Samstag, Mai 21, 2022
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Die blaue Blume

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Die Worte „blaue Blume“ ergänzen manche zu „blaue Blume der Romantik“, so wie ihnen auch umgekehrt bei dem Begriff Romantik die schon fast sprichwörtliche blaue Blume einfällt. Als nächstes wird dann oft der Name Novalis assoziiert. Vor 250 Jahren, am 2. Mai 1772, wurde Novalis auf Schloss Oberwiederstedt als Georg Philipp Friedrich von Hardenberg geboren. Den Namen Novalis gab er sich später selbst als Künstlernamen. Novalis bedeutet „der das Neuland Bestellende“. Der Name war Programm, denn tatsächlich haben Friedrich von Hardenberg und seine Freunde mit ihren Werken schriftstellerisches und philosophisches Neuland bestellt, das wir heute als „Frühromantik“ bezeichnen. Sein Vater Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg (1738–1814) war 1784 der Direktor der Salinen in Dürrenberg, Artern und Kösen, daher zog die Familie 1786 nach Weißenfels um. Er war ein Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine und ein frommer Pietist. Seine erste Frau verstarb sehr früh, was er als Strafe für sein bisheriges weltliches Leben ansah. Mit seiner zweiten Ehefrau Auguste Bernhardine hatte er elf Kinder. Friedrich war das zweite Kind in dieser Ehe. Nach der Reifeprüfung in Weißenfels 1790 begann Novalis ein Jurastudium in Jena, das er in Leipzig und Wittenberg fortsetzte. Im Zuge dieses Studiums hörte er 1791 in Jena Friedrich Schillers Geschichtsvorlesung und knüpfte zu ihm enge persönliche Kontakte. Novalis verehrte Schiller sehr und bezeichnete ihn schwärmerisch als den „Erzieher des künftigen Menschengeschlechts“. Da sich Schillers erste Wohnung in der „Schrammei“ (Jenergasse 26) befand, einem großen barocken Mietshaus, waren beide quasi Nachbarn. Novalis’ Krankenwachen an Schillers Bett nach dessen erstem großen Zusammenbruch 1791 sind bezeugt. Weiterhin begegnete er in Jena auch Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder und Jean Paul, schloss Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel. Im Juni 1794 schloss Novalis das Jurastudium in Leipzig mit bestem Examen ab.

Er wurde aber nicht wie geplant in den Staatsdienst aufgenommen und nahm stattdessen 1794 eine Stelle als „Aktuarius“, so etwas wie ein Sekretär, bei dem Kreisamtmann Coelestin August Just in Tennstedt an, der später auch sein Freund und Vertrauter wurde. Am 17. November 1794 lernte er auf Schloss Grüningen Sophie von Kühn kennen. Er sah Sophie und fast augenblicklich begann die große Liebe seines Lebens. Sophie von Kühn war noch nicht 13 Jahre alt! Es war eine schicksalhafte Begegnung, von der Novalis an seinen Bruder Erasmus von Hardenberg schrieb, dass „eine Viertelstunde über mein weiteres Leben entschieden hat“. AIs Novalis dann seinem Bruder Erasmus auch noch mitteilte, dass er sich endgültig zu binden gedenke und dass er in Sophie von Kühn die einzige Lebensgefährtin gefunden habe, war der Bruder doch sehr skeptisch. Er schrieb ihm einen Brief voll dringender Warnungen zurück, erinnerte ihn daran, wie oft er schon zu lieben geglaubt hätte und wie wenig ein erster Eindruck – und gar nur von einer Viertelstunde – entscheiden könne. „Fritz, den Flatterer” nennt er ihn, nach dem das Verhältnis mit Sophie bestand. Auf seine früheren Verliebtheiten zurückblickend schreibt Erasmus seinem Bruder: „ich möchte das Zetergeschrei nicht hören, wenn alle die Mädchen, denen Fritz in seinem Leben einmal die Cour gemacht hat, darüber, daß er nicht sie, sondern die Sophie heiraten will, Klagelieder anstimmen wollten! Weimar und Jena, Weißenfels und Erfurt, Wittenberg und Leipzig müssten mit Donner und Blitz, Wolkenbrüchen und Erdbeben untergehen und niemand würde mich mehr dauern wie der arme Fritz, denn der würde vor der Zeit taub.” Allen gegensätzlichen Meinungen zum Trotz verlobten sich die beiden im März 1795 heimlich am Sophies 13. Geburtstag! Aber dieser Liebe war kein Glück beschieden. Im Herbst des gleichen Jahres erkrankte Sophie schwer. Überliefert sind die Diagnosen Schwindsucht, wie man die Tuberkulose damals nannte und Entzündungen im Bauchraum. Deswegen wurde sie zwischen Mai und Juli 1796 dreimal in Jena operiert, was eine Tortur sondergleichen gewesen sein muss, denn zu der Zeit gab es ja noch keine Narkose! Sie erholte sich nicht wieder und verstarb am 19. März 1797, zwei Tage nach ihrem 15. Geburtstag an einem Blutsturz.

