Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Der hundertste Spaziergang

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Nach dem letzten Spaziergang tranken Gerd und ich noch einen Espresso in einem Café bei der Hubbrücke. „Hier habe ich noch etwas Stoff für dich“, sagte er und schob mir ein paar Zettel rüber. „Das sind Stelleninserate aus einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift eines sehr großen deutschen akademischen Berufsverbandes.“ „Ja und? Du willst dich doch in deinem Alter nicht noch irgendwo bewerben, oder?“ fragte ich ihn. „Nein, natürlich nicht. Das ist aber etwas aus meiner Skurrilitätensammlung der neuen deutschen Sprache.“ Ich schaute mir das erste Inserat an und las: Für unsere Einrichtung wird ein leitender Mitarbeiter (m/w/i/t) gesucht. „Na, vielleicht suchen die jemanden, der auch italienisch spricht.“ Gerd lachte und sagte: „Du bist genauso dumm wie der Lehrling, der sich auf eine Ausbildungsstelle bewarb. Auf die Frage des Firmeninhabers, warum er sich besonders dafür geeignet fühle, antwortete er: na, da steht doch m/w/d. Und das bin ich – männlich, weiß, deutsch. Nein, das hat nichts mit Italien zu tun. m/w/i/t bedeutet nichts anderes als männlich, weiblich, intersexuell oder transsexuell. D. h., der Inserent hat das kleine d, dass für divers steht, noch in inter- und transsexuell aufgeteilt. Wir Deutsche haben es eben gerne kompliziert. In den Inseraten aus der Schweiz steht übrigens nur ‚Mitarbeiter/Mitarbeiterin‘, ohne all die Geschlechterabkürzungen.“ „Ja, die Schweizer sind klug! Ehe die mit dieser Genderei anfangen würden, müsste wahrscheinlich erst eine Volksabstimmung durchgeführt werden. Und wie die ausginge, kann man sich ausrechnen. Unsere Obrigkeit weiß schon, warum sie keine deutschlandweiten Volksabstimmungen will.“ „Genau. Aber sieh hier, es kommt noch besser! Ein Inserat der Universität Münster. Da steht: Gesucht wird ein Oberabteilungsleiter* (gn), was sagst du dazu?“ „Verstehe ich nicht.“ „Ging mir zuerst genauso“, erwiderte Gerd. „Und das stand bei mehreren Stellenangeboten auf diesem Inserat, immer die gleiche Abkürzung (gn) mit Sternchen hinter der Berufsbezeichnung. Aber bei der untersten Zeile des Inserates kam dann die Aufklärung. Das Sternchen * war nur ein Hinweis auf die Erläuterung. Da stand nämlich: * gn = geschlechtsneutral! Die sind raffiniert, die Münsteraner, nicht wahr? Denn schließlich gibt es unter der Gruppierung divers nach der Meinung einiger wahrscheinlich recht zwanghafter „Diversanten“ gemäß Facebook knappe 60 verschiedene Geschlechtseinteilungen! Mit der Abkürzung gn erspart sich die Uni Münster eventuelle Klagen wegen Diskriminierung verschiedener Geschlechtervarianten. Die Gleichstellungsbeauftragte war recht gut beraten mit dieser Abkürzung gn.“ „Stimmt, aber wieso sagts Du die Gleichstellungsbeauftragte? Vielleicht war es ein Mann?“ „Kaum. So gut wie alle Gleichstellungsbeauftragten in Deutschland sind Frauen. Geschlechtergerechtigkeit oder eine Geschlechterquote gibt es bei diesem Beruf ebenso wenig wie bei den katholischen Priestern.“

Als wir uns verabschiedeten sagte Gerd noch zu mir: „Nun kommt ja bald dein 100. Spaziergang. Aber eine Frage hätte ich noch: Warum machst du das eigentlich? Die Zeitung wird schnell gelesen, selten wird etwas aufgehoben, die meisten landen im Altpapier, weil sie nicht mehr aktuell sind. Und auch deine Spaziergänge sind meistens zeitbezogen und manchmal schon bald überholt. Warum tust du das also?“ „Weil es mir Spaß macht“, war meine schnelle Antwort. Dann trennten sich unsere Wege und ich blieb mit meinen Gedanken allein.

Das ist nun der 100. Spaziergang. Ist das etwas Besonderes? Eigentlich nicht, denn eine 100 ist genauso eine Zahl wie die neunundneunzig Zahlen vor ihr und die unendlich vielen nach ihr – und doch unterliegt man der Magie der runden Zahl, wie bei einer silbernen oder goldenen Hochzeit. Vor allem aber: meine Antwort auf Gerds Frage erschien mir im Nachhinein doch recht oberflächlich. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fiel mir dazu ein. Es gab da äußere Anlässe, aber auch recht persönliche Gründe, die sich mir erst bei längerem Nachdenken erschlossen.
Ein äußerer Anlass waren die regelmäßigen Kolumnen des leider viel zu früh verstorbenen Ludwig Schumann (1951-2019) in dieser Zeitung unter dem Titel „Ich bin ein langsamer Leser“. Ich bin Ludwig Schumann zwar selten, aber doch regelmäßig begegnet, meist auf Ausstellungseröffnungen. Ich habe mich gern mit ihm unterhalten, obwohl wir in einigen Dingen recht verschiedene Auffassungen hatten – oder vielleicht gerade deswegen. Aber immer waren diese Gespräche von gegenseitiger Achtung getragen, auch bei manchmal sehr unterschiedlichen Standpunkten. So wie eben vernünftige Menschen miteinander reden sollten. Doch so manches auf seiner Seite des „langsamen Lesers“ sah ich anders und bat um die Möglichkeit, auch meine andere Sicht darstellen zu können. So kam es im Juli 2017 zum ersten Spaziergang, dem dann regelmäßig weitere folgten.

