Dienstag, September 21, 2021
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Das Andere und das Eigene

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Hin und wieder liest oder hört man von Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“, die darüber klagen, dass andere Menschen sie nach ihrer Herkunft fragen würden, obwohl sie von Kindheit an in Deutschland leben oder sogar schon hier geboren wurden. Sie fühlen sich durch diese Fragen diskriminiert, denn schließlich seien sie doch Deutsche und das schon seit sehr, sehr langer Zeit. Es scheint, dass es als kränkend empfunden wird, wenn man als der oder die „Andere“ angesehen wird, gewissermaßen als Fremde. Kränkend daran mag sein, dass in demjenigen, der nach seiner Herkunft gefragt wird, vielleicht das Gefühl entsteht, dass er nicht dazu gehöre. Das ist zum Teil nachvollziehbar. Und doch fällt es mir schwer es in jedem Fall zu verstehen. Auf Urlaubsreisen im Ausland, besonders aber in außereuropäischen Ländern, bin ich in einem Restaurant oder beim Einkaufen oft danach gefragt worden, woher ich denn komme. Ich empfand solche Fragen nie als kränkend oder gar diskriminierend, sondern als interessiert und neugierig. Gern gab ich Auskunft und hin und wieder ergab sich daraus ein freundliches und informatives Gespräch.

Ich muss gestehen, dass auch ich zu diesen Übeltätern gehöre, die bei einem etwas längeren Kontakt in einem Geschäft, einem Restaurant oder einer Arztpraxis jemanden nach seiner ursprünglichen Heimat frage, wenn ich aufgrund seines Aussehens oder seiner Sprache den Eindruck habe, dass seine Herkunft nicht in Deutschland wurzelt. Das ist aber keine Abwertung des Anderen, sondern schlicht und einfach Neugierde. Ergibt sich daraus ein etwas längeres Gespräch, so erfahre ich oft Interessantes aus seiner früheren Heimat oder über die Schwierigkeiten des Ankommens hier und ich lerne einiges dazu. Ein solcher Kontakt mit einem jungen Mann, dessen Eltern aus Syrien hierherzogen, ermöglicht mir vielleicht sogar den Versuch, etwas über einen syrischen Freund aus meiner Jugendzeit zu erfahren, der damals für drei Jahre in der DDR arbeitete. Vorausgesetzt, er lebt überhaupt noch und die damalige Adresse wäre noch richtig. Aber das nur nebenbei.
Der Kontakt oder ein Zusammentreffen mit dem oder den „Anderen“ ist für einen Menschen immer etwas Besonderes. Das Andere steht immer in einem gewissen Kontrast oder auch in einem Gegensatz zu dem Eigenen. Es weckt unterschiedliche Gefühle in uns. Manchmal auch scheinbar sich widersprechende Gefühle, wie zum Beispiel Interesse und Vorsicht zugleich. Das Andere ist zuerst für uns immer etwas Fremdes, eben nicht das Eigene. Erst wenn aus dem Zusammentreffen eine echte Begegnung wird, hat man vielleicht die Chance in dem scheinbar Fremden auch Ähnliches, vielleicht sogar Gleichartiges zu entdecken. Doch wie soll es dazu kommen, wenn schon eine erste vorsichtige Frage nach dem woher als diskriminierend empfunden wird? Dann sind die Brücken gewissermaßen schon abgebrochen, bevor sie überhaupt errichtet wurden.

Vielleicht haben wir zuletzt im Mutterleib uns und die uns umgebende Welt einmal als eine Einheit empfunden, doch spätestens nach dem wir geboren wurden, umgab uns die Fremde – kalt, laut und grob. Vorbei die Geborgenheit einer empfundenen Einheit, ein für allemal. Rund um uns herum das Fremde, das Andere. In der Konfrontation mit dem Anderen und der Abgrenzung von dem, was nicht Ich ist, entwickelt sich beim Kind ganz allmählich und stetig das eigene Selbst, das Selbst-Bewusstsein. Individuation, Individualität und Identität entstehen eben durch Abgrenzung, durch die Unterscheidung von dem Eigenen und dem Anderen. Das sind normale psychische Entwicklungsprozesse, die wir alle durchgemacht haben ohne uns dessen bewusst geworden zu sein. Einfach so – ohne Vorsatz, ohne Absicht.

So entstanden die ersten Erfahrungen mit dem Anderen, manchmal schön, wohltuend und befriedigend, die im günstigen Fall zu dem führen, was Psychologen „Urvertrauen“ nennen, das sich bei einer störungsfreien intakten Kindheit im ersten Lebensjahr entwickeln kann. Es führt später zu einem gewissen gefühlsmäßigen Basis-Vertrauen der Welt gegenüber, von dem der libanesische Philosoph Khalil Gibran (1883-1931) so schön sagt: „Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird.“ Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Erfahrungen in der frühen Kindheit, die enttäuschend, schmerzhaft und frustrierend sind und im Gegensatz zum Urvertrauen zu einem „Urmisstrauen“ führen können. Schaut der Eine mit Offenheit in die Welt und geht auf sie zu, so übt der Andere vorsichtige, vielleicht sogar misstrauische Zurückhaltung und erwartet bei neuen Begegnungen oder auf unbekanntem Terrain eher unangenehme Überraschungen. Man sollte das nicht nur negativ sehen oder es als eine „Charakterschwäche“ betrachten. Nein, nicht selten ersparen sie sich damit Enttäuschungen, die den stets Vertrauenden, die allem Neuen mit offenen Armen entgegentreten, eher widerfahren. Allerdings versäumen sie so auch manches schönes Erlebnis. Beide Verhaltensformen erfolgen hauptsächlich gefühlsgesteuert, fast instinktiv und sind, wie oben zitiert, dem Denken nur schwer zugänglich. Unser Denken ist ja bestens darin geübt, nachträglich auch falsche Handlungsweisen rational zu begründen. Das wissen wir sowohl aus unserem täglichen Leben, wie auch aus den Reden mancher Politiker.
Wesentlicher als die einfache Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, des Anderen, ist dagegen die Bewertung des Unterschiedes oder der Gegensätze. Die Tatsache, dass wir einem Menschen aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Gesichtes ansehen oder infolge seiner Sprache anhören, dass er oder seine Eltern nicht aus Deutschland oder Europa stammen, diese Tatsache ist weder diskriminierend und schon gar nicht rassistisch. Schließlich sind wir weder blind noch taub. Erst wenn die einfache Feststellung der Andersartigkeit mit einer Wertung, im speziellen Fall mit einer Abwertung verknüpft wird, dann erst wird es zu einer Diskriminierung des Anderen!

Die Achtung vor dem Anderen hat immer auch etwas mit der Selbstachtung zu tun. Erst ein gesundes Selbstbewusstsein ermöglicht eine Begegnung auf gleicher Ebene. Wer sich selbst nicht achtet, also nur ein geringes Selbstbewusstsein hat, neigt zu zwei scheinbar völlig gegensätzlichen Handlungsweisen bei der Begegnung mit dem Fremden: Entweder er überhöht sich und hält sich für viel besser als den Anderen oder aber er verhält sich unterwürfig und liebedienerisch. Beides wirkt falsch auf den Anderen und kann kaum Vertrauen aufbauen, sondern wird eher Abwehr oder Misstrauen hervorrufen. Solches Verhalten zeigen natürlich nicht nur Einzelne, sondern ganze Gruppen, manchmal sogar ganze Völker. An dieser Stelle fällt mir ein umstrittenes Zitat ein, das mal Churchill oder mal Stalin zugeschrieben wird: „Entweder hat man die Deutschen an der Gurgel oder zu Füßen.“ Egal, ob es wirklich so ausgesprochen wurde oder nicht – es charakterisiert den Eindruck, den vielleicht manche andere von dem Verhalten der Deutschen bzw. der sie jeweils regierenden Gruppen haben. Mal hielten wir uns für die Größten und Besten und dann wieder für die Schlechtesten, die es auf der Welt je gab. Beides ist ebenso dumm wie falsch. Offenbar scheint es uns schwerzufallen, ein „normales Volk“ mit guten und schlimmen geschichtlichen Anteilen zu sein, eben eine Nation unter anderen. Zwar mit Besonderheiten, aber nichts Besonderes!

Es ist die Begegnung auf Augenhöhe, die den Anderen als den Anderen akzeptiert und ihn nicht einfach als den „Gleichen“ sieht. Es scheint oft so zu sein, dass Gleichberechtigung mit Gleichheit verwechselt wird. Das ist ein Irrtum. Erst die Ungleichheit zwischen den Menschen und den Völkern ermöglicht in der Begegnung den Zugewinn an interessanten, spannenden Erfahrungen. Wie langweilig wäre das Leben, wenn ich immer nur dem gleichen Spiegelbild meiner selbst begegnen würde! Aber vielleicht fänden manche das auch angenehmer und bequemer? Dann wäre der Andere kein anderer, sondern nur jemand wie man selbst und damit ein Anlass zur Selbstbestätigung: „Alle sind so wie ich, also bin ich völlig in Ordnung.“ In solch einer Welt ist dann natürlich jedes Anderssein eine Provokation. Ja, schlimmer noch, es stellt das eigene Weltbild in Frage. Die Romane „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley oder „1984“ von George Orwell schildern solche Welten, wo das Anderssein ein Verbrechen ist. Doch auch in der Wirklichkeit gab und gibt es das. Die Massenaufmärsche gleichgekleideter, d. h. uniformierter und gleiche Parolen rufender Menschen während des Faschismus in Italien oder Deutschland und als kommunistische Variante in der Sowjetunion, China oder Nordkorea zeigten und zeigen auch heute noch, dass das „Andere“, das nicht im Gleichschritt marschiert und nicht gleichgeschaltet denkt, nicht gewollt, sondern gefürchtet wird und beseitigt werden soll. In Krisenzeiten, wie z. B. in der jetzigen Pandemiezeit sind auch demokratische Staaten nicht ganz frei von der Tendenz, abweichenden Meinungen nicht nur zu widersprechen – das wäre im Sinne eines freien Meinungsstreites völlig in Ordnung – sondern sie neigen dazu, die Andersdenkenden auch zu diskreditieren, manchmal sogar zu kriminalisieren. Dann scheint es, als wehe ein ganz sanfter Hauch von China durch da Land.

Wir sollten die Verschiedenheiten pflegen und auch darüber reden dürfen, statt gekränkt zu sein, wenn wir auf unser Anderssein angesprochen werden. Paul F. Gaudi

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