Herstellungs- und Transportkosten und damit natürlich auch den Endpreis für den Verbraucher. Die Bundesregierung versuchte nun durch allerlei „Geldgeschenke“ an verschiedene Bevölkerungsgruppen dagegen zu steuern und verspricht immer „breitere Rettungsschirme“ (Originalton Habeck). Die letzten Geschenke, 9-Euro-Ticket und Tankrabatt sind beendet. Ob es wirklich Erfolgsmodelle waren ist zweifelhaft. Durch das 9-Euro-Ticket hat z. B. die Straßenbahn enorme Verluste eingefahren. 9 Euro reichen in Magdeburg sonst nur für drei Fahrten! D. h. mit anderen Worten, dass der Staat Milliarden für den Umsatzausfall an die von den Beschlüssen völlig überforderte Bahn und an die Verkehrsverbünde zahlen muss. Und von wem stammen diese Milliarden? Natürlich vom Steuerzahler! D. h., was in die eine Tasche gesteckt wird, wird aus der anderen Tasche des Verbrauchers wieder genommen. Geschenke sehen anders aus. Auch den Tankrabatt hätte man sich sparen können, wenn man die Mehrwertsteuer auf Energie, Gas und Kraftstoffe von 19 Prozent auf 7 Prozent gesenkt und auf die rein ideologisch begründete CO2-Bepreisung verzichtet hätte. Aber die Teuerung kann dem Finanzminister ganz recht sein, denn umso teurer die Ware ist, desto höher ist auch der Betrag der Mehrwertsteuer für den Staat.

Der blutige Krieg zwischen Russland und der Ukraine zog einen Handelskrieg mit wechselseitigen Sanktionen zwischen Russland und der EU nach sich. Diese Sanktionen haben die Inflation steil nach oben getrieben. Verhandlungen zwischen den beiden Parteien finden nicht statt, jedenfalls hört man nichts davon. „Als die Trauerfeier für Gorbatschow war, kam als einziger Staatschef der EU der ungarische Ministerpräsident Orbán nach Moskau“, sagte Gerd und fügte hinzu: „Warum sind nicht auch die anderen europäischen Regierungschefs aus diesem Anlass nach Moskau gereist? Vorausgesetzt, man hätte sie reingelassen. Vielleicht hätten sich doch Gelegenheiten für diplomatische Gespräche ergeben. Ganz abgesehen davon, dass man es Gorbatschow schuldig gewesen wäre.“ „Das ist wohl eine deiner Illusionen. Aber du hast recht, den Versuch wäre es wert gewesen. Und wenn man sie nicht hereingelassen hätte, hätte Putin den schwarzen Peter gehabt. Aber uns speist man mit ein paar Almosen ab, die die Inflation nicht im Geringsten ausgleichen können. Und außerdem bekommen wir noch tolle Ratschläge wie wir Energie sparen könnten. Zum Beispiel durch kalt duschen und den Gebrauch eines Waschlappens!“ „Ja, diese Ratschläge sind lächerlich. Besonders wenn man bedenkt, dass die Regierung mit den Kohlekraftwerken zögerlich ist und den Entschluss scheut, die verbliebenen drei Atomkraftwerke mit voller Leistung laufen zu lassen. Das niedersächsische AKW wollen sie nicht einmal in die Reserve einbeziehen.“ „Das liegt wohl daran, dass im Oktober in Niedersachsen Landtagswahlen sind und Herr Habeck seine grünen Wähler nicht verprellen will.“ „Ich bin gespannt“, sagte Gerd, „ob wir auch wieder einen Eintopfsonntag oder gar so eine Art Winterhilfswerk bekommen. Denn das dicke Ende kommt erst noch.“