„Der Tod des Anderen ist der erste Tod“, schrieb der Philosoph Levinas und für Novalis begann mit Sophies Tod auch sein Sterben, sein „Nachsterben“, wie er es nannte. „Sie ist gestorben – so sterbe ich auch – die Welt ist öde, leer“, notiert er in seinem „Journal“. Aber Novalis siecht nicht depressiv dahin. Nein, er arbeitet intensiv. Er schreibt, dichtet und beginnt im gleichen Jahr ein Studium an der Bergakademie Freiberg, da er bereits ein Jahr zuvor eine Anstellung am Salinenamt in Weißenfels angenommen hatte. Daneben schreibt er viel. Die „Hymnen an die Nacht“ entstehen und Gedichte. 1798 erscheint in der von den Brüdern Schlegel herausgegebenen Zeitschrift „Athenäum“ als erste Publikation unter dem Pseudonym Novalis eine Sammlung von aphoristischen vermischten Bemerkungen mit dem Titel „Blütenstaub“. Er arbeitet an einem naturphilosophischen Roman „Die Lehrlinge zu Sais“, der unvollendet blieb und wie das meiste seiner Werke erst nach seinem Tode erschien.

So auch das Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“. Es ist ein Entwicklungs- und Bildungsroman, wie ihn auch Goethe mit seinem „Wilhelm Meister“ schuf. Aber für Novalis war Goethes Roman zu sachlich und zu pragmatisch und ihm fehle es an der Poesie, bemerkt er. Novalis aber will das Leben mit Poesie versehen. Im Heinrich von Ofterdingen erscheint im ersten Teil das Motiv der blauen Blume: Der junge Heinrich denkt über die Begegnung und Erzählungen eines Fremden nach und über die blaue Blume, die dieser erwähnte. Er schläft über diesen Gedanken ein und beginnt zu träumen: „Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stängel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte […].“

Seither ist die blaue Blume, die vermutlich auch schon in Volksmärchen vorkam, ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Den Begriff Romantik hat Novalis wohl nicht geschaffen, er sprach aber von „romantisieren“. Sein Ziel war eine Romantisierung der Welt: „Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar.“ Das Romantisieren überwindet die Gegensätzlichkeit von Verstand und Gefühl, von Geistigem und Materiellem, ja auch zwischen Menschlichem und Göttlichem. Es kündet von einer Welt als einem einheitlichen, harmonischen Organismus. Eigentlich macht erst das Romantisieren die Welt wirklich zu einem lebenswerten Ort. Könnte man nicht sogar sagen – auch in Kenntnis der Geschichte – es würde die Welt menschlicher machen?

Der dreiteilige Roman „Heinrich von Ofterdingen“ blieb unvollendet. Vom dritten Teil gibt es nur Notizen von Novalis. Er erschien 1802 erst nach seinem Tod, wie das meiste seines Werkes, denn am 25. März 1801 starb Novalis mit nicht ganz 29 Jahren in Weißenfels ebenfalls an der Schwindsucht. Oder um mit seinen Worten zu sprechen: vier Jahre nach Sophie starb er ihr nach.

Abschließend noch ein des Nachdenkens werter Gedanke aus der aphoristischen Sammlung „Blütenstaub“: „Wir träumen von Reisen durch das Weltall – ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht – nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten – die Vergangenheit und Zukunft.“

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

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