Freitag, Dezember 2, 2022

Gedanken- und Spaziergänge im Park: Demokratie 2.0

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Eine neue Variante der Demokratie scheint sich in Deutschland einzubürgern, die der Wahlkorrektur. Es begann mit der letzten Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen. D. h., richtig muss es heißen mit der vorletzten Wahl. Da wurde der FDP-Politiker Thomas Kemmerich am 5. Februar zum Ministerpräsidenten gewählt und hatte dieses Amt knapp vier Wochen inne. Dummerweise auch mit den Stimmen der AfD. Der Spaßvogel Jan Böhmermann bezeichnete dieses Ereignis blasphemisch als „Zivilisationsbruch“ – ein Begriff, der bislang der Shoah und der Judenverfolgung vorbehalten war. Die Kanzlerin beurteilte diese Wahl von Südafrika aus als „unverzeihlich“ und verlangte, dass sie rückgängig gemacht werden solle. Was auch prompt geschah und darauf am 4. März der jetzige Ministerpräsident Thüringens Ramelow erneut gewählt wurde. Dieses Vorgehen machte Schule und Radebeul nahm sich ein Beispiel daran. Dort wurde der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete sächsische Schriftsteller Jörg Bernig mehrheitlich zum Leiter des Kulturamtes der Stadt gewählt. Es war eine geheime Wahl, aber man nimmt an, dass von den 17 Stimmen für ihn sechs von der AfD stammten. Oberbürgermeister Bernd Wendsche, der übrigens 2013 höchstpersönlich Jörg Bernig mit dem Kunstpreis der Stadt Radebeul ausgezeichnet hatte, legte gegen diese Wahl auch kein Veto ein. Bernig gehört der AfD nicht an, aber er hat eine konservative Gesinnung und das reicht einigen schon um gegen ihn zu sein. Es wurde eine Kampagne gegen ihn inszeniert und der Oberbürgermeister sprach ein paar Tage später dann doch sein Veto gegen die Wahl Bernigs aus. Zu der erneuten Wahl trat Bernig dann nicht mehr an. Heißt das nun, dass so oft gewählt wird bis das gewünschte Ergebnis erzielt ist? Wäre es dann nicht einfacher und weniger aufwendig, wenn die jeweilige Obrigkeit von vornherein bestimmen würde, wie entschieden werden soll? Man darf gespannt sein, wie dieses neue Demokratieverständnis sich auf unser Land auswirkt und welche Kreise es ziehen wird.

Zu etwas anderem: Nach dem üblen Mord durch brutale Polizisten an George Floyd am 25. Mai in Minneapolis kam es zu großen antirassistischen Demonstrationen in den USA, die vielerorts aber auch in Brandstiftungen und Plünderungen ausarteten. Man wurde sowohl auf die Benachteiligung der Afroamerikaner, aber auch auf das in den USA häufig brutale Vorgehen der Polizei aufmerksam. Eigentümlich war nur, dass ähnlich große Demonstrationen mit den gleichen Parolen auch in Deutschland stattfanden. Zigtausende Demonstranten waren am 6. Juni in nahezu allen großen Städten Deutschlands auf den Plätzen und Straßen. Wenn der Anlass auch verständlich ist, so verwundert es doch, dass eine entsprechende Anteilnahme nach den Morden in Hanau, wo am 19.2. zehn Menschen mit Migrationshintergrund von einem Täter erschossen wurden, deutlich geringer war und sich hauptsächlich auf Hanau und Marburg beschränkte und die hinterhältige Ermordung eines 15-jährigen Jesiden in Celle am 11. April kaum eine große Menge auf die Straßen trieb. Man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass bei diesen Großdemonstrationen gegen die rassistische Polizeigewalt in den USA noch etwas anderes im Untergrund eine Rolle spielte: nämlich ein tief verwurzelter politischer Antiamerikanismus, der schon in der Nazizeit Staatsdoktrin war, von der DDR fast nahtlos übernommen und in Westdeutschland von den Achtundsechzigern ausgiebigst praktiziert wurde. Die Frage ist nicht unberechtigt, ob nicht auch solche Intentionen die Demonstrationen mit befördern. Man mache sich deshalb ruhig einmal die Mühe und lese im Internet die Statistiken der USA von tödlicher Gewalt durch und an Polizisten bei den verschiedenen Ethnien, einschließlich deren Mordtaten untereinander und die betreffenden Kriminalitätsstatistiken, um mit einem etwas klareren Blick die tragischen Ereignisse zu betrachten.