Und damit waren wir bei unseren Erinnerungen an das Kriegsende 1945, denn das waren zwei Begriffe, die wir aus dem Krieg kannten, den wir als Vorschulkinder erlebten. Gerd und ich sind gleichalt und Nachbarskinder. Wir hatten Glück, dass wir in Schönebeck aufwuchsen, denn Schönebeck wurde von den Zerstörungen verschont, obwohl es hier ein Sprengstoffwerk und eine Patronenfabrik gab. Wir erinnerten uns an die Einquartierungen von Flüchtlingen aus dem Rheinland im Spätherbst 1944, als dort schon die Amerikaner waren und an so manche Nacht, die wir wegen des Fliegeralarms im Keller verbrachten. Und ich erinnerte mich, wie nach der Entwarnung am 16. Januar 1945 meine Mutter mit mir auf die Straße ging und mir mit den Worten „da hinten brennt Magdeburg“ den roten Nachthimmel zeigte. Am übernächsten Tag kam die ausgebombte Freundin meiner Eltern aus Magdeburg mit ihren drei Söhnen und wurde auch bei uns aufgenommen. Wir erinnerten uns, wie wir mit Handwagen auf die Frohser Berge zogen und Bruchholz und Kienäpfel zum Heizen sammelten. Dort lag ein abgeschossener amerikanischer Bomber. Oder wie die Großen mit Reagenzgläsern aus Stearinplatten selber Kerzen herstellten, denn Stromsperren waren Normalität. Zu Ostern wurden Gerd und ich eingeschult. Ostern war 1945 am 1. April. Auf dem Schulhof standen die älteren Schüler in braunen Jungvolkhemden und wir wurden noch auf den „Endsieg“ eingeschworen. Unterricht fand aber nicht mehr statt. Stattdessen wurden auf einigen Straßen Panzersperren gegraben. Wir wohnten in der Bahnhofstraße und uns gegenüber war das Gleis für den Zug nach Blumenberg, der im Volksmund „Orientexpress“ genannt wurde. Wir Kinder bettelten immer den Lokführer um Kohlen an und manchmal warf er auch eine Schippe Briketts über den Zaun. Am 11. April erschienen die Amerikaner in Schönebeck. Aus den Schlitzen unserer Kellerfenster schauten wir zu, wie amerikanische Soldaten Waggon für Waggon des leeren Zuges „eroberten“. Vereinzelt sah man weiße Fahnen an den Häusern. Gerd wohnte im Nachbarhaus, ein Eckhaus. Im Erker der zweiten Etage platzierten sich amerikanische Soldaten mit einem Maschinengewehr und nutzten den Erker als Beobachtungspunkt. Und so kam Gerd zu seinen ersten Kaugummis und sogar auch zu Schokolade! Ich habe ihn damals sehr beneidet. Irgendwann zogen die Amerikaner ab und am 1. Juli zog die Rote Armee ein. Ein ruhmreicher Anblick war das nicht, teilweise kamen sie mit Pferdegespannen. Auffällig war allerdings die große Zahl von roten Fahnen an den Fenstern, denen man noch ansah, dass es vorher Hakenkreuzfahnen gewesen waren, denn der weiß-schwarze Mittelkreis wurde durch einen runden roten Flicken überdeckt! Am 1. September wurden Gerd und ich dann zum zweiten Mal eingeschult – diesmal antifaschistisch. Es hat immerhin den Vorteil, dass wir zweimal eine Zuckertüte bekamen, die natürlich einen Vergleich mit den heutigen nicht bestehen könnte. Und doch hatten die Mütter mit viel Liebe etwas hineingetan. Ein Junge aus Ostpreußen hatte in seiner Tüte einige Kartoffeln, die er allein essen durfte. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder und Enkel eine ähnliche Not nicht wieder erleben müssen. Irgendwann Anfang Mai kam mein Vater wieder aus dem Krieg zurück. Ich hatte ihn bis dahin nur sehr selten gesehen und da war er ein gutaussehender Offizier gewesen. In den letzten Kriegstagen muss er irgendwo nördlich der Elbe bei Wittenberg gewesen sein. Leicht verwundet war er mit anderen Kameraden auf einem russischen Lastwagen. Bei passender Gelegenheit ergriffen sie die Flucht und liefen westwärts. Er schwamm bei Wittenberg über die Elbe, tauschte seine Uniform mit einer Vogelscheuche und marschierte in den Nächten heimwärts. An einem Morgen gegen 7 Uhr früh klingelte er zerlumpt, abgerissen und erschöpft an unserer Tür. Ich machte auf und lief mit den Worten „Mama, Mama, da steht ein fremder Mann!“ erschrocken zu meiner Mutter.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

WEITERE

Magische Lichterwelt

Mit Didine auf neuem Kurs

Grüße aus Fernost

Magdeburg
Mäßig bewölkt
10.6 ° C
11.6 °
10.6 °
74 %
2.2kmh
38 %
Fr
10 °
Sa
14 °
So
15 °
Mo
16 °
Di
19 °

E-Paper