Gedanken- & Spaziergänge im Park: Von Wölfen und Mohren

Hast Du letzte Woche in der ,Volksstimme’ die Titelseite gelesen, auf der vom Wolfsland Sachsen-Anhalt geschrieben wurde? Ist das nicht schrecklich? Schon in diesem ersten Halbjahr 213 Wolfsrisse, das sind fast so viel wie im ganzen Jahr 2019“, ereiferte sich Gerd bei unserem letzten Spaziergang, „bin gespannt, wann wir diesem Viehzeug hier auf dem Rotehorn begegnen.“ „Ja, der Beruf des Schäfers wird wohl hierzulande aussterben. Dabei wollte ich dem Rat der Stadt gerade vorschlagen, hier auf unserer Insel auch von Zeit zu Zeit mal eine Schafherde grasen zu lassen. Wäre doch ein schöner Anblick, auch für die Kinder.“ „Das lass‘ bitte bleiben, das würde die Raubtiere ja nur anziehen. Wenn ich noch an die schönfärberischen Begriffe von vor ein paar Jahren denke, wie z. B. ,Wolfserwartungsland’, dann wird mir heute noch schlecht!“

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Nach kurzer Pause fuhr er nachdenklich fort: „Weißt Du, manchmal habe ich den leisen Verdacht, dass unsere Wolfsliebhaber von Rechtsextremisten unterwandert sind.“ Ich lachte laut und fragte: „Wie kommst Du denn auf so was? Bist Du etwa ein Verschwörungstheoretiker geworden?“ „Lass bitte dieses dämliche Wort beiseite, das gegenwärtig inflationär gebraucht wird, um Zweifler und Kritiker erst lächerlich und dann mundtot zu machen! Nein, aber ich las in der Volksstimme Anfang Mai über ein Buch mit dem Titel: Tiere im Nationalsozialismus.“ „Wahrlich ein Buch, auf das die Welt sehnsüchtig gewartet hat“, unterbrach ich Gerd. „Nun, das weiß ich nicht. Aber dort steht, dass Hitler sich eine Jugend wünschte, die wie „freie, wilde Raubtiere“ sein sollten, dass seine Schäferhunde Wolf hießen und dass er sich im vertrauten Kreise auch Wolf nennen ließ. Sein zeitweiliges Hauptquartier hieß Wolfsschanze! Und eine rechtsextreme türkische Gruppierung nennt sich ebenfalls „Graue Wölfe“. Meinst Du nicht, dass diese eigentlich unverständliche Liebe zu Wölfen auf eine unterschwellig vorhandene aggressive Neigung schließen lässt?“ Ich lächelte und ergänzte: „Und wenn man dabei noch bedenkt, dass die meisten Opfer dieser Brutalos friedlich grasende und vor allem rein vegan lebende Wesen sind, dann ist fast unverständlich, dass gerade die Grünen samt der Umweltministerin so eifrige Gönner der wachsenden Wolfsrudel sind.“ Jedenfalls waren wir uns einig, dass die Jäger den Wölfen gegenüber freie Hand haben sollten. Das würde viel Geld für Schutzmaßnahmen, Schadenersatz und Kompetenzzentren sparen.

In dem genannten Buch wurde auch erwähnt, dass Seidenraupen und Kartoffelkäfer im Schulunterricht als rassehygienische Paradebeispiele für nützliche und schädliche Tiere dienen konnten. Bei diesem Stichwort fiel uns ein, dass wir in der DDR zu Beginn der fünfziger Jahre als Schulkinder zum Sammeln von Kartoffelkäfern auf die Äcker mussten. Uns wurde erzählt, dass die Amerikaner diese Käfer mit Flugzeugen ausgestreut hätten um unsere junge Republik zu schädigen. So stand es auch in den Zeitungen und der Käfer wurde „Amikäfer“ genannt. Bertolt Brecht griff dieses Wort auf und schrieb ein Gedicht „Die Ammiflieger“, in dem es am Schluss heißt: „Die Ammikäfer fliegen/ silbrig im Himmelszelt/ Kartoffelkäfer liegen/ in deutschem Feld.“ Ob das wirklich sein Ernst war? Oder heimliche Ironie? Das Volk jedenfalls erweiterte diese Behauptung um einen Witz: Die sowjetische Besatzungsmacht hatte damals auf weiten Strecken das zweite Gleis der Reichsbahn demontiert und als Reparationen in die SU bringen lassen. Der Volksmund spottete nun, dass das zweite Gleis von „Rostkäfern“ aufgefressen sei, die die Amis abgeworfen hätten.