Natürlich gibt es auch noch persönlichere Gründe. Ich bin ein „alter, weißer Mann“. Das ist übrigens ein Begriff, den ich nicht als eine Schmähung auffasse. Sondern „alter, weißer Mann“ bedeutet für mich Anstand, Würde und eine lebenslange Arbeit für die Gesellschaft und an sich selbst. Negative Deutungen dieser Klassifizierung haben wohl eher etwas mit jugendlicher Überheblichkeit, geringer Selbstkritik und mangelnder historischer Bildung zu tun. Aber das nur nebenbei. Zurück zu den Gründen. Im höheren Alter werden die Verluste häufiger. Das betrifft außer der eigenen Gesundheit vor allem Menschen, mit denen man früher etwas unternommen und geistigen Austausch gepflegt hat. Das muss nicht immer hochgeistig gewesen sein, es gilt auch für eine allgemeine fröhliche Geselligkeit. So traf ich früher zu DDR-Zeiten meine Freunde, die ganz verschiedenen Berufen angehörten, regelmäßig im Weinstudio am Hasselbachplatz und es wurde stundenlang miteinander gequatscht, manchmal geblödelt, aber meist sehr ernst und immer sehr offen miteinander geredet. Angst vor Spitzeln hatten wir kaum, denn die drei oder vier, die sich für uns interessierten, kannten wir schon lange. Wenn einer von ihnen an unseren Tisch wollte, so verweigerten wir das mit der Begründung, dass wir schon zu acht oder mehr an einem Tisch saßen, der eigentlich nur für sechs Personen gedacht war. Was aber nicht ausschloss, dass wir gerne noch etwas zusammenrückten, wenn einer der unseren später auftauchte. Da wurde leidenschaftlich miteinander geredet und gestritten. Über Kunst, über Religion und Philosophie, natürlich auch über Politik. Anregend waren diese Gespräche immer. Das Weinstudio gibt es schon lange nicht mehr und all die alten Tischgenossen sind in alle Himmelsrichtungen verstreut. So manch andere wichtigen Gesprächspartner, mit denen ich mich intensiv auf unseren Treffen austauschte und die auch nachhaltigen Einfluss auf mein Denken hatten, sind inzwischen verstorben. Zu ehemaligen Schulkameraden gibt es nur noch sehr wenige Verbindungen. Mit diesem oder jener von ihnen hat man sich kaum noch etwas zu sagen, wenn man sich zufällig einmal trifft. Da wird dann nach den Kindern gefragt oder von den Krankheiten erzählt. Nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben verringerten sich die interessanten Begegnungen noch mehr. Alt werden bedeutet für die meisten eine gewisse Vereinsamung. Das liegt natürlich nicht nur an den anderen. Auch man selbst wird bequemer oder träger und sucht schon lange nicht mehr jede Veranstaltung auf, obwohl sich dort vielleicht eine interessante Begegnung ergeben würde.

Twitter oder Facebook, die Abfallgruben des Internets, benutze ich nicht. Ein Gespräch, das diese Bezeichnung verdienen würde, ist in diesen Medien unmöglich. Es verwundert mich immer wieder, wieviele Politiker diese meist nur Plattheiten transportierenden sogenannten „sozialen Medien“ benutzen. Und dabei denke ich nicht einmal an Donald Trump, sondern an unsere deutschen Politiker und Politikerinnen. So bleibt dann letztlich nur noch das Telefon übrig, um einen, ein bisschen ausführlicheren, Austausch mit einem sympathischen und geistig näherstehenden Menschen zu führen. Doch so richtig ersetzt es eine Begegnung auch nicht. Die kann eigentlich nur Aug in Auge stattfinden. Die Kultur des Briefeschreibens, wie in den vergangenen Jahrhunderten üblich, habe ich, haben wir alle verlernt oder vielleicht auch nie gelernt.

Sicher ist ein Antrieb zum Schreiben auch ein gewisses Geltungsbedürfnis nach dem Motto: Ich habe zu diesem und jenem auch etwas zu sagen und möchte das öffentlich zur Kenntnis geben. Aber das Schreiben der Gedanken auf den Spaziergängen ist mehr als nur eine Eitelkeit und eine persönliche Stellungnahme zu gesellschaftlichen Diskussionen und politischen Ereignissen, sondern auch ein ganz persönliches Zeichen: Schaut her, ich bin noch da, ich lebe noch, ich nehme teil an diesem Leben! Sicher auch mit der leisen Hoffnung auf Resonanz. Denn was nützt das ganze Rufen, wenn es keine Antwort gibt? Dann wäre alles nur Schall und Rauch und Haschen nach Wind.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100, ab Dez.) erhältlich. Das Buch kann im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

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