Dienstag, Juli 5, 2022
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Gedanken- & Spaziergänge im Park: Wirrungen

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Ein Nachtrag wäre noch zu geben zu den denkwürdigen Ereignissen vor 30 Jahren. Am ersten Weihnachtstag 1989 fand im Schauspielhaus Berlin unter der Stabführung von Leonhard Bernstein eine denkwürdige Aufführung der Neunten Symphonie von Beethoven statt.

Das besonders bemerkenswerte daran war, dass der Text geringfügig, aber bedeutsam geändert wurde: es wurde nicht „Freude“, sondern „Freiheit schöner Götterfunken“ gesungen. Es war eine Ode an die Freiheit. Mir erschien das damals sehr sinnvoll und berührte mich zutiefst. Doch schon vor 200 Jahren meinte das auch Gustav v. Schlabrendorf (1750-1826), der von 1785 bis zu seinem Tode in Paris lebte. Er galt seinen Zeitgenossen als ein „Weltweiser“ und alle großen Geister dieser Zeit besuchten ihn und suchten das Gespräch mit ihm. Er soll zu dem 1784 erschienenen Gedicht von Schiller gesagt haben: „hieße es an die Freiheit, dann wäre es wenigstens noch zu verstehen. Denn was macht den Bettler zu einem Bruder eines Fürsten? Die Freude doch nicht. Nur die Freiheit!“

Nachträglich muss ich mich korrigieren. In der letzten Kolumne vom 10. Dezember schrieb ich über die Klimakonferenz von Madrid und mutmaßte, dass wohl jede Delegation aus etwa fünf bis zehn Mitgliedern bestehen würde. Ein Irrtum! Insgesamt nahmen etwa 26.000 Menschen an dieser Konferenz teil, Regierungsangehörige und ihre Mitarbeiter, Journalisten, Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen. Deutschland schickte allein 102 Delegierte, die Elfenbeinküste sage und schreibe 342. Mangels Ergebnissen wurde die Konferenz verlängert. Was kam dabei raus? Nichts oder viel Geschrei und wenig Wolle. Man müsste einmal ausrechnen, was sie gekostet hat und welchen „ökologischen Fußabdruck“ diese Massenveranstaltung hinterließ. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ hatte das Umweltministerium berechnet, wieviel CO₂-Emissionen durch Anreise und Unterbringung bei der Klimakonferenz 2017 in Bonn zusammengekommen waren: rund 50.000 Tonnen. Das entspricht fast der Jahresemission einer deutschen Kleinstadt. Madrid dürfte das übertroffen haben.

Interessant bei den Berichten über Madrid ist, dass niemand auf eine der wichtigsten Hauptursachen des menschlichen Anteils des Klimawandels eingeht: die rapide Zunahme der Weltbevölkerung. Alle Menschen wollen wohnen, essen, arbeiten, immer etwas mehr Teilhabe an Wohlstand haben. Sie benötigen mehr Landschaft, Ressourcen und Energie, produzieren wachsenden Abfall und CO2. Über die Menschheitsvermehrung redet keiner. Es ist, wie eine englische Redensart sagt, der Elefant im Wohnzimmer: Jeder sieht ihn, aber alle tun so, als ob er nicht da wäre. Das ist natürlich kein Wunder, denn niemand der Klimaretter und  – gendergerecht – Klimaretterinnen kennt ein Mittel, um das rasante Bevölkerungswachstum zu stoppen oder gar zu reduzieren. Also wird an lauter kleinen Stellschrauben ohne Erfolge weitergedreht.

Die neue Chefin der Europakommission, Frau von der Leyen, verkündete einen „Green Deal“ zur Klimarettung und verglich die Größe ihres Vorhabens für die Menschheit mit der Größe der Mondexpedition. Vielleicht hat sie Recht. Denn wenn man einmal von dem Gewinn für die Raketentechnologie einschließlich der entsprechenden Computertechnik und die Mondfahrzeuge absieht – was haben die Mondexpeditionen für die Menschheit außer sehr beeindruckenden Bildern gebracht? Immense Kos-ten. Insofern ist der Vergleich, den die Kommissionschefin da führte, eher peinlich und lässt bei mir keine Hoffnungen aufkommen.

Das Europaparlament folgte der Chefin prompt und rief am 28. November den „Klimanotstand“ für Europa aus – ein demonstrativer Symbolismus ohne praktische Konsequenz. Vielleicht sollten sie einmal nach China oder Indien schauen. Ein Notstand erfordert Notstandsmaßnahmen und Notstandsmaßnahmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie geltende Gesetze und geltendes Recht einengen oder sogar zeitweilig aufheben. Immerhin stimmten zwei Drittel der Abgeordneten dafür. Man fragt sich, was sich die Herrschaften dabei gedacht hatten. Überboten wurde die Narretei lediglich vom Dresdner Stadtparlament, dass auf Antrag des Herrn Aschenbach von der Satire-Partei einen „Nazinotstand“ proklamierte. Auch dieser dann umformulierte Antrag, der grundfalsch ist und die Stadt samt ihren Einwohnern zu Unrecht diskriminiert, bekam eine Mehrheit. Da fragt man sich wirklich, von wem man regiert wird und ob man – ohne es zu wissen – vielleicht Passagier auf einem Narrenschiff ist.

Dazu passt auch, dass Claudia Roth einen Pass für „Klimaflüchtlinge“ schaffen möchte. Abgesehen davon, dass man vor Klima nicht flüchten kann, weil Klima überall ist, könnten ihn jetzt Australier beantragen. Doch die meinte Frau Roth wohl nicht, sondern eher Afrikaner. Die leiden jedoch nicht am Klima, sondern an korrupten Eliten, die erwirtschaftetes Vermögen und Gelder der Entwicklungshilfe einsacken, an Terroristen, Kriegen und an Misswirtschaft. Bestes Beispiel dafür ist Simbabwe: Als es noch Rhodesien hieß und eine englische Kolonie war, galt es als Kornkammer Afrikas. Aber unter dem Diktator Mugabe und seiner Enteignungspolitik wurde es ein Armenhaus mit einer Arbeitslosenrate von über 80 Prozent.

Da ich gerade in Gedanken bei Afrika und seinen meist dunkelhäutigen Bewohnern bin, fällt mir der Tag der heiligen drei Könige ein, die allerdings laut Bibel Weise gewesen waren. Vielleicht auch Astronomen bzw. Astrologen, das war damals fast das gleiche. Auf den diesjährigen Sternsinger-Bildern in Presse oder TV, die als die heiligen drei Könige verkleidet um Spenden baten, findet sich keiner, dessen Gesicht wie vor Jahren noch dunkelbraun geschminkt war. Spätestens seit dem 14. Jahrhundert bestand nämlich die Tradition, dass einer der Könige oder Weisen dunkelhäutig, also ein Afrikaner gewesen sein sollte. Nun bezeichnen aber politisch Überkorrekte das sich braun oder schwarz Schminken in ihrem Denglisch als „black-facing“ und halten es für rassistisch und diskriminierend. Geht’s noch? Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Durch das angeblich politisch korrekte Verbot, einen der Sternsinger als Afrikaner zu verkleiden und zu schminken, schließt man Schwarzafrikaner aus der Gemeinschaft der drei Weisen aus. Das ist Rassismus und nicht das Schminken eines Kindes als Afrikaner. Aber wie sagte schon Karl Kraus? „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gelungen.“

Zurück zum Klima: Mein Freund Gert ist sehr interessiert an Aufklebern, die tausendfach Masten und Wände unserer künftigen Kulturhauptstadt verunzieren. Einer von der Bewegung Friday for Future gefiel ihm besonders. „Make Love, not CO2“ steht auf ihm. Er zeigte ihn mir und sagte, das „make love“ wie auch das französische „faire d’amour“ Liebe machen bedeute, also alle Formen des Liebesspiels, einschließlich des Geschlechtsverkehrs. Ich bemerkte, dass mir das bekannt sei, aber er dozierte weiter: Offenbar hat der Verfasser die Parole von den Hippies abgeschaut, die um 1967 „make love, not war“ forderten. Dieser Spruch habe noch Sinn gegeben, denn es sei wahrhaftig unendlich viel besser, Liebe zu machen als jemanden totzuschießen. Aber Liebe statt Kohlendioxid zu machen – das gehe gar nicht. Denn schließlich stoßen wir bei jedem Ausatmen CO2 aus – im Jahr sogar im Durchschnitt eine Tonne pro Mensch! Wer also kein CO2 produzieren will, der darf nicht atmen und wer nicht atmet, kann keine Liebe mehr machen. Dazu kommt auch noch, dass der Mensch beim Liebesspiel gemeinhin sehr erregt ist – und wer erregt ist, atmet schneller und stößt noch mehr Kohlendioxid aus. Aber, so schloss Gert seinen Vortrag, es könnte ja sein, dass solche Verfasser lieber demonstrieren, als im Biologieunterricht etwas über Gasaustausch in der Lunge zu erfahren. Wer weiß das schon? |Paul F. Gaudi

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