Auf dem Rückweg sahen wir von fern die Türme unseres wundervollen Domes St. Mauritius und St. Katharina. Und bei dem Wort Mauritius fiel uns ein, dass der „Antimohrismus“ nun auch in Magdeburg angekommen ist – nämlich mit dem Kampf gegen den Namen „Mohren-Apotheke“, einer Apotheke in Stadtfeld. Wir waren uns schnell einig, dass dieser Protest weniger ein Zeichen des Antirassismus ist, sondern eher von mangelndem Wissen zeugt. Was das mit Mauritius zu tun hat? Nun, im Dom steht im hohen Chor der Hl. Mauritius und ist als Schwarzafrikaner, früher umgangssprachlich „Mohr“, dargestellt. Diese Plastik entstand etwa 1240 und zeigt Mauritius erstmals als Afrikaner, in früheren Bildnissen war er ein Weißer. Seither wurde er mal weiß mal schwarz dargestellt. Mauritius – als deutscher Vorname Moritz – war im römischen Reich zu Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. der Chef der Thebaischen Legion, die aus Theben in Oberägypten stammte und überwiegend aus Christen bestand. Diese Legion nahm um 290 im Gebiet der heutigen Westschweiz unter Kaiser Maximian an der Niederschlagung eines gallischen Aufstandes teil. Allerdings verweigerten sie als Christen die Teilnahme an einer römischen Götterverehrung und der Kaiser befahl die Hinrichtung jedes Zehnten, auch die des Mauritius und seiner Offiziere. Als unbeugsamer Bekenner seines Glaubens wurde er bald als Heiliger verehrt. Unser Magdeburger Bildhauer dachte sich vermutlich: Theben liegt in Afrika, folglich gab er ihm das Aussehen eines Schwarzafrikaners. Das muss natürlich nicht stimmen, genauso gut könnte er aus einer römischen oder ägyptischen Familie stammen. Sein Name spricht eher dafür, dass er vielleicht aus der römischen Provinz Mauretanien stammt, einem Gebiet in Nordafrika, dass etwa der heutigen Küstenregion Marokkos, Algeriens und Tunesiens entspricht. Die dortige Bevölkerung wurde früher nach dem Gebiet „Mauren“ genannt und daher kommt das deutsche Wort Mohr. Die Mauren waren also keine Schwarzafrikaner, sondern eher Nordafrikaner, Berber und Araber.

Das Stück Othello von Shakespeare, 1604 uraufgeführt, hat den englischen Titel „Othello, the Moore of Venice“ und das englische „Moore“ bedeutet zu Deutsch der „Maure“. Das passt geschichtlich auch gut, denn die Mauren (im Spätmittelalter manchmal Sarazenen genannt) waren begnadete, aber auch gefürchtete Seefahrer, die das gesamte Mittelmeer und auch den östlichen Atlantik bis zur nordfranzösischen Küste unsicher machten.
Aber was haben die Mauren (Mohren) nun mit Apotheken zu tun? Dafür gibt es mehrere Gründe: Im Zuge der arabisch-islamischen Expansion wurden in Südspanien arabische Reiche gegründet, die bis in das 15. Jahrhundert bestanden. Die Mauren brachten aus dem Orient reiches medizinisches Wissen nach Europa. Das mag ein Grund sein. Der andere ist, dass die Schutzheiligen der Apotheker die Brüder Kosmas und Damian sind. Sie sollen erfolgreiche Ärzte gewesen sein, entstammtem einer reichen arabischen Familie, waren also nach damaligem Sprachgebrauch Mauren, volkstümlich Mohren. Ein dritter Grund war der Afrikaner unter den heiligen 3 Königen, der dem Jesuskind die Myrrhe, auch eine Heilpflanze, überbrachte. Daher also die Namenswahl der Mohrenapotheken, immer positiv gemeint.

Anders liegen die Dinge bei Mauritius. Er war seit Kaiser Otto I. einer der wichtigsten Heiligen des Kaiserreiches. Die Mauritiuslanze gehörte zu den Reichsinsignien. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch als „Mohr“ in einigen Stadtwappen erscheint, z. B. in dem Wappen von Coburg. Interessant, dass dieses spätmittelalterliche Stadtwappen, das den Kopf des Heiligen Mauritius als Mohren darstellt, am 30. April 1934 von den Nazis durch ein Wappen mit einem SA-Dolch samt Hakenkreuz im Knauf ersetzt wurde! Ob die „Antimohristen“ wissen, in welcher braunen Traditionslinie sie sich eigentlich befinden? In näherer Umgebung finden wir übrigens auch die Mauritius-Mohren in den Wappen von Aken, Förderstedt oder Sandau, was auf eine frühere Abhängigkeit vom Erzstift Magdeburg hindeutet.

Kann sich jemand vorstellen, dass sich eine Apotheke einen Namen gibt oder eine Stadt sich ein Wappenbild wählt, das eine negative oder abwertende Bedeutung hat? Nein, im Gegenteil – es soll immer ehrenvoll wirken, so auch der “Mohr“. Wer das abschaffen will, verleugnet die positive Bedeutung dieses Symbols und verkehrt sie in das Negative. Das ist wahre Diskriminierung!

Zum Abschied sagte Gerd noch überraschend: „Corona hat aber auch was Gutes.“ „Nanu, was denn?“ „In diesem Sommer ist der Domplatz frei!“ Wo er recht hat, hat er recht. | Paul F. Gaudi

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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