Freitag, September 30, 2022
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Begriffe und Worte

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Nun hat also die Documenta in Kassel auch ihren handfesten Skandal. Vordergründig dafür verantwortlich ist das „Kollektiv“ der Künstlerinnen und Künstler aus Indonesien. Auf einem etwa 10 mal 10 Meter großen Riesenschinken mit dem Titel „People’s Justice“ fanden sich einige antijüdische und antiisraelische Sujets. Sehr bald kam es dann zu dem Vorwurf des „Antisemitismus“ und das Werk musste abgehängt werden. An sich wäre dieses Kunstwerk nicht der Rede wert, es erinnert mich an die Agitprop-Machwerke aus der Zeit des Stalinismus. Neu war es auch nicht, denn es wurde schon vor 20 Jahren in Sydney und danach auch in anderen Ausstellungen gezeigt. Ohne die antisemitischen Details wäre es wohl von den Kunstkritikern hochgejubelt worden. So aber wurde es verdammt, auch von unserer Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Allerdings hätte sie gewarnt sein können, denn schon im Vorfeld der Documenta gab es Vorwürfe darüber, dass keine jüdischen Künstler auf ihr vertreten seien. Aber zu diesem Zeitpunkt war Frau Roth noch ganz anderer Meinung. Da sagte sie nämlich: „Das wird eine neue, sehr provokative, auflösende Form von Kunst und Kultur sein.“ Man könne sich auf eine „produktive Debatte“ freuen. „Ich bin auf die Konfrontation gespannt.“ Nun, diese Freude scheint ihr gründlich vergangen zu sein.

Diese Debatte löste die Diskussionen über judenfeindliche Darstellungen an Kirchen ab, wie die an der Stadtkirche zu Wittenberg. Die „Judensau“ von Wittenberg wurde Gegenstand eines Prozesses und dadurch weltbekannt. Ich war zwischen 1950 und 1980 zweimal in Wittenberg und habe sie nie gesehen. Sie befindet sich an einer Ecke der Kirche in vier Meter Höhe und ist für den Vorübergehenden leicht zu übersehen. Jetzt natürlich nicht mehr, nachdem so viel darüber geschrieben, geredet und durch alle Instanzen prozessiert wurde. Übrigens gibt es in mehr als einem Dutzend Kirchen in Deutschland die Juden diskriminierende Darstellung, in Europa an die 50! Auch im Magdeburger Dom findet sich in einem Fries in der Ernstkapelle eine solche antijüdische Thematik. Eine katholische Instanz teilte mit, dass das hierzulande keine katholischen Kirchen beträfe. Dazu wäre nur zu bemerken, dass alle diese Darstellungen in der Zeit vom 13. bis etwa zum Ende des 15. Jahrhunderts entstanden. Zu dieser Zeit gab es hierzulande ausschließlich katholische Kirchen, da die Reformation noch bevorstand. Geklagt gegen diese obszöne und judenfeindliche Darstellung hat übrigens nicht eine jüdische Gemeinde oder der Zentralrat der Juden in Deutschland, sondern Michael Düllmann, der erst mit 45 Jahren zum Judentum übertrat. 1968, da war er noch evangelisch und studierte Theologie, machte der damals 25-Jährige schon von sich reden. Er ließ sich, mit einer Axt bewaffnet, in einer Wolfenbütteler Kirche einschließen und zerschlug vier Tafeln, auf denen der gefallenen Weltkriegssoldaten gedacht wurde.

Im Zuge dieser Prozesse fällt immer wieder der Begriff Antisemitismus. Es gibt verschiedene Bezeichnungen, wobei „Antisemitismus“ allgemeiner ist als die Begriffe Judenfeindlichkeit, Judenhass, antijüdisch oder israelfeindlichkeit. Die letzteren sind ganz konkret gegen die Juden, bzw. gegen den Staat Israel gerichtet. Der Begriff Antisemitismus ist eigentlich unscharf und vielleicht sogar falsch. Der Begriff „Semiten“ hat seinen Ursprung im Alten Testament. Dort wird die Abstammung Abrahams auf Sem, einen der Söhne Noahs zurückgeführt. Als Semiten werden alle Völker bezeichnet, die eine semitische Sprache sprechen. Eine große Anzahl von Völkern am östlichen und südlichen Mittelmeerraum sprechen semitische Sprachen, nicht nur die Israelis. Semitische Sprachen sind außer Hebräisch auch Arabisch in allen Varianten von Tunis über Ägypten bis zum Irak, die neuaramäischen Sprachen und eine Reihe von in Äthiopien und Eritrea gesprochene Sprachen wie Amharisch und Tigrinya. Somit erscheint es eigentlich widersinnig, wenn man z. B. einem judenfeindlichen Araber oder Palästinenser vorwerfen würde, dass er Antisemit sei, da er doch selber eine semitische Sprache spricht, also ein Semit ist. Woher kommt dieser Begriff eigentlich? Erfunden wurde dieser Begriff des „Antisemiten“ von dem Journalis-ten und gebürtigen Magdeburger Wilhelm Marr (1819 – 1904), der 1879 eine Propagandaschrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanen-thum“ herausgab. Davor war Marr ein radikaler Linker, zeitweilig auch Anarchist. 1848 wurde er als Deputierter der radikal-demokratischen Partei in die Nationalversammlung nach Frankfurt am Main entsandt. Er war viermal verheiratet, wobei es erstaunlich ist, dass die ersten drei Ehefrauen jüdischen Familien entstammten. 1879 gründete er in Berlin die „Antisemiten-Liga“, die aber als Organisation nur bis Ende 1880 bestand. Ihr judenfeindliches Gedankengut blieb leider weiter lebendig. Es gab allerdings 1860 noch einen früheren Gebrauch des Adjektivs „antisemitisch“. Es war der österreichisch-preußische und jüdische Bibliograf und Orientalist Moritz Steinschneider (1816 – 1907), der in einer Auseinandersetzung mit dem französischen Orientalisten und Sprachforscher Renan dieses Adjektiv 1860 gebrauchte. Man kann sich fragen, ob in Bezug auf Judenfeindschaft und den Hass auf alle Juden dieser noch dazu von dem Judenfeind Marr geschaffene Begriff, der eigentlich alle Angehörigen der semitischen Völker betrifft, wirklich zutreffend und angebracht ist. Eigentlich verschleiert er die Inhalte Hass und Feindschaft auf Juden und Israel.
Nun noch zu einem ganz anderen Begriff, der in letzter Zeit in der Presse und den Nachrichten zu hören und zu lesen war: Das höchste Gericht der USA, der Supreme Court, kippte das Recht auf Abtreibung und im Bundestag wurde, laut Tagesschau vom 24. Juni, „das Werbeverbot für Abtreibungen abgeschafft“. Für Gerd und mich als gelernte DDR-Bürger ist es ein Graus, wenn der Schwangerschaftsabbruch, medizinisch Abruptio, einer Abtreibung gleichgesetzt wird. Die Abtreibung galt und gilt immer noch als ein krimineller Akt und war gesetzlich verboten. Sie wurde entweder von der Frau selbst oder von anderen Personen, die oft nur geringe medizinische Kenntnisse hatten, unter mangelhaften hygienischen Verhältnissen und häufig auch mit ungeeigneten Instrumenten vorgenommen – „auf dem Küchentisch“, wie man damals sagte. Vielfach hatten die Frauen nach solchen unprofessionellen Eingriffen schwere Infektionen mit bleibenden Folgen, an denen auch nicht wenige starben. Ein Schwangerschaftsabbruch dagegen wird ärztlicherseits unter klinischen Bedingungen vorgenommen und bleibt daher in den allermeisten Fällen körperlich folgenlos. Seit 1972 konnte in der DDR der medizinische Abbruch einer Schwangerschaft bis zur 12. Woche auf Wunsch der Schwangeren vorgenommen werden. Frauenärzte konnten feststellen, dass nach Einführung dieses Gesetzes die Zahl der als Notfall in die Kliniken kommenden Frauen nach einer illegalen Abtreibung rapide abnahm und gegen Null ging. Irrtümlicherweise nannte man den Abbruch in der DDR „Interruptio“ oder „Schwangerschaftsunterbrechung“. Das ist sprachlich falsch, denn bei einer Unterbrechung – z. B. bei einer Reise – kann man den unterbrochenen Vorgang wieder aufnehmen, was nach einer Interruptio nicht möglich ist. Deshalb sind die Begriffe Abbruch, bzw. Abruptio sachlich richtig.

Am Ende des Weges sprachen wir noch über das Verhalten der Humboldt-Universität, den Vortrag einer Biologin zu Geschlechter- und Genderfragen am 2. Juli, dem Abend der Wissenschaften, abzusagen. Einem, nach seiner Webseite vermutlich linksradikalen Verein, dem Arbeitskreis kritischer Jurist*innen, passte dieser Vortrag nicht in seine gender-ideologischen Vorstellungen und er kündigte Protestaktionen dagegen an. Darauf setzte die Universität den Vortrag ab! „Ich frage mich“, sagte ich, „ob die Uni auch so gehandelt hätte, wenn Rechtsradikale Protestaktionen angekündigt hätten. Dann hätten sie vermutlich Polizeischutz bestellt und den Vortrag stattfinden lassen.“ „Das denke ich auch“, meinte Gerd, „aber es ist doch ein schlimmes Zeichen für den freien Meinungsaustausch unter den Wissenschaftlern. Irgendwie erinnert es mich an die DDR. Die Uni sollte besser den Namen wechseln, denn der Name Humboldt passt zu solch einem Vorgehen nicht. Vielleicht in Lyssenko-Universität. Der hat sich zur Stalinzeit auch über biologische Gesetzmäßigkeiten hinweggesetzt. Ideologie statt Wissenschaft.“ „Na, wenn das so ist, warum dann nicht gleich Walter-Ulbricht-Universität?“

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

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