Misstrauen erwecken auch die Angriffe auf diverse Denkmäler in den USA und Europa. Ereignisse, die eigentümlicherweise von verschiedenen Kommentatoren in den Nachrichten mit einem gewissen Wohlwollen geschildert werden. Schon 1821 hatte der Dichter Heinrich Heine in seiner Tragödie „Almansor“ hellsichtig formuliert: „Das war ein Vorspiel nur! Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Die Nazizeit lieferte den schrecklichen Beweis für diesen Satz. Man könnte ergänzen: Dort wo man Denkmäler schändet, stürzt und zerstört, schändet und tötet man auch Menschen. Dieser Satz bewahrheitete sich z. B. mithilfe der Guillotine in der Zeit des „Großen Terrors“ (mehr als 30.000 Hingerichtete) unter Robespierre während der französischen Revolution und in den letzten 75 Jahren in der chinesischen „Kultur“-Revolution (1966-69) unter Mao, bei der mehrere Millionen Menschen ermordet wurden oder auch während des Genozids am eigenen Volk durch das Pol-Pot-Regime 1975-79 in Kambod-scha, wo etwa ein Fünftel der Bevölkerung verhungerte oder hingerichtet wurde. Immer wurden bei all diesen Ereignissen auch Denkmäler zerstört und Kulturgüter vernichtet. In unserer Zeit trat der „Islamische Staat“ in Syrien und im Irak durch die Zerstörung von Kulturdenkmälern und den Hinrichtungen Andersgläubiger den Beweis für den Satz an.

Jetzt zu Beginn der Denkmalsstürzerei ging es erst einmal um Denkmäler von Sklavenhaltern und Sklavenhändlern. Als einer der ersten fiel Christoph Kolumbus in Richmond (Virginia) vom Sockel, der aber weder Sklaven hielt, noch mit ihnen handelte. Er hatte sich der Entdeckung Amerikas „schuldig“ gemacht, nach der in den folgenden Jahrhunderten der Sklavenhandel nach Amerika große Formen annahm. Aber doch nicht durch ihn! Wenn jemand etwas gegen Kolumbus haben könnte, dann doch wohl die Indianern, die in der Folgezeit sowohl in Nord-, wie auch in Südamerika nahezu ausgerottet wurden. Über den Sklavenhandel der Neuzeit wird auch relativ einseitig berichtet. Er war wahrhaftig keine europäische Erfindung. Lange bevor Europäer afrikanischen Boden betreten hatten (von der Mittelmeerküste Nordafrikas einmal abgesehen) trieben die Araber einen ausgiebigen Handel mit schwarzen Sklaven. In den Märchen aus 1001 Nacht, die etwa im 11. und 12. Jahrhundert entstanden, kommen oft schwarze Sklaven vor, schon in der Rahmengeschichte spielen einige von ihnen eine negative Rolle. Der europäische Sklavenhandel, vor allem durch niederländische, portugiesische, englische, französische und auch dänische Händler und Flotten, hatte seine hohe Zeit im 17. und 18. Jahrhundert. Zu der Zeit aber hatten diese Staaten lediglich einige Küstenstriche Afrikas im Besitz, keine großflächigen Kolonien. Die versklavten Menschen erwarben sie auf den Sklavenmärkten von dort ansässigen afrikanischen und arabischen Händlern. Afrikanische Könige und Stammesfürsten beschafften diese menschliche „Ware“ durch Überfälle und Kriege mit benachbarten Völkerschaften. Europäer waren zwar der Motor dieses üblen Gewerbes, aber keinesfalls die alleinigen Täter.

In Belgien richtet sich der Zorn vor allem gegen Leopold II. (1835-1909), der in Belgisch-Kongo die Arbeitskraft der dortigen Bevölkerung blutig ausbeutete. Der amerikanische Journalist Adam Hochschild spricht von seinerzeit 10 Millionen Toten! Eine große Zahl von Menschen wurde dort grausam misshandelt, gequält und brutal verstümmelt. Viele konnten in der Folge sich selbst und ihre Familien nicht mehr ernähren und starben. Belgien aber wurde reich dadurch und zahlreiche Prunkbauten entstammen dieser Zeit. Da mutet es etwas scheinheilig an, wenn die Belgier diesen König jetzt von Straßenschildern streichen und seine Denkmäler entfernen wollen. Das kostet ja nichts. Vielleicht könnten sie stattdessen besser etwas von dem Reichtum zurückgeben?

In Deutschland geht es derzeit weniger um den Sklavenhandel als um den Rassismus. Dabei neigen unsere Denkmalsstürzer dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten, anscheinend eine typisch deutsche Eigenschaft. So werden neuerdings auch Kant und Hegel als Rassisten enttarnt, statt sie als Kinder ihrer Zeit und des damaligen Kenntnisstandes zu sehen! Auch Martin Luther gerät in das Visier. Er hat sich mehrfach antisemitisch geäußert. Besonders schlimm in seiner 1543 erschienenen Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, in der er sogar forderte die Juden zu vertreiben und die Synagogen zu zerstören! Müssen wir uns vielleicht noch schützend um das Lutherdenkmal vor der Johanneskirche stellen, damit es von randalierenden Weltverbesserern nicht gestürzt wird? Oder muss Wittenberg gar auf seinen Zusatz „Lutherstadt“ verzichten?

Nur weiter so: Wer sich selbst seine Wurzeln abschneidet, wird bald keine Früchte mehr tragen und verdorren.